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Schule: 300 Quereinsteiger-Lehrer starten in Berlin

Ab Dienstag treten die neuen Quereinsteiger ihren Dienst in den Schulen an.

Ab Dienstag treten die neuen Quereinsteiger ihren Dienst in den Schulen an.

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imago/Michael Weber

Berlin -

In einem alten, aber frisch gestrichenen Schulgebäude in Westend stehen junge Leute in der Mittagspause auf den Fluren und erzählen sich von ihrer künftigen Arbeitsstätte. Hat ihre Schule einen guten Ruf? Ist der Schulleiter in Ordnung? Und wie schnell kommt man hin, wenn man vorher noch das Kind zur Kita bringen muss? Es ist eine große Erfahrungsbörse. Referendare, also angehende Lehrer, werden hier eine Woche lang darauf vorbereitet, bald vor einer Klasse zu stehen.

Eine besondere Gruppe ist im Raum 205/206 dieses Schulpraktischen Seminars von Charlottenburg-Wilmersdorf zu finden: Dort hat fast jeder Dritte, der im Halbrund sitzt, gar nicht auf Lehramt studiert, soll nun aber als Quereinsteiger an Berliner Schulen unterrichten. Während ihres 18-monatigen, berufsbegleitenden Referendariats werden sie bereits 19 Stunden in der Woche allein in einer Klasse unterrichten. Das heißt: Sie werden ins kalte Wasser geworfen.

Seminarleiterin Marlis Ziegler gibt ihnen nun Tipps, was eine vorbildliche Lehrerpersönlichkeit ausmacht: Der Pädagoge müsse die Schüler motivieren und ihnen zugewandt sein, dabei soll er auch auf die entsprechende Körperhaltung achten, also keine abweisenden Gesten, auch keine verschränkten Arme vor dem Oberkörper. Mimik und Gestik sollten immer direkt auf die Aussagen der Schüler reagieren.

So viele neue Lehrer wie seit Jahrzehnten nicht mehr

Einer von diesen Quereinsteigern ist Carsten Lehmann. Der 43-Jährige hat gut zehn Jahre lang in einem Unternehmen in der Forschung gearbeitet, nun darf er Mathe und Physik an einer Sekundarschule unterrichten, absolute Mangelfächer, für die sich kaum ausgebildete Lehrer finden. „Ich wollte etwas Neues machen, eine Karriere in der Wissenschaft konnte ich mir nicht vorstellen“, sagt Lehmann.

Aus schierer Personalnot hatte der Senat Anfang des Jahres nahezu alle Schulfächer zu Mangelfächern erklärt. Dadurch konnten sich auch Quereinsteiger wie Carsten Lehmann bewerben, wenn nicht genug reguläre Bewerber mit abgeschlossenen Lehramtsstudium gefunden werden. Die meisten Quereinsteiger in dem Raum in Westend werden künftig Mathe, Physik, Chemie, Biologie oder Informatik unterrichten. Es gibt aber auch eine studierte Musikerin und einen künftigen Lehrer für Spanisch und Deutsch.

Berlin stellt zum neuen Schuljahr so viele Lehrer ein wie seit Jahrzehnten nicht mehr, da viele ältere Kollegen in Pension gehen. Mit viel Anstrengung sei es gelungen, die 2005 freien Stellen zum neuen Schuljahr zu besetzen, bestätigte Dieter Haase vom Gesamtpersonalrat der Bildungsverwaltung. „Es hat bis auf wenige Einzelfälle geklappt, die Personalstelle der Verwaltung hat sehr gute Arbeit geleistet.“

Unter allen Neueinstellungen seien nur etwa 250 Quereinsteiger mit zwei Fächern. Weitere 45 unterrichten erst einmal nur ein Fach und müssen weitere Fächer gleichzeitig noch studieren. Zudem haben sich 200 weitere Pädagogen, für das berufsbegleitende Referendariat entschieden, die bereits das Erste Staatsexamen besitzen. Wenn sie gleich 19 Stunden unterrichten, verdienen sie nämlich mehr: knapp 2 000 Euro netto.

Sorge vor Entprofessionalisierung

So wie Eugen Wenzel, 30, der künftig als Deutsch- und Philosophielehrer am Wilmersdorfer Friedrich-Ebert-Gymnasium arbeiten wird. Für die neue Arbeit ist er extra von Hannover nach Berlin gezogen. In Niedersachsen arbeitete er an der Universität, machte seine Promotion. „Ich habe schon mit Studenten gearbeitet, da wird mir das Unterrichten hoffentlich leicht fallen“, sagt Wenzel.

Etliche Stellen in Berlin konnten mit fertig ausgebildeten Lehrern aus westdeutschen Bundesländern besetzt werden, die in ihrer Heimat keine Stelle fanden, da dort nur noch wenige Lehrer eingestellt werden – meist nur mit Bestnote. Das gilt insbesondere für Bayern. Allerdings wollen nun viele aus Bayern stammenden Lehrer in Berlin nur zeitlich befristete Verträge abschließen. Denn sonst werden sie in Bayern von der Bewerberliste gelöscht.

Die beiden Lehrer Florian Bublys und Robert Rauh von der Initiative „Bildet Berlin!“ sehen in dem Rückgriff auf Quereinsteiger eine Entprofessionalisierung ihres Berufs. „Die Seiteneinsteiger haben noch nie vor einer Klasse gestanden und müssen ohne pädagogische Ausbildung aus dem Stand 19 Stunden selbstständigen Unterricht erteilen“, heißt es in einer Erklärung der Initiative. Hier wachse eine Generation von Notlehrern heran, deren Betreuung unklar sei. Im neuen Lehrerbildungsgesetz sei der Quereinstieg sogar ausdrücklich geregelt.