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Schöpferin des Berlinale Bären: Renneé Sintenis – Das It-Girl der Weimarer Republik

Elegant, selbstbewusst, emanzipiert – Renée Sintenis. Die Mutter der Berlinale-Bären.

Elegant, selbstbewusst, emanzipiert – Renée Sintenis. Die Mutter der Berlinale-Bären.

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dpa

Jeder Leinwandheld mit oder ohne Star-Ambitionen will einen. Nina Hoss hat einen, Juliette Binoche, Fatih Akin, Jafar Panahi, Wim Wenders und Tom Hanks auch. Der Berlinale-Bär, golden, silbern und seit 1956 auch ganz schlicht in Bronze gegossen in der traditionsreichen Charlottenburger Bildgießerei Noack, ist seit 1951 die Trophäe der Internationalen Filmfestspiele in der deutschen Hauptstadt.

Zu verdanken ist der sich putzig-anmutig auf den Hinterpranken reckende Meister Petz mit wie zum Tanzen erhobenen, aber krallenbewehrten Tatzen der Bildhauerin Renée Sintenis (1888-1965). Sie war die erste Frau unter den Bildhauern in der Preußischen Akademie der Künste, noch vor Käthe Kollwitz. Die selbstbewusste, erfolgreiche, todschicke Sintenis galt zur Zeit der Weimarer Republik als Inbegriff des Typus der Neuen Frau. Ein It-Girl, wie man das heute sagt. Die hochgewachsene, knabenhafte Erscheinung mit dem kurzen, rasant wirkenden Bubikopf und der androgynen Ausstrahlung war eine der meistfotografierten Frauen der Weimarer Republik. Mit ihren beiden Freunden Rainer Maria Rilke und Joachim Ringelnatz fuhr die Künstlerin oft in ihrem offenen Wagen durch die Stadt, was zu ihrer Berühmtheit beitrug. Ringelnatz schrieb eine Reihe von liebevollen und augenzwinkernden Gedichten.

Durch die unmittelbare Nachbarschaft der Berliner Secession zum Romanischen Café und dem Atelier der Gesellschaftsfotografin Frieda Riess bekam Renée Sintenis Zugang zu stadtbekannten Persönlichkeiten. Ihr Kunsthändler Alfred Flechtheim zeigte ihre Arbeiten unter anderem in Paris und New York. Von den Nazis wurde sie 1934 aus der Akademie der Künste ausgeschlossen.

Zurückgezogen in der NS-Zeit

Während der NS-Diktatur lebten Sintenis und ihr Ehemann Emil Rudolf Weiß (1875–1942) mit erheblichen Einschränkungen und zurückgezogen. Sie stellte weiterhin aus, obwohl eines ihrer Selbstbildnisse in der Ausstellung Entartete Kunst in München 1934 gezeigt wurde. Da sie kein Ausstellungsverbot erhielt, wurde sie vom Kunsthändler Alex Vömel, dem Nachfolger von Flechtheim, in Düsseldorf vertreten. Doch verdiente sie nur ganz wenig, was durch das Bronzegussverbot von 1941 verstärkt wurde. Nach 1947 lehrte sie an der Berliner Hochschule der Künste, die neugegründete Akademie der Künste Berlin (West) nahm sie 1955 auf. Sintenis wohnte nun mit ihrer Lebensgefährtin Magdalena Goldmann in Charlottenburg.

Nach ihrem Entwurf entstand 1951 die Film-Trophäe. Dieser Berlinale-Bär wird seither nicht nur den Berlinale-Gewinnern in Form von handlichen Skulpturen überreicht. Er begrüßt in einer größeren Version auch die nach Berlin Reisenden schon am ehemaligen West-Ost-Grenz-Übergang Dreilinden.

Der Bär ist seit etwa 1280 das Wappentier Berlins. Bis dato streiten sich die Geister, wieso ausgerechnet ein Bär zum Symbol wurde. Die einen sagen, das gehe zurück auf Albrecht I., auch genannt „der Bär“. Der machtbewusste Mann war der Eroberer und Begründer der Mark Brandenburg. Andere deuten den Stadtnamen Berlin volksetymologisch, sehen in „Ber“ den Bären.

Das erste nachgewiesene Siegel mit Bären stammt vom 22. März 1280. Es befindet sich auf einem Gildebrief der Berliner Kürschner und stellt zwei gepanzerte Bären als Schildhalter dar, die mit erhobener Tatze voneinander abgewendet sind und sich dennoch rücklings anschauen. Das Siegel trägt die Inschrift „Sigillum burgensium de berlin sum“ („Ich bin das Siegel der Bürger von Berlin“). Die erhobene Tatze soll hier bereits die Selbstständigkeit Berlins symbolisieren. Und nach 1920, seit dem Zusammenschluss zu Groß-Berlin, wird das Wappentier aufrechtgehend und krallenbewehrt dargestellt.

Genau so – wehrhaft (wie ihn auch die Eidgenossen fürs Wappen der Schweizerischen Hauptstadt Bern einst erwählten) oder aber possierlich spielend und gutmütig auf allen Vieren – ist der Bär in Berlin auch ein beliebtes Objekt für Park-Plastiken, Häuserreliefs, Wetterfahnen, Brunnenschmuck.

Fasziniert vom Tier

Wie viele Stunden an Beobachtung stecken wohl in so einer pointierten Plastik? Renée Sintenis hat die Bären, vor allem im Berliner Zoo, zuerst mit Augen aufgesogen, ins Skizzenbuch gesetzt, später in Gips geformt und dann in Bronze gegossen. Die Künstlerin jüdischer-hugenottischer Herkunft (Sintenis leitet sich von Saint-Denis ab) war zusammen mit Käthe Kollwitz Berlins berühmteste Bildhauerin der 1920er-Jahre. Sie muss viel Zeit zugebracht haben vor den Zoo-Gehegen, vielleicht auch vorm Bärenzwinger am Märkischen Museum, aber auch beim Beobachten anderer Tiere. So der Pferde, etwa auf den Polo-Spielplätzen der Bemittelten jener Jahre. Oder auch auf der traditionsreichen Galopprennbahn Hoppegarten.

Aber nicht die Schönen und Reichen im Publikum, nicht die windigen Buchmacher und Wett-Wütigen haben sie als Motive interessiert, sondern die trabenden und galoppierenden Vierbeiner, die eleganten Bewegungen. Und deren leichtgewichtige Reiter, die Polospieler mit ihren Schlägern und bösen Spornstiefeln. Oder die zierlichen, mit dem Pferderücken schier verwachsenen Jockeys. Grandios geformt hat sie diese Anpassung, das fast Einswerden der Leiber, die so wilden wie vom Reiter kontrollierten und beherrschten Bewegungen, das in Bronze geronnene Tempo, gebündelt mit Siegerwillen: Mensch und Tier. Und da ist wohl auch die stumme Mahnung der sensiblen Künstlerin, nämlich, dass man ein galoppierendes Pferd nicht schlägt!

Alles an ihren detailliert ausgearbeiteten Plastiken – Bär, Pferd, Esel, Reh, Hund, Böcklein, Elefant – ist Expression, ist Harmonie, zugleich Disharmonie, ist Schönheit und auch Gewalt. Denn der Mensch benutzt seinen Willen gegen das Tier. Das Tier weiß instinktiv Bescheid, es ist dressiert, es gehorcht. Renée Sintenis’ große Gabe für Ausdruck, für einen eigenwilligen Stil, der doch ganz im Zeitgeist jener avantgardistischen und politisch widersprüchlichen Jahre in der Weimarer Republik lag, brachte Einmaliges hervor: Dynamik, Anmut, Existenzielles.

Und doch war diese Art von Zivilisationskritik zugleich auch leicht und augenzwinkernd.