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Berliner Zeitung | Schauspielschule "Ernst Busch": Zwischen Marionette und Avatar
19. May 2014
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Schauspielschule "Ernst Busch": Zwischen Marionette und Avatar

Erst mal sind es nur tote Dinge. Puppenspieler und Zuschauer erwecken die Körper zum Leben. Im Fundus an der Lichtenberger Parkaue hängen Marionetten in Reih und Glied.

Erst mal sind es nur tote Dinge. Puppenspieler und Zuschauer erwecken die Körper zum Leben. Im Fundus an der Lichtenberger Parkaue hängen Marionetten in Reih und Glied.

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Paulus Ponizak

Was haben ein Stück Schaumstoff, ein Kühlschrank und ein Metronom gemeinsam?

Fangen wir mit dem Schaumstoff an. Karin Tiefensee schneidet mit der Bandsäge ein kopfgroßes Stück aus einer Platte, „das wird ein Elvis-Kopf“, sagt sie, für ein Puppenspiel im BKA in Kreuzberg. Auf eine Holzwand hat sie Bleistiftskizzen geheftet, Kopf von der Seite, Kopf von vorn. Sie überträgt die Konturen auf den Schaumstoff und beginnt mit einem Messer, Elvis zu formen.

Karin Tiefensee ist Puppenbauerin. Wie Generationen vor ihr schnitzt sie für das Puppenspiel Marionetten aus Lindenholz, kleine Gestalten mit eindrucksvollen Gesichtern, fein ausgearbeiteten Händen, lustigen Schuhen. Fertigt Fingerpuppen, deren Köpfe aus Pappmaché oder aus Gummimilch bestehen. Kleidet Stabpuppen in Samt und Seide. Oder schält eben aus dem Schaumstoff den Elvis-Kopf heraus, eine Klappmaulpuppe wird das, wie man sie aus der „Muppet Show“ kennt.

Die 56-jährige ist Quereinsteigerin, eine Ausbildung zum Puppenbauer gibt es in Deutschland nicht. Sie hat an der Kunsthochschule Weißensee Bildhauerei studiert. Es gibt Gemeinsamkeiten zwischen Puppenbauern und Bildhauern. Wie der Bildhauer zeichnet der Puppenbauer zunächst, dann formt er Modelle aus Ton. Erst dann wird geschnitzt oder abgeformt und gegossen. Drei, vier Wochen kann es dann schon dauern, bis eine klassische Marionette gebaut und eingekleidet ist.

Ein totes Ding

Seit gut 20 Jahren arbeitet Karin Tiefensee in der Werkstatt der Abteilung Puppenspiel der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“. Die Ausbildung hat sich in der kurzen Zeit gewandelt, heutzutage wird nicht mehr nur mit Marionetten und Stabpuppen gespielt, die in der Werkstatt gebaut werden, inzwischen entstehen Puppen auch am Computer, virtuelle Gestalten, die die Studenten digital zu animieren lernen.

Eines aber hat sich nicht verändert: Wenn sie fertig ist, ist auch die allerschönste Puppe zunächst nichts anderes als, sagen wir, ein Kochlöffel – ein totes Ding, ein Objekt. Von einer Waschmaschine oder einem Metronom unterscheidet sie sich nur dadurch, dass sie unserer Vorstellung von einem lebendigen Wesen ähnlicher ist. Erst der Puppenspieler wird es mit seiner Kunst auf magische Weise zum Leben erwecken. Und auch das stimmt so nicht ganz, denn das Spiel allein reicht dazu nicht. Ohne das Gegenüber, den Zuschauer, wird auch die lebhafteste Puppe nicht lebendig. Der Zuschauer ist es, der in dem geheimnisvollen Spiel zwischen Puppe, Puppenspieler und sich selbst durch seine Wahrnehmung ein totes Ding zum Atmen bringt.

Zehn Puppenspieler pro Jahrgang werden in dem alten Gebäude an der Parkaue in Lichtenberg momentan ausgebildet. Es geht um Schauspiel und Animation, um Szenenstudien mit Maske, Handpuppe und Mensch-Klappmaul, später auch Marionette. Hinzu kommen diverse Körperfächer von Pantomime bis Sprecherziehung, Theorie, Musik, Theatergeschichte. Später im Hauptstudium geht es dann mehr um eigene Projekte. Darum, ein eigenes Profil auszubilden.

60 Stunden wird auch bei den Puppenbauern gelernt, das ist nicht viel, die meiste Zeit wird gezeichnet. Puppenspieler müssen nicht unbedingt zugleich Puppenbauer sein. Aber sie sollen ein Gefühl dafür bekommen, was eine Puppe ist, wie sie aufgebaut ist, wie sie funktioniert. Für ihr Spiel holen sich die Studenten die Figuren aus dem Fundus der Schule, wo sie in Reih und Glied aufgehängt sind; einfache Marionetten und märchenhafte Gestalten, viele Puppen von Karin Tiefensee sind dabei.

Markus Joss ist Regisseur und Philosoph. In Religionen und Philosophien, sagt er, bestehe Konsens darüber, dass Mensch und Ding sich unterscheiden. „Wenn nun aber ein totes Ding, vom Spieler animiert, uns zuzurufen scheint: Schau, ich bin wie du!, dann ist das immer ein Hingucker. Lebt es nun? Oder lebt es nicht?“ Joss interessieren die Übergänge und Schnittstellen zwischen belebter und unbelebter Materie.

Seit knapp anderthalb Jahren leitet der 47-jährige Schweizer die Abteilung Puppenspiel an der Hochschule. Joss sitzt in seinem Büro, von Stühlen, vom Fensterbrett schauen ihm die unterschiedlichsten Puppen bei der Arbeit zu. Kleine Objekte und große Puppen, die wie Menschen aussehen. Er nimmt einen der Herren auf den Schoß und fängt an, mit ihm zu spielen. Eine seiner Hände wird zur Puppenhand, die andere führt die Puppe, sie beginnt zu leben. „Richtig toll und verstörend wird es, wenn ich über diese Schnittstellen arbeite, wenn der Fokus zwischen Spieler- und Puppenkörper wechselt: Wann ist die Puppe dramatische Figur, wann mischt der Spieler sich ein, wann treten die beiden in einen Dialog, wann verwandelt sich das Subjekt Puppe wieder in ein Objekt?“

Was ist eigentlich eine Puppe?

Prinzipiell alles, sagt Joss. Wenn man es animiert. „Nehmen wir Zeitungspapier, ein Beispiel aus unserem Animationskurs. Zwei Spieler formen aus dem Papier eine Figur. Sie lassen sie lebendig werden, indem sie zum Beispiel auf Geräusche reagiert. Sie suggerieren uns, dass sie fähig ist, wahrzunehmen und zu empfinden. Vielleicht ist sie glücklich. Oder traurig; hat Liebeskummer. Dann steigt die Figur in die Schüssel mit Wasser und verwandelt sich in Matsch. Es ist, als ob dieses Wesen stirbt. Die Zuschauer werden mitfühlen, sie haben tatsächlich gerade den Tod eines Lebewesens miterlebt. Natürlich kann die nasse Papiermatsche jetzt auch wieder neue Formen annehmen, ohne dass wir die Erinnerung an ihr früheres Leben ganz verlieren. Man kann sie trockenpressen, zu einer Kugel formen, zu einer neuen Figur werden lassen.“

Eine Waschmaschine kann man nicht auspressen. Man kann sie auch nicht auf die Hand nehmen und mit ihr spielen. Oder an Fäden tanzen lassen, obwohl das natürlich, starke Seile vorausgesetzt, ginge. Aber es gibt letztlich keinen Unterschied zwischen einer Kasperpuppe, einer Zeitung, einem Waschvollautomaten. Jedes Ding kann auf unterschiedliche Weise animiert werden. „Ich werfe einfach eine Puppe in die Waschmaschine“, sagt Joss, „sagen wir mal, weil sie sich vollgekotzt hat. Dann mache ich die Maschine zu, drehe mich weg, geh wieder zurück und sage zu der Maschine: Was heißt das, du willst die Puppe nicht waschen? Einfach nur durch den Dialog mit ihr animiere ich die Waschmaschine. In dem Moment wird sie selbst zur Puppe. Denn eine Waschmaschine kann ja nicht reden.“

Theater der Dinge

Natürlich spielt die klassische Puppe, die es so zahlreich in dem Fundus gibt, in der Ausbildung noch immer eine wichtige Rolle, und das soll auch so bleiben. Aber für Joss ist das nur der traditionelle Anfang in der Ausbildung. Die Palette der Dinge, die man auf die unterschiedlichste Art und Weise animieren kann, ist für ihn das eigentlich Spannende am Puppenspielerberuf.

Deshalb findet Joss Begriffe wie Puppe und Puppentheater nicht ideal für das, was sie an der Parkaue wollen. Sie sind ihm zu eingegrenzt, zu sehr auf eine Traditionslinie beschränkt. Joss will den Begriff weiten. Er spricht lieber vom Theater der Dinge als vom Puppentheater; andere nennen es Figurentheater. Gerade inszenierte er mit Studenten ein Straßenspektakel, in dem ein paar maskierte fremdartige Gestalten und eine Art Schrottfress- und -Ausstoßmaschine eine Rolle spielen. Mit lieblichem Marionettentheater hat das nichts zu tun.

Ingo Mewes hat die Maschine gebaut, er ist in der Werkstatt der Mann fürs Mechanische. Klassische Puppen interessieren ihn weniger, so wie alles schon mal Gebaute. Mewes ist 48, gelernter Gießereifacharbeiter, hat im Maschinenbau und als Restaurator gearbeitet, schließlich Puppenspiel studiert. Er ist an der Parkaue leicht wiederzuerkennen, weil er immer eine schwarze Lederhose und ein rotes Hemd trägt.

In seinem Teil der Werkstatt stehen die seltsamsten Dinge, zum Beispiel ein riesiges Modell, oben und unten zusammengeschweißte Plattenheizkörper, verbunden mit Rohren, Leitungen, Kolben, Absperrventilen. Die Versuchsanordnung für eine Art energetisches Perpetuum mobile, an dem er experimentiert. In den Regalen stehen diverse Modelle aus Metall, unter dem Tisch eine Turbine. Was hat das mit dem Puppenspiel zu tun? Alles hat miteinander zu tun, sagt Mewes. Über sein Metier hinauszudenken, sei ihm wichtig, das will er den Studenten vermitteln. Schnittstellen interessieren ihn, die Verbindung zwischen menschlicher Anatomie und Technik, etwa die zwischen Mensch und Prothese, die ja vergleichbar ist der zwischen Puppe und der Hand des Puppenspielers.

Mewes stellt ein Metronom auf den Tisch, das er von seiner Hülle befreit hat, gleichförmig bewegt sich das Pendel hin und her. Er findet interessant, wie energetisch effizient so ein Pendel ist. „Wenn wir laufen“, sagt er, „bestehen wir auch nur aus verschiedenen Pendeln, die miteinander verknüpft sind. Ich frage mich, wie ich das mechanisch intelligent verknüpfen kann.“

Mewes will den Unterkörper einer Figur bauen, zwei Beine, drüber ein Becken, auf das er dann das Metronom montiert. Sie soll nach einem ersten Anstoß ohne Energiezufuhr lauffähig sein. Mewes steht auf und führt vor, wie sich seine „Puppe“ eines Tages bewegen soll, kippelt von einem Fuß auf den anderen, wankt vorwärts, ein bisschen erinnert er an den Seemann auf einem schwankenden Schiff. „Wenn das Metronom zur Seite pendelt“, erklärt Mewes, „steht ein Fuß kurz in der Luft. Wenn das Metronom seitlich steht, geht der Impuls in eine Halbkreisform. Dann wackelt die Puppe sich nach vorne. Wie weit kommt sie mit wie viel Energie? Wie ästhetisch wird dieser Gang sein?“

Mewes will intelligente Bewegungen nicht erzwingen, sondern technische Bedingungen schaffen – so, dass die richtige Bewegung von selbst stattfindet. Das ist es, was er sucht. Es ist auch sein Lebensmotto: Dass man nicht sagt, das und das wird so gemacht, sondern die Bedingungen so sind, dass man von selbst das Richtige tut. Das bringt er seinen Studenten bei.

Die virtuelle Bühne

Es gibt viele Einflüsse auf das Puppenspiel, aus der Bildenden Kunst, aus der Mechanik, auch aus modernen Kommunikationszusammenhängen. Friedrich Kirschner ist an der Hochschule Professor für das Fach Digitale Medien. Wie kann man aus Computerspielen Kunst machen?, fragt er. Indem man sie als Baukasten nutzt, die Spiele umbaut, ihre Figuren für eigene, neue Animationsfilme nutzt, ist seine Antwort. Spielen mit dem Spiel – aus fiesen Alienmonstern werden kleine kunstvolle Strichmännchen.

Was für den klassischen Puppenspieler die Fäden der Marionetten sind, ist für ihn das Joypad, das Steuerteil für Computerspiele. Die Puppe wird bei ihm zum Avatar. „Puppenspieler“, sagt Kirschner, „sind gut darin, sich eine Fantasie im Kopf zu basteln und über Bewegungen Emotionalität zu erzeugen.“ Er zeigt den Studenten, wie einfache Pappfiguren virtuell zu Leben erweckt werden und so mit moderner Software eine ganze Oper inszeniert werden kann. Der Computer wird zur Puppenbühne. Die Studenten sollen ein Gefühl für die neuen Möglichkeiten des Virtuellen bekommen.

So ist das Puppenspiel oder Theater der Dinge einem permanenten Wandel ausgesetzt, muss ständig neu erfunden werden, weil neue puppenspielerische Mittel entstehen. Und doch gibt es für den Puppenspieler, nennen wir ihn ruhig weiter so, Prinzipien, die uralt und gleichbleibend wichtig sind. Eines davon, wohl das wichtigste, beschreibt, wie er sich vom Schauspieler unterscheidet, der ja auch an der Hochschule ausgebildet wird und meist mehr im Fokus steht. Thema und Material des Schauspielers ist sein Körper, er benutzt sich beim Spielen quasi selbst.

Der Puppenspieler muss wie der Schauspieler seinen eigenen Leib und zusätzlich noch einen Gegenstand, die Puppe, animieren. Er muss seinen Leib für die Erfahrung mit dem Material öffnen. Puppenspiel, sagt Markus Joss, muss zunächst durch den Körper des Spielers, ehe es bei der Puppe ankommen kann. Der Puppenspieler muss all seine Gedanken und Gefühle mobilisieren, damit das Ding für den Zuschauer wirklich lebendig wird.

Ach ja, unser Elvis-Kopf. An einem Abend Mitte Mai hat er im BKA seinen ersten Auftritt. Von einem der Studenten animiert, singt er „Love Me Tender“. Für die Dauer eines Liedes vergisst man, dass es doch nur ein Stück Schaumstoff ist.

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