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Schlechte Gesundheitsversorgung in Unterkünften: Massenhaft Notrufe aus Flüchtlingsheimen legen Berliner Feuerwehr lahm

Bewohner eines Flüchtlingsheims in Lichterfelde sitzen nach einem Brand am Straßenrand. Die Feuerwehr kommt stets mit einem Großaufgebot.

Bewohner eines Flüchtlingsheims in Lichterfelde sitzen nach einem Brand am Straßenrand. Die Feuerwehr kommt stets mit einem Großaufgebot.

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dpa/Gregor Fischer

Müssen kommen, müssen kommen!“ ruft die verzweifelte Frau ins Telefon. Die Feuerwehrmänner an der Notrufannahme schicken sofort einen Rettungswagen in die Chausseestraße in Mitte. Dort ist ein Flüchtlingsheim. Es stellt sich heraus, dass der Mann der Frau Bauchschmerzen hat. Die Sanitäter wollen kein Risiko eingehen. Sie fahren den Mann in eine Klinik.

Mangelnde Kenntnis des Gesundheitssystems und ungenügende Gesundheitsversorgung in Flüchtlingsheimen sind nach Ansicht von Feuerwehrleuten und Politikern der Grund, weshalb massenhaft der Notruf 112 gewählt wird. Allein vom 12. November bis zum 12. Februar hatte die Feuerwehr nach eigenen Angaben 3787 Krankenwageneinsätze in den 185 Berliner Flüchtlingsheimen.

Fast immer ins Krankenhaus

So wurden Rettungswagen 213 Mal in die Unterkunft an der Ruschestraße in Lichtenberg gerufen. Sie beherbergt rund 1200 Flüchtlinge. Neben ernsten Fällen wie einem Malaria-Verdacht wurden die Retter auch alarmiert, weil Bewohner Kopf- oder Bauchschmerzen hatten. Einmal waren zwei Kinder erkrankt. Auch zu anderen Heimen wurden die Retter alarmiert, zum Beispiel 24 Mal zur Chausseestraße in Mitte. Dort hatte etwa ein Kind Fieber, ein Mann Rückenschmerzen, einmal gab es eine Schlägerei, ein anderes Mal hatten zwei Kinder Durchfall. In der Maxie-Wander-Straße in Hellersdorf gab es in den letzten drei Monaten 28 Einsätze des Rettungsdienstes, darunter wegen Bauchschmerzen, einer Schlägerei aber auch wegen einer Blutung nach einer Fehlgeburt.

In so gut wie allen Fällen wurden die Patienten ins Krankenhaus gefahren. Während dies bei Malaria-Verdacht oder Blutungen nach einer Fehlgeburt gerechtfertigt war, wären die meisten Transporte ins Krankenhaus nach Auffassung von Feuerwehrleuten nicht nötig. Doch wegen Sprachschwierigkeiten mit den Bewohnern und schlechter Organisation in den Heimen will kein Feuerwehrmann die Verantwortung übernehmen und bringt die Patienten vorsichtshalber ins Krankenhaus. Zudem wissen sich viele Heimbetreiber nicht zu helfen und wählen im Zweifelsfall den Feuerwehrnotruf.

Dass es anders geht, beweist die Unterkunft im ehemaligen Rathaus Wilmersdorf, wo Ärzte ehrenamtlich die rund 1150 Bewohner versorgen. Und im Flughafen Tempelhof, wo Tausende Flüchtlinge wohnen, gibt es seit Kurzem einen Sanitätsstützpunkt. Zu diesen Einrichtungen wird der Rettungsdienst nur im echten Notfall gerufen, weil Ärzte die Patienten vorher untersuchen.

Medi-Punkte sollen die Situation verbessern

Der Einsatz eines Rettungswagens kostet 319,10 Euro. Kommt ein Notarzt hinzu, kostet das weitere 336 Euro. Die Rechnung bekommt üblicherweise die Krankenversicherung des Patienten. Bei Flüchtlingen wird keine Rechnung gestellt. Für Einsätze in Flüchtlingsheimen sind demnach bereits mehr 1,8 Millionen Euro aufgelaufen.

„In der letzten Zeit sind unheimlich viele Flüchtlingsunterkünfte mit neuen Betreibern an den Start gegangen“, sagt der flüchtlingspolitische Sprecher der Piratenfraktion, Fabio Reinhard. „Wenn eine Unterkunft von einem Sicherheitsdienst betrieben wird, dann kann man nicht erwarten, dass es dort professionelle Gesundheitsversorgung gibt. Der Senat hätte sich schon im Herbst ein Gesundheitskonzept überlegen müssen. Dem Land Berlin hätte das viel Geld gespart und den Flüchtlingen hätte es geholfen.“ Auch Feuerwehrsprecher Stephan Fleischer sagt: „Wir brauchen eine bessere medizinische Versorgung in den Flüchtlingsunterkünften, damit Einsätze im Grenzbereich zur Notfallrettung besser abgedeckt werden.“

Daran arbeitet der Senat inzwischen. Nach Angaben von Regina Kneiding, Sprecherin der Gesundheitsverwaltung, sind für Notunterkünfte mit mehr als 500 Bewohnern sogenannte Medi-Punkte geplant, in denen Ärzte die Patienten untersuchen. „Acht sind schon in Betrieb“, weitere Verträge sind geplant“, sagte Kneiding. Es gebe Kooperationen mit Kliniken wie der Charité, Vivantes und dem St. Joseph-Krankenhaus. „Weitere Verträge mit Kliniken werden vorbereitet. Wir sind ein gutes Stück vorangekommen.“

Zahlreiche Fehlalarme

Rüdiger Kunz vom DRK, das das Heim an der Ruschestraße betreibt, hofft, dass noch in diesem Monat ein fester Sanitätspunkt dort eingerichtet wird. Darüber werde gerade mit dem Senat verhandelt. „Damit hoffen wir, die Zahl der Rettungseinsätze senken zu können“, sagt er.

Allerdings binden auch die vielen Brandalarme Kapazitäten der Feuerwehr. Laut einer internen Liste der Behörde gab es im vergangenen Jahr 193 Brandalarme in Flüchtlingsheimen. Immer wieder wird die Feuerwehr gerufen, weil Essen auf einem Herd brennt. Zudem gibt es zahlreiche Fehlalarme.

Auch hier ist das Heim an der Maxie-Wander-Straße mit 39 Brandalarmen Spitzenreiter. Die meisten waren Fehlalarme. Allein in den vergangenen drei Monaten gab es in dem Heim 28 Rettungsdiensteinsätze. In zehn weiteren Fällen rückte die Feuerwehr an, weil Essen angebrannt war und wegen des Rauchs die Brandmeldeanlage auslöste. Ein Mal brannte ein Stück Papier auf dem Hausflur. Wegen der vielen Bewohner rückten jedes Mal 30 Einsatzkräfte an mit vier Löschfahrzeugen, einer Drehleiter, einem Rettungswagen und einem Einsatzleitwagen. „Die Kosten zwischen 800 und 1?500 Euro für Fehlalarme stellen wir den Heimbetreibern jedes Mal in Rechnung“, so Fleischer.

Hochsensible Anlage

Gefolgt in der Statistik wird das Hellersdorfer Heim von der Unterkunft in der Salvador-Allende-Straße 91 in Köpenick (22 Alarme, davon 9 böswillige Alarmierungen und 5 Fehlalarme der Brandmeldeanlage) sowie von der Chausseestraße in Mitte (18 Alarme, davon 8 Fehlalarme).

Betreiber des Heimes in der Maxie-Wander-Straße ist die professionelle Wohn- und Betreuungsgesellschaft (PeWoBe). „Die Fehlalarme sind auf eine hochsensible Anlage zurückzuführen, die sich so nicht anders konfigurieren lässt“, sagt ein Sprecher des Unternehmens. Die Anlage auszuwechseln sei zu teuer. Zu der ärztlichen Versorgung stellt der Sprecher fest: „Es sind Ärzte da, die die Bewohner betreuen. Die Kosten dafür trägt die PeWoBe.“



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