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Schreiben des iranischen Führers in Berlin: Ajatollah-Anhänger verteilen Flugblätter auf der Friedrichstraße

An der Friedrichstraße werden in diesen Tagen Flugblätter des religiösen Führers des Irans unter die Leute gebracht.

An der Friedrichstraße werden in diesen Tagen Flugblätter des religiösen Führers des Irans unter die Leute gebracht.

Nahe des U-Bahnhofs stehen an einem normalen Februarsamstag drei Jugendliche auf der Straße und drücken jungen Passanten Briefe in die Hand. Einer der drei, gekleidet in eine Winterjacke, sagt, es handele sich um einen Brief des religiösen Führers des Iran. Er fordere darin die Jugend des Westens auf, sich kritisch mit der Lügenpresse auseinander zu setzten.

Passanten stutzen, manche lesen dann, was ihnen vor die Nase gehalten wird. Über dem zwei Seiten langen Brief steht in dicken Lettern geschrieben „Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Begnadenden“. Unterzeichnet ist das Schreiben mit Sayyid Ali Chamenei. Das ist der Name des politischen und religiösen Führers des Irans.

Originaler Brief

Tatsächlich ist das Flugblatt von der Friedrichstraße keine Fälschung. Der Text ist identisch mit einem offenen Brief, der auf der Internetseite der iranischen Botschaft nachzulesen ist. Darin wendet sich der geistliche Führer in einem auf den 21. Januar 2015 datierten Schreiben „im Namen Gottes, des Gnädigen, den Begnadenden“ an „die Jugend Europas und Nordamerikas“.

In seinem Brief nimmt Chamenei Bezug auf die Anschläge in Paris. Bewusst wende er sich an die Jugend und nicht an Politiker und Regierungsverantwortliche, „denn ich bin mir sicher, dass sie bewusst den Weg der Politik von dem Weg der Aufrichtigkeit und Rechtschaffenheit getrennt haben“. Das „internationale Machtsystem“ sei bestrebt, das islamische Denken an den Rand und in die Passivität zu drängen. Chamenei unterstellt dem Westen das Bestreben, die Aufklärung der Jugend über die islamische Kultur zu verhindern.

Der Ajatollah formuliert zwei Bitten, die im Zentrum seines Briefes stehen. Er ruft dazu auf, „nach den Motiven dieser groß angelegten Schwarzmalerei zu suchen“ und sich „direkt und unmittelbar mit dieser Religion (gemeint ist der schiitische Islam, d. Red.) vertraut zu machen“. Weiter unterstellt er dem Westen, die Pariser Terroristen selbst engagiert und diese der Bevölkerung dann als Repräsentanten des Islams präsentiert zu haben, um Angst in der Bevölkerung zu schüren. Ein Bild Chameneis am Ende des Textes zeigt ihn freundlich und fürsorglich.

In der Fußzeile findet man einen Verweis auf den muslimischen Verlag Eslamica aus Bremen. Dieser Verlag weist nach Erkenntnissen der deutschen Sicherheitsbehörden Verbindungen zur islamistischen Szene auf. Verlagsgeschäftsführer Yavuz Özoguz ist Betreiber der Onlineplattform www.muslim-markt.de, welche laut eines Gutachtens im Auftrag der Bundesregierung „antisemitische Agitationen“ enthält.

Der Berliner Verfassungsschutz hat die Aktivitäten der Flugblätter verteilenden jungen Leute auf den Straßen der Stadt durchaus im Blick. Die Schreiben seien auch in München, Hamburg, Bremen und Frankfurt am Main verteilt worden, sagt die Sprecherin der Behörde Isabelle Kalbitzer.

Schneeballsystem

Das Schreiben selbst hält der Verfassungsschutz nicht für verfassungsfeindlich. Den Verlag beurteilt die Behörde jedoch durchaus als islamistisch. Mehrfach sei über diesen Verlag bereits islamistische Literatur vertrieben worden, sagt Sprecherin Kalbitzer. Der Verlag veröffentlichte zum Beispiel die deutschsprachige Ausgabe des Buches „Der Islamische Staat“ von Imam Sayyid Ruhullah Chomeini. Dieses Buch gilt als Grundlage der islamischen Revolution im Iran mit Anleitungen zum Erreichen eines islamischen Staates und wird vom Verfassungsschutz eindeutig als islamistisch eingestuft.

Die Verteilaktion des aktuellen Briefes funktioniert nach einer Art Schneeballsystem. Das Schreiben ist auf diversen deutschsprachigen Internetseiten deutscher Anhänger Chameneis zu finden und dort jeweils als PDF-Dokument zum Ausdrucken verlinkt, um ihn dann zu verteilen. Auf verschiedenen Internetseiten wird zu einer Diskussion über den Brief aufgefordert. Die Kommentare sind jedoch einhellig positiv. „Das ist wie immer, eine sehr schöne und wahre Botschaft“, schreibt eine Dörte Donker. „Sensationell und historisch enorm bedeutsam“, findet das Schreiben Verlagschef Özoguz.