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S-Bahnlinie S 85: Eine gegen alle

Vom 10. Dezember an sollen die Züge der S85 wieder fahren.

Vom 10. Dezember an sollen die Züge der S85 wieder fahren.

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Imago/Hohlfeld

Auf den ersten Blick mutet dieser Beschluss ziemlich verwunderlich an. Fahrgastvertreter haben den Plan der S-Bahn, das Angebot für die Fahrgäste von Montag an zu verbessern, abgelehnt. Der Beirat für den Schienenpersonennahverkehr in Berlin und Brandenburg sprach sich dagegen aus, die Linie S 85 zwischen Waidmannslust und Grünau schon jetzt wieder in Betrieb zu nehmen.

Damit steht er nicht alleine. Auch der Senat und der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) forderten, auf die Reaktivierung der vor dreieinhalb Jahren eingestellten S 85 vorerst zu verzichten.

Noch nicht genug Fahrpersonal

„Bevor eine weitere Strecke dazu kommt, sollte den Fahrgästen erst einmal auf den bestehenden Linien ein stabiler Zugbetrieb mit genug Betriebsreserven geboten werden“, sagte VBB-Sprecherin Elke Krokowski. „Wenn wir den Winter gut überstanden haben und es genug Züge sowie Personal gibt, kann die S 85 gern wiederkehren“, so Jens Wieseke vom Fahrgastverband IGEB.

Doch die S-Bahn bleibt bei ihrem Plan. „Wir wollen den Vertrag mit den Ländern erfüllen“, sagte ihr Chef Peter Buchner. „Vom 10. Dezember an wird die Linie S 85 wieder befahren, montags bis freitags von 5.30 bis 20 Uhr“, bekräftigte ein Sprecher. Dann seien alle Linien, die es vor dem Höhepunkt der S-Bahn-Krise im Sommer 2009 gab, wieder in Betrieb. „Das trauen wir uns zu.“

Verbund und Senat sind nicht so zuversichtlich. Schon jetzt falle es der S-Bahn schwer, das vereinbarte Angebot zu gewährleisten. „Auch in den vergangenen Tagen hat sie die Sollzahl nicht erreicht“, sagte Krokowski. Morgens um sieben Uhr sollen 1028 Wagen im Einsatz sein. „Am Dienstag waren es aber nur 1012, am Montag 1022, am Freitag 1016 und am Donnerstag 1002.“

Für die S 85 werden sechs Züge mit je vier Wagen benötigt, zudem Personal. „Dabei ist auch das Problem des Fahrermangels aus unserer Sicht nicht gelöst“, hieß es in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. „Anfangs sollte es bis Oktober 2012 abgebaut sein, nun werden wir schon auf Oktober 2013 vertröstet.“

Bei den Zügen und beim Personal gebe es derzeit keine Betriebsreserven, sagte Stefan Kohte vom Verkehrsclub Deutschland (VCD). Das trage dazu bei, dass Verkehrsbehinderungen wie die Weichenstörungen am Dienstag lange nachwirken.

Kohte hatte im Beirat den Antrag eingebracht, die S 85 vorerst nicht wieder zu beleben – sondern erst dann, wenn 98 Prozent der S-Bahn-Fahrten stattfinden und 95 Prozent als pünktlich registriert werden. Tatsächlich lag die Zuverlässigkeit im Oktober bei 92,5 Prozent, die Pünktlichkeitsquote bei 92,4 Prozent.

Symbol für die Krise

Warum besteht die S-Bahn auf der S 85? Die Reaktivierung der Nord-Süd-Linie beschere den Fahrgästen zusätzliche Zugkapazitäten, hieß es dort. Es gebe aber noch andere Gründe, so Kohte. „Nur Zugfahrten, die stattfinden, werden von den Ländern bezahlt.“ Derzeit entgeht der S-Bahn wegen der S 85 dem Vernehmen nach monatlich rund eine halbe Million Euro. Die Wiederbelebung der letzten stillgelegten Strecke sei auch eine Prestigefrage. Bahn-Chef Grube habe dies versprochen, und er wolle Wort halten. Die S 85 sei ein Symbol für die S-Bahn-Krise. Im Senat prüft man nun Konsequenzen – auch finanzieller Art. Gut möglich, dass dies dazu führe, dass die Fahrten der S 85 vorerst nicht bezahlt werden, hieß es.