09.02.2012

Schokoladen: Die Rettung der Insel

Von Anne Lena Mösken
Wird der Schokoladen geräumt, bedeutet das das Aus für eines der letzten alternativen Wohn- und Kulturprojekt in Mitte.
Wird der Schokoladen geräumt, bedeutet das das Aus für eines der letzten alternativen Wohn- und Kulturprojekt in Mitte.
Foto: Benjamin Pritzkuleit
Berlin –  

Wenn Stadt und Eigentümer sich nicht endlich einigen, wird das Kulturprojekt Schokoladen am 22. Februar geräumt

Alle wollen den Schokoladen retten: Mittes Bezirksbürgermeister Christian Hanke von der SPD. Die Bezirksverordneten der Piraten, Linken, Grünen und der CDU. Der Staatssekretär in der Stadtentwicklungsverwaltung des Senats Ephraim Gothe. Der Geschäftsführer des Liegenschaftsfonds Holger Lippmann. Und sogar der Mann, der den Schokoladen vermeintlich weg haben will, sagt: „Natürlich will ich das Projekt erhalten.“

Markus Friedrich, Geschäftsführer des in Trier ansässigen Familienunternehmens, dem das Haus in der Ackerstraße 169 gehört, war allerdings der einzige, der gestern nicht in den Schokoladen kam, um seinen guten Willen kundzutun. Dafür saßen die Politiker dicht gedrängt in den Lichtpunkten vieler kleiner Discokugeln auf der Bühne, auf der sonst Bands für wenig Gage spielen.

Sie erzählten den versammelten Pressevertretern, dass mit dem Schokoladen ein Stück Kultur sterben würde; dass das Haus eine „Gentrifizierungsinsel“ zwischen all den neuen Luxusboutiquen und Luxuswohnungen in Mitte sei; dass der Schokoladen ein Beispiel für das sei, was Berlin ausmache.

Die Politiker redeten und redeten, und dazwischen saßen zwei Vertreter des Schokoladens und waren nervös.

Trotz guter Bekundungen am 22. Februar Räumung

Denn trotz aller Bekundungen: Am 22. Februar soll das Haus geräumt werden. Vor zwei Wochen schon kam der Brief vom Gerichtsvollzieher, und trotzdem stehen alle Möglichkeiten, den Schokoladen zu retten, noch immer im Konjunktiv. Im Grunde ist man nicht viel weiter als vor einem Dreivierteljahr. Da war schon mal ein Räumungstermin angesetzt und dann verschoben worden. Da saßen schon mal die gleichen Politiker im Schokoladen und diskutierten die Rettung.

Ein Kompensationsgeschäft sollte dem Eigentümer vorgeschlagen werden. Er sollte ein anderes Haus bekommen, das der Liegenschaftsfonds verwaltet, ebenfalls in der Ackerstraße, nur ein paar hundert Meter weiter nördlich. Ein paar Monate später war noch immer nichts geschehen, außer, dass bekanntgegeben wurde, dass Jette Joop in besagtes Haus mit ihrer Modefirma einziehen würde. Wowereit soll das entschieden haben.

„Erst jetzt, da die Räumung ansteht, passiert etwas“

„Die Politik hat mir in den vergangenen zwölf Monaten keinen konkreten Vorschlag gemacht“, sagt Markus Friedrich am Telefon. Er ist gerade auf Geschäftsreise in Spanien. Der Liegenschaftsfonds hätte ihm zwar eine Liste mit sechzig Grundstücken vorgelegt, die er statt des Hauses in der Ackerstraße bekommen könnte, darunter sei aber nichts Vergleichbares gewesen. „Erst jetzt, da die Räumung ansteht, passiert etwas“, sagt Friedrich.

Mittlerweile gebe es ein konkretes Grundstück – weder Gothe noch Friedrich wollen sagen, welches –, das der Eigentümer nehmen würde. Dann könnte die Schweizer Stiftung Edith Maryon, die von Staatssekretär Gothe angerufen worden war, das Haus des Schokoladens kaufen und die Betreiber könnten dort zur Pacht bleiben. „Wir sind keine Bittsteller“, sagt Schokoladenvertreterin Anja Gerlich. Seit seiner Gründung 1990 hat der Schokoladen seine Bühnen ohne nennenswerte Förderungen bespielt. Käme das Kompensationsgeschäft also zustande, dann wären Theaterwerkstatt, Ateliers und die kleine Bar nebenan, der Club der polnischen Versager, gerettet.

„Wenn“

Doch noch ist da dieses große „Wenn“. Und derzeit verschwindet ein Stück Clubkultur nach dem nächsten: der Club Icon in Prenzlauer Berg schloss Anfang des Jahres, weil Anwohner sich jahrelang wegen des Lärms beschwerten; der Klub der Republik in der Pappelallee wird gerade abgerissen.

Der Anwalt des Schokoladens sucht nun nach rechtlichen Nischen. Das Gerichtsurteil etwa, auf das sich die Räumung stützt, ist noch nicht rechtskräftig. Doch bisher steht der Termin am 22. Februar. Die Zeit drängt. Vielleicht bewegt sich jetzt endlich etwas.

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