17.11.2011

Salons: Raum fürs Erzählen

Von Andrea Beyerlein
Zuhören und verstehen: In den Salons kommen Menschen unterschiedlicher Generationen und Herkunft zusammen.
Zuhören und verstehen: In den Salons kommen Menschen unterschiedlicher Generationen und Herkunft zusammen.
Foto: Gerd Engelsmann
Berlin –  

Zuhören ist ihr Metier: Katrin Rohnstock initiiert seit zehn Jahren Salons.15 Minuten reden – und keiner unterbricht.

Diesmal sind es nur Frauen. Einige sind über 70, andere gerade einmal 20 Jahre alt. Der Reihe nach erzählt jede, welche Rolle ihre Großeltern in ihrem Leben spielten oder spielen. Als Anna, eine junge Frau mit Igelfrisur, berichtet, wie sie in einer Notsituation vorübergehend zu ihrem 82-jährigen Opa zog und wie daraus eine Wohngemeinschaft wurde, hören alle gebannt zu. Manche schmunzeln. Dann ergreift eine ältere Frau das Wort, sicher über 70. Sie erzählt, wie sie als uneheliches Kind einer 18-jährigen Mutter in Kriegszeiten bei den Großeltern in Schlesien aufwuchs. Die anderen, ein knappes Dutzend, hören gespannt zu.

Katrin Rohnstock hat die Runde in den großzügigen Salon ihrer Büroetage in Prenzlauer Berg geladen. Zuhören ist ihr Metier. Vor 13 Jahren gründete die Sprachwissenschaftlerin das Unternehmen Rohnstock-Biografien. Das schreibt, gegen Bezahlung, Geschichte(n) auf, von Privatpersonen oder Unternehmen. Die Geschäfte gehen gut. Aber die 50-Jährige brennt nicht nur für jene Geschichten, mit denen sie Geld verdient. Seit zehn Jahren organisiert sie Salons, in denen sich Menschen ihr Leben erzählen. Erzählsalons. Am heutigen Donnerstag gibt es einen „Jubiläumssalon“.

Zu spannend zum Wegschicken

Die Salons waren eine ungeplante Begleiterscheinung des Erfolges. Die neue, ungewöhnliche Geschäftsidee stieß nicht nur bei potenziellen Kunden auf Resonanz. Häufig klingelten Besucher, die das Bedürfnis hatten, ihr Leben zu erzählen. „Wir konnten die Leutchen doch nicht wegschicken“, sagt Rohnstock. Außerdem fand sie die Geschichten einfach zu spannend.

Damit ihre Firma nicht lahmgelegt wurde, gab die Chefin dem Erzählen einen Raum. In ihrem Büro eröffnete sie ihren ersten Salon. Das Prinzip ist bis heute dasselbe: Etwa zehn Teilnehmer, die sich meist vorher nicht kannten, berichten zu einem Thema über ihre persönlichen Erfahrungen. Maximal 15 Minuten. Dabei kann es um historische Daten gehen oder um individuelles Erleben etwa des ersten Schul- oder des letzten Arbeitstages. Ein Moderator, Rohnstock spricht von Salonnièren oder Salonnièrs, sorgt dafür, dass niemand unterbrochen wird und die Geschichten nicht ausufern.

        

Katrin Rohnstock, Erfinderin der Erzählsalons.
Katrin Rohnstock, Erfinderin der Erzählsalons.
Foto: Gerd Engelsmann

Die meisten Teilnehmer des ersten Salons, zehn Frauen und zwei Männer aus allen Teilen Berlins, treffen sich bis heute ein Mal im Monat. Rohnstock selbst ist nur noch selten dabei. Aber das „Format Erzählsalon“, wie sie es nennt, lässt sie nicht mehr los. Sie hat es im Laufe der Jahre perfektioniert. Gemeinsam mit dem Hotel Adlon veranstaltete sie 2006 zum 60. Jahrestag des Kriegsendes einen „Exilsalon“ mit emigrierten Juden, der auch als Hörbuch erschien. Sie hat Ost-West-Salons initiiert, Runden mit jungen Migrantinnen und älteren Deutschen, mit Jungunternehmern und erfahrenen Wirtschaftslenkern oder den „Prenzlauer Berg-Salon“, gemeinsam mit dem Grünen-Stadtrat Jens-Holger Kirchner. „Dabei geht es immer um Zeitgeschichte“, sagt Rohnstock. „Aber es geht auch um den Austausch persönlicher Erfahrungen. So wächst Verständnis zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft. Das ist wahnsinnig wertvoll.“ Einige Volkshochschulen bieten inzwischen in Kooperation Kurse zum Aufbau von Erzählsalons an. Neuerdings gibt es im Krankenhaus Friedrichshain eine Runde für Demenz-Kranke, betreut von einer Psychologin. Weitere Salons in der gesamten Stadt sind geplant.

„Salon der Salonnièren und Salonnièrs“: 17. 11., 18 Uhr, Schönhauser Allee 12. Anmeldung: 40 50 43 30.

Anzeige
Berliner Zeitung präsentiert:
Anzeige
Anzeige
BER-Dossier
Ein Flugzeug fliegt in Schönefeld über die A113.

Der neue Flughafen Berlin Brandenburg (BER) soll bis zu 40.000 Arbeitsplätze schaffen. Doch die Eröffnung im Juni ist geplatzt, die neuen Flugrouten sind umstritten. In unserem Dossier erfahren Sie alles über den Stand der Umzugsarbeiten und die Konsequenzen für die Hauptstadtregion. mehr...

Neueste Bildergalerien Berlin
Sonderthema

Die 4. Ausgabe zeigt wieder Trends und Aktuelles aus der Autowelt. Unter anderem auch:

IM ÜBERBLICK: die neuen Modelle
IM TEST: der SLK mit Dieselmotor
IM GESPRÄCH: ein Beifahrer

Alles lesen...

Serie
Auf zwei Rädern durch Berlin. Heute werden Tag für Tag im Durchschnitt rund 1,5 Millionen Wege in Berlin mit Pedalkraft zuückgelegt.

Junge und Alte tun es, Frauen und Männer auch: Sie radeln. Berlin ist im Zweirad-Fieber. In unserer neuen Serie beschäftigen wir uns mit der Fahrradmetropole Berlin. mehr...

Umfrage: Hält Hertha BSC die Bundesliga?

Kann Hertha BSC Berlin nach der Niederlage im ersten Relegationsspiel gegen Fortuna Düsseldorf den Klassenerhalt doch noch schaffen?

23% Es wird schwierig, aber Hertha schafft es.
28% Ohne Lasogga hat Hertha keine Chance.
18% Fortuna Düsseldorf ist zu stark.
31% Mir ist das egal.
Galerie
Sonderveröffentlichungen & Beilagen
Serie zur Gentrifizierung
Interaktiv
Kolumne

Täglich erzählen unsere Lokalreporter Anekdoten aus dem Nachtleben in der Hauptstadt. mehr...

Anzeige
Anzeige
Meistgeklickte Artikel
Ferienhäuser an der Mecklenburgischen Seenplatte

Genießen Sie Ihren Urlaub im Land der tausend Seen. Mit BestFewo finden Sie das passend Ferienhaus für Ihre Reise.

Facebook
Berliner-Zeitung.de auf Facebook
Twitter
Anzeige
Galerie
Liveticker
29 Staus mit einer Gesamtlänge von 78km
Kinoprogramm
Alle Neustarts diese Woche: Alle Filme von heute: Alle Kinos:
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen
Webtipps
Autohändler in Berlin
Finden Sie Autohändler in Berlin und Umgebung bei AutoScout24