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Schüler reden mit Holocaust-Opfern: „Wie konnte man danach weiterleben?“

Peter Johann Gardosch überlebte das Konzentrationslager Auschwitz und die Zwangsarbeit in Bayern.

Peter Johann Gardosch überlebte das Konzentrationslager Auschwitz und die Zwangsarbeit in Bayern.

Er könnte jetzt im Bundestag sitzen. Peter Johann Gardosch hält seine Einladung zur Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus hoch und zeigt sie den Schülern, die vor ihm sitzen. Dann steckt der 86-Jährige die weiße Karte ein. Er sei lieber hierhergekommen, sagt er, und fügt unverblümt hinzu: „Ich mag das offizielle Gelaber nicht, ich mag junge Leute.“ Die rund 30 Jugendlichen grinsen.

Der rüstige Herr mit grauem Haar und Goldrandbrille sitzt am Mittwochvormittag in einem Klassenraum der Ruth-Cohn-Schule, dem Oberstufenzentrum Sozialwesen an der Bismarckstraße. Sein Gehstock hängt an der Tafel, vor ihm steht ein Glas Wasser. Gardosch möchte den jungen Menschen etwas erzählen. Von sich. Von Auschwitz. Vom Zwangsarbeiterlager. Vom Todesmarsch. Er möchte ihnen erzählen, was es heißt, ein Überlebender des NS-Terrors zu sein. „Ich sehe nicht aus wie ein Zombie“, sagt er mit einem leicht ironischen Lächeln. „Aber ich bin ein Überlebender. Ein Opfer des bestialischen Antisemitismus.“

Reden und Workshops

Gardosch ist einer von 16 Zeitzeugen, die am Holocaust-Gedenktag in die Ruth-Cohn-Schule gekommen sind. Die Schule in Charlottenburg, an der insgesamt 1 400 Jugendliche und junge Erwachsene fürs Fachabitur lernen oder eine Erzieherausbildung absolvieren, lädt jedes Jahr Fachleute und Überlebende des NS-Terrors ein. Darunter sind am Mittwoch Juden wie Peter Johann Gardosch, aber auch NS-Opfer wie Ilse Heinrich und Charlotte Kroll, die als sogenannte Asoziale beziehungsweise Politische im KZ Ravensbrück inhaftiert waren. Auch die Verfolgung von Schwulen, Sinti und Roma sowie die Ermordung von Behinderten ist in einzelnen Workshops Thema.

Ziel ist es, die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten und daraus für die Gegenwart und Zukunft zu lernen, wie Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) sagt. In einer überraschend persönlichen Rede erzählt sie von ihrer Familie, vor allem von ihrem behinderten Onkel Erich. In der NS-Zeit habe ihre Großmutter jeden Tag mit der Angst gelebt, er könnte abgeholt werden. Schulleiter Mirko Salchow sagt, der Tag sei ein Erfolg, wenn es gelinge, nicht nur zu gedenken, sondern echte Denkanstöße zu geben.

Peter Johann Gardosch, der heute in Brandenburg wohnt, trägt gerne einen Teil dazu bei. Ohne Manuskript, manchmal fast flapsig, berichtet er von den Gräueln, die er als Jugendlicher erlebte. Er übersetzt Stichworte aus dem Geschichtsunterricht wie „Endlösung der Judenfrage“ und „Wannsee-Konferenz“ in die Alltagssprache, wenn er sagt: „Die Nazis wollten alle elf Millionen Juden in Europa killen. Sie konnten nicht alle töten, aber um die fünf Millionen haben sie erwischt. “

Gardosch erzählt von seiner Familie: der Großvater Arzt, der Vater Bankangestellter, eine gut bürgerliche, jüdische Familie in Siebenbürgen, das erst rumänisch, später ungarisch war. Gardosch war 13 Jahre alt, als seine Familie deportiert wurde. Erst sperrte man sie mit 4 000 andern Juden in eine leer stehende Ziegelfabrik, Wochen später wurden sie in Viehwaggons nach Auschwitz gebracht. „Es kam mir ganz surreal vor“, beschreibt Gardosch die Ankunft am Konzentrationslager. „Nur Zäune, so weit das Auge sah, und das fahle Licht der Lampen.“

Gardoschs Mutter, Großmutter und seine Schwester wurden kurz nach der Ankunft in Auschwitz vergast. Er und sein Vater überlebten, auch, weil sich der 13-Jährige älter machte und sie sich zum Arbeitseinsatz meldeten. Vater und Sohn wurden in ein bayerisches Zwangsarbeiterlager gebracht und später auf einen Todesmarsch zum KZ Dachau geschickt. Unterwegs konnten sie fliehen.

Jugendliche sind beeindruckt

Aufmerksam hören die Jugendlichem dem 86-Jährigen zu. Als er zum Ende gekommen ist, bleibt es eine Weile still. Doch dann haben sie viele Fragen: Wie konnte er danach weiterleben? Ob er je an Selbstmord gedacht habe? Warum wehrten sich die Opfer nicht? Kann man den Islamischen Staat (IS) mit den Nazis vergleichen?

Gardosch antwortet auf alle Fragen – und er gibt zu, dass er manche Antworten nicht kennt. Die Kraft weiterzuleben, sei einfach in ihm gewesen, sagt er. Und dass Terror lähmt, eine Gegenwehr erstickt. Den IS will er nicht mit den Nationalsozialisten vergleichen. „Das ist eine andere Kategorie.“ Sein Publikum ist beeindruckt. „Ich hätte nie erwartet, dass er so frei und ruhig über all das redet“, sagt Paul Bels, ein 19-jähriger Schüler.

Gardosch entlässt seine Zuhörer mit einem Wunsch: „Erzählen Sie das eines Tages Ihren Kindern. Damit so etwas nie wieder geschieht. Dann hat sich meine Anwesenheit hier gelohnt.“ Womöglich mehr, als bei der Gedenkstunde im Bundestag.