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Sauna in Friedrichshain: Wellness unterm Zuckerahorn

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Schichtwechsel in der Kiezsauna: Jens Grabner (l.) übergibt nachmittags an Mario  Rühl, der ist dann bis Mitternacht für die Gäste da.
Schichtwechsel in der Kiezsauna: Jens Grabner (l.) übergibt nachmittags an Mario Rühl, der ist dann bis Mitternacht für die Gäste da.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter
Berlin –  

Friedrichshain hat eine neue Sauna unter der Erde, die zugleich Kiez-Treff und ein Baudenkmal ist. Wellness auf 400 Quadratmetern - darauf hat der Kiez, bislang eher Sauna-Wüste, gewartet.

Neunzehn Stufen geht es hinab in die Friedrichshainer Erde. Aber weder zu einem Keller noch zu einer Katakombe. Unten wartet stattdessen ein nach Minze und Orange duftendes Paradies mit Wandfliesen anno 1900. Wellness auf 400 Quadratmetern – die Verheißung auf Entspannung vom Alltagsstress, schöne Haut plus Mini-Garantie, diesen Winter grippelos zu überstehen. Und das alles vor der Haustür. Darauf hat der Kiez, bislang eher Sauna-Wüste, gewartet.

Furcht vor dem Rotlicht

Dass der riesige, efeubewachsene Ahornbaum im Saunagarten der Abkömmling eines kanadischen Zuckerahorns gewesen sein muss, ist jetzt nicht zu sehen. Dafür muss es erst wieder Herbst werden in der Graudenzer Straße, fünf Minuten entfernt vom Frankfurter Tor. Große Sonnensegel schützen zudem vor neugierigen Blicken. Und vor möglichem Ärger. Um dem vorzubeugen, haben die Saunagründer Jens Grabner und Mario Rühl, beide 45, die Nachbarschaft von Anfang an einbezogen, in die Planung durch ein Architekturbüro, ins Baugeschehen 2012 – und in die Eröffnung.

Ganz harmonisch, also getreu jeder Wellness-Maxime, hat ihre private Existenzgründung allerdings nicht begonnen. Die beiden erinnern sich noch gut, wie perplex sie waren, als vor Beginn der Bauarbeiten 2011 ein Wohnungseigentümer aus dem Nachbarhaus drohte: „Wir haben hier alle sehr gute Anwälte!“ Das Missverständnis klärte sich, als die Nachbarn endlich glaubten, dass es sich um eine vom Bezirk genehmigte Kiezsauna handelt, nicht um ein Rotlicht-Etablissement. Da hatte es in der Gerüchteküche etwas zu viel gebrodelt.

Grabner und Rühl lachen heute darüber und sagen von sich, sie könnten „ganz gut wegstecken“. Sonst hätten sie es gar nicht wagen können, die Idee umzusetzen, da wären sie wohl schon am Behördenkram, gar am Denkmalamt gescheitert. „Wir waren beide auf der Suche nach einer neuen Aufgabe“, sagt Rühl. Die sollte ihnen zwar keine Ruhe, doch zumindest den familienfreundlicheren Verbleib an einem Ort, nämlich Friedrichshain, ihrer Heimat, ermöglichen.

Mario Rühl, Gitarrist beim Comedy-Orchester Ungelenk, geht bloß noch ab und an auf Tour. Und Jens Grabner packt kein Fernweh nach den Weltmeeren und fremden Häfen mehr. Der einstige Kapitän zur See bei der Handelsmarine hat, scheint’s, seinen Hafen auf einem unterirdischen Wasser- und Dampf-Eiland gefunden. Der wechselnde Schicht-Dienst, meint er, lasse ihn weder an Schanghai noch an Sansibar denken. Außerdem: „Die Seefahrt ist ohnehin nur für Traumschiff-Serien-Gucker romantisch.“

Die ganze Südseite Friedrichshains haben die Freunde nach einer Sauna-Möglichkeit abgesucht.

Das schwer vermietbare historische Areal unter der Erde an der Graudenzer Straße war zu pachten. „Mit etwas Fantasie genau das, was wir wollten,“ erzählt Rühl. Und Grabner kann die Geschichte des Ortes herunterschnurren wie ein Stadtarchivar: Um 1900 war es der Keller unter einem Fleischbetrieb, wie dem Bezirksarchiv zu entnehmen ist. Das Haus wurde 1945 zerbombt, der solide gebaute und perfekt geflieste Keller aber war noch gut zu gebrauchen als Kiezwäscherei. Später, als die Bewohner sich private Waschmaschinen anschafften, ließen sie nun ihre Kleider reinigen und kaputte Sachen reparieren: Schuhe, Bügeleisen, Kaffeemaschinen. Also war das eine dieser „Komplexannahmestellen“, wie Dienstleistungsläden zu DDR-Zeiten hießen, was bei Ausländern für Heiterkeit sorgte, weil das so klang, als könne man hier seine Komplexe abgeben.

Darüber amüsieren sich viele Saunagäste immer noch. Ein Herr im gelben Bademantel, der unserem Gespräch zuhört, meint: „ Wie gut, dass wir hier jetzt unsere Verspannungen abgeben können.“ Und genau das tun die Leute sichtlich, in einer der drei Saunen (Finnisch, Bio, Dampf), bei der Massage oder in der Plauschecke im Ledersessel beim Bierchen.

Da geht es um Belange im Kiez ebenso wie um Gott und die Welt oder um den letzten oder bevorstehenden Urlaub. Nachbarn treffen auf Berlin-Besucher; manchmal sitzt auch ein namhafter Sportler auf der Schwitzbank oder man entdeckt beim Aufguss ein Fernseh-Gesicht aus schwedischen Krimis. Die Silvester-Sauna vor ein paar Tagen war rappelvoll.

Was aber haben Sauna-Gründer, die selbst passionierte Saunagänger sind, für eine Sauna-Philosophie? Esoterisch gehe es nicht zu, erklären beide. In ihrer Sauna muss auch niemand schweigen. Und beim Aufguss gibt’s nur gute echte Öle. Kein Augentränen und Halskratzen.

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