08.12.2011

Sandra Scheeres im Interview: „Ich verhandele auch hart“

Von Martin Klesmann und Regine Zylka
In Rot-Schwarz: Die neue Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD).
In Rot-Schwarz: Die neue Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD).
Foto: Markus Wächter
Berlin –  

Die neue Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) will ihre Kinder weiter morgens in Kita und Schule bringen – und danach mehr Geld für Familien einfordern.

Überraschend hat der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) die SPD-Abgeordnete Sandra Scheeres zur neuen Senatorin für Bildung, Jugend und Wissenschaft gemacht. Wenige Tage nach ihrem Amtsantritt sitzt sie im Büro ihres Vorgängers Jürgen Zöllner und gibt erste Interviews.

Frau Scheeres, wie sind Sie an den Job gekommen? Haben Sie sich beworben?

Es ist ein bisschen länger her, dass ich mitbekommen habe, im Gespräch zu sein. Irgendwann hat Klaus Wowereit mich angerufen und gesagt, dass er sich das sehr gut vorstellen kann. Dann habe ich mir erst mal Gedanken gemacht.

Sie spielte Fußball

Rheinländerin: Sandra Scheeres, 41, stammt aus Düsseldorf, Dort ließ sie sich zur Erzieherin ausbilden, studierte Pädagogik und engagierte sich in der SPD.

Umzug: Vor elf Jahren zog sie nach Berlin, wurde Projektmanagerin beim Sozialpädagogischen Institut (SPI). 2003 wechselte sie zur Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe.

Politik: 2006 zog sie ins Abgeordnetenhaus ein, wurde familienpolitische Sprecherin. Ihren Pankower Wahlkreis gewann sie 2011 erneut direkt.

Privat: Mit Mann und Söhnen (7 Jahre und 1 Jahr) wohnt sie in Pankow. Den großen Sohn begleitet sie am Wochenende zu Fußballspielen. Sie selbst spielte in einem Mädchenfußballteam – „meist Verteidigung, manchmal Sturm“.

Inwiefern?

Als erstes habe ich überlegt, ob das Amt inhaltlich zu mir passt. Das tut es. Beruflich komme ich aus der Kinder- und Jugendhilfe, ich habe in diesem Bereich seit Jahren gearbeitet. Auch politisch bearbeite ich die Themen schon seit meiner Jugendzeit. Dass ich in einer Lebensphase bin, wo ich persönlich viel mit Familienfragen zu tun habe, empfinde ich ganz klar als Vorteil.

Sie haben nicht gezweifelt, die Doppelbelastung hinzukriegen?

Nein. Schon meinen Job als Abgeordnete habe ich sehr intensiv betrieben, ich war vier Abende in der Woche unterwegs. Mein Mann trägt und lebt das mit.

Was heißt das?

Wir hatten schon vor meiner Ernennung ein gutes Gleichgewicht gefunden, ich bin einige Wochen nach der Geburt unseres Sohnes wieder arbeiten gegangen. Wir sind sehr gut organisiert, machen uns Zwei-Wochen-Pläne. Spontane Abläufe würden nicht funktionieren. Mein Mann ist alles andere als ein Freizeit-Papa. Er war bei unserem Großen in Elternzeit und wird jetzt wieder Elternzeit nehmen, um mir den Rücken frei zu halten. Wir haben auch eine gute Infrastruktur: eine flexible Kinderbetreuung und mehrere Familien in unserem Haus, mit denen wir uns abstimmen können. Ich werde weiter die Kinder in die Schule und Kita bringen. Mein Mann macht den Rest.

Haben Sie keine Sorgen, dass Ihre Kinder zu kurz kommen?

Natürlich mache ich mir Gedanken. Aber ich bin ja immer ansprechbar. Wenn was ist, haben die Kinder absoluten Vorrang. Ich würde jede Sitzung sofort verlassen.

Und was ist mit der Schule? Vielleicht denken ja die Mitschüler, Ihr Sohn wird ab sofort bevorzugt.

Ich werde darauf achten, dass es keine Rollenkonflikte gibt. Ich würde mich nicht als Elternvertreterin wählen lassen, so etwas macht mein Mann.

Wird Ihr Alltag mit kleinen Kindern Ihre Politik beeinflussen?

Eltern wollen das Beste für ihre Kinder, das nehme ich ernst. Als Senatorin muss ich aber abwägen, ob die Wünsche fachlich immer sinnvoll sind. Die Finanzen muss ich auch im Blick haben.

Werden Sie die Abläufe in der Senatsverwaltung mit Rücksicht auf die Kinder anders organisieren?

In den ersten Monaten muss ich extrem durchstarten. In vielen Themen kenne ich mich aus, in andere muss ich mich einarbeiten. Dafür nehme ich mir die Zeit. Heute früh habe ich um fünf den Wecker gestellt, um ein paar Akten zu lesen.

Hat es Sie erschreckt, mit welcher Kritik in der Wissenschaftsszene auf Ihre Ernennung reagiert wurde?

Nein. Es geht jetzt darum zu beweisen, dass ich den Job gut mache.

Was wollen Sie anders machen als Ihr Vorgänger?

Familien- und Jugendpolitik wird bei mir natürlich eine ganz andere Rolle spielen. Das heißt aber nicht, dass mir die anderen Bereiche nicht auch wichtig sind. Mein Leitbild ist die kinder- , jugend- und familienfreundliche Stadt, dazu gehören alle drei Bereiche der Senatsverwaltung. Ich möchte zum Beispiel einen Partizipationsfonds einrichten: Kinder und Jugendliche, die sich ehrenamtlich engagieren, sollen lernen, dass man davon etwas hat. Bisher ist ja kein Geld da, wenn etwa Kinder und Jugendliche ihr Wohnumfeld mitgestalten wollen.

Bis 2015 sollen etwa 23 000 neue Kita-Plätze entstehen. Woher soll das Geld dafür kommen?

Der Senat sieht das als Schwerpunkt-Aufgabe. Wir werden die Bedarfszahlen in Abstimmung mit den Bezirken noch einmal kontinuierlich überprüfen. In einigen Bezirken gibt es auch ein Überangebot.

Angestellte Junglehrer drohen mit Abwanderung, weil der Senat sie nicht verbeamten will. Verstehen Sie den Wunsch nach Verbeamtung?

Wir müssen über die Attraktivität des Lehrerberufs weiter diskutieren und prüfen, was man machen kann. Ich sage aber auch, dass wir bereits die Gehälter angehoben haben.

Ist die Nicht-Verbeamtung richtig?

Das finde ich richtig, schon aus finanziellen Gründen. Wir haben eine Verantwortung auch den nachfolgenden Generationen gegenüber. Nur kurzfristig ist die Verbeamtung günstiger, langfristig müssen die nächsten Generationen die teuren Pensionszahlungen tragen.

Der Etat für 2012/13 wird bald verabschiedet. Können Sie genauso hart verhandeln wie Ihr Vorgänger?

Ich verhandele auch hart. Jetzt werden wir genau schauen, was im Koalitionsvertrag steht und wie das in den Haushalt eingearbeitet wird. Da geht es konkret um zusätzliche Kita-Plätze in den kommenden zwei Jahren. Auch Familienzentren an den Kitas sind mir sehr wichtig. Und es gibt Dinge im Schul- und Hochschulbereich, über die ich mit dem Finanzsenator sprechen werde.

Was steht bei den Schulen ganz oben auf Ihrer Prioritätenliste?

Die weitere Umsetzung der Schulreform. Wir haben jetzt an den Sekundarschulen überall Ganztagsbetrieb und an den Gymnasien soll das stufenweise eingeführt werden. Ich will Ruhe in die Schulen reinbringen und zugleich prüfen, was funktioniert und was nicht. Auch die Schulen in sozialen Brennpunkten will ich möglichst zügig noch besser kennenlernen. Jürgen Zöllner hat ja zuletzt durchgesetzt, dass die Lehrerstellen endlich früher besetzt werden. Das ist der richtige Weg, um eine ausreichende Lehrerausstattung zu gewährleisten.

Wie will Berlin die UN-Konvention der Inklusion umsetzen, wonach behinderten Kinder der Besuch einer Regelschule ermöglicht werden muss?

Ich setze in diesem sensiblen Bereich nicht in erster  Linie auf Schnelligkeit. Wir müssen das Inklusions-Konzept noch einmal überarbeiten. Denn ich will alle Beteiligten mitnehmen. Es soll für alle eine Verbesserung und keine  Verschlechterung darstellen.

Das Gespräch führten Martin Klesmann und Regine Zylka.

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