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Sanierung Deutsche Staatsoper Berlin: Staatsoper Unter den Linden feiert Richtfest

Teure Baustelle: Die Kosten für die Sanierung der Staatsoper sind von 239 Millionen auf 389 Millionen Euro explodiert.

Teure Baustelle: Die Kosten für die Sanierung der Staatsoper sind von 239 Millionen auf 389 Millionen Euro explodiert.

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Berliner Zeitung/Markus Wächter

Berlin -

Es ist vergiftet, das Richtfest für die Deutsche Staatsoper, das am Donnerstag gefeiert wird. Bauarbeiter, Lieferanten, Ingenieure und Architekten dürfen sich zu Recht über ihre Richtkrone freuen – wer hätte vor einem Jahr angenommen, dass sie überhaupt aufgezogen werden kann? Aber viele in den Senatsbau- und Kulturverwaltungen, im Senat und nicht zuletzt in der Staatsoper selbst wären heute wohl lieber woanders als gerade hier.

Man ist inzwischen vier Jahre im Verzug mit diesem Radikalumbau, der so tief in die Substanz eingegriffen hat, dass von denkmalgerecht kaum noch die Rede sein darf. Die Wahrscheinlichkeit, dass er nun, wo es an den komplizierten Ausbau geht, termingenauer wird, ist gering.

Und keiner übernimmt die Garantie, dass die Kosten bei 389 Millionen Euro bleiben, von denen 189 Millionen durch das Land Berlin zu stemmen sind. Zu oft hat Senatsbaudirektorin Regula Lüscher schon vor dem Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses gerade erst als ganz sicher angegebene Summen neuerlich steigen lassen müssen.

Akustik auf Weltniveau

Ganz ursprünglich, um das Jahr 2000 herum, wurde nur eine Instandsetzung des seit dem Wiederaufbau 1955 nicht mehr grundlegend überarbeiteten Baus geplant. 149 Millionen Euro hätte das kosten sollen. Aber die Opernverwaltung, die Musiker unter Daniel Barenboim und die Berliner Opernfans klagten: Berlin benötige drei große Opernhäuser, diese seien ein Alleinstellungsmerkmal. Um die Akustik in der Staatsoper auf Weltniveau zu bringen, müsse der Nachhall verbessert und dafür der Zuschauerraum vergrößert werden. Vor allem aber müsse ganz neue Bühnentechnik her, ein großer Tunnel zum benachbarten Magazingebäude für den Transport der Kulissen, neue Probenräume für Chor, Ballett und Orchester.

Als Kanzlerin Angela Merkel, begeistert von der Oper und von Barenboim, 200 Millionen Euro Bundeshilfe organisierte – Schwerin, München oder Leipzig haben solche Hilfen nie erhalten –, schienen alle Wünsche erfüllbar. Auch der Freundeskreis der Oper versprach, noch 30 Millionen zu spenden. Es kamen gerade einmal drei Millionen. 2007 wurde ein erster Wettbewerb ausgeschrieben. Die Architekten schlugen vor, den Zuschauerraum zu entkernen und neu zu bauen. Die meisten wollten den Totalverlust des Denkmals allerdings kaschieren mit peinlich historisierenden Dekors.

Die Jury jedoch ließ sich nicht betrügen und zeichnete mit Klaus Roths Arbeit den einzigen auch ästhetisch konsequent modernen Entwurf aus. Berlins Operntraditionalisten wüteten. Plötzlich wurden die Argumente der Denkmalpfleger, die bis dahin von Opernfreunden wie Politikern vollständig ignoriert worden waren, sogar von Klaus Wowereit und seinem Kulturstaatssekretär Andre Schmitz übernommen. Insofern war die Juryentscheidung ein taktisches Meisterstück der für den Denkmalschutz zuständigen Senatsbaudirektorin.

In einem neuen Wettbewerb gewann 2009 der Stuttgart-Berliner Architekt HG Merz mit einem Entwurf, in dem das Dekor und der Grundriss des Zuschauerraums bewahrt werden, dieser aber vier Meter erhöht und zudem zum Dachraum hin geöffnet wird, so dass der Luftraum um fast 50 Prozent ausgeweitet ist.

Statt nun aber das Gebäude aus den 1950er-Jahren bis in die letzte Fuge zu studieren, bevor geplant und gebaut wird, wurde von der Berliner Politik immenser Zeitdruck aufgebaut. 2013 sollte eröffnet werden. Manches konnte nicht vorhergesehen werden, etwa Fundamentreste der barocken Berliner Bastionen in 17 Metern Tiefe.

Andere Probleme ahnten die Fachleute, aber ihnen wurde keine Zeit gegeben, um vorzubeugen. Die Ingenieure und Bauarbeiter wussten schlicht nicht, was hinter der nächsten Wandverkleidung an Ungemach droht. Der Bühnenturm konnte nur mit aufwändigen Sonderkonstruktionen vor dem Einsturz gerettet werden. Firmen gingen an den Kosten zugrunde, andere belogen die Senatsbauverwaltung schamlos. Und die Berliner Bauverwaltung, ausgezehrt von zwei Jahrzehnten Sparpolitik, war völlig überfordert.

Große Parolen

Jetzt will das Abgeordnetenhaus den Staatsopernskandal in einem Untersuchungsausschuss erforschen. Aber die Schuldigen sitzen mit auf den Bänken der Ankläger. In den 2000-ern hat es nur der einstige Kultursenator Thomas Flierl gewagt, das Dogma der drei großen Opernhäuser anzuzweifeln. Er focht dafür, nach Pariser Modell die alte Staatsoper zum kleinen Haus zu machen, die moderne Deutsche Oper zum großen Haus und statt des Groß-Umbaus nur die Instandsetzung zu machen.

Aber alle Versuche Flierls, Berlin zu einer abgestimmten Opernpolitik zu bewegen, scheiterten an der Parole hiesiger Institutionen und Kulturpolitiker: Wir sind Hauptstadt, also haben wir das Recht darauf, dass die restliche Bundesrepublik unsere Kulturbauten finanziert. Siehe den in fast jedem Detail gleich gelagerten Skandal um den Eingangsbau zur Museumsinsel, dessen Kosten von auch schon schamlosen 73 Millionen auf mindestens 140 Millionen Euro stiegen.

Immerhin, langsam scheint sich eine gewisse Selbsterkenntnis durchzusetzen: Von Berliner Politikern sind auffällig wenige Tiraden über angeblich verschwendungssüchtige Griechen zu hören. Sie klängen auch einfach nur peinlich.

Am Sonntag ist an der Staatsoper Tag der offenen Baustelle. Die angebotenen Führungen sind nahezu ausgebucht. Wer es noch versuchen mag, hier die Adresse: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/

Die Staatsoper Unter den Linden feiert Richtfest
Berlin, 9.7.2015; Beim Richtfest der Staatsoper Unter den Linden konnte die Baustelle begangen werden. Wir waren mit der Kamera dabei.