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Berliner Zeitung | Schule in Berlin Prenzlauer Berg: Eine Grundschule will nicht Turnvater Jahn heißen
25. February 2015
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Schule in Berlin Prenzlauer Berg: Eine Grundschule will nicht Turnvater Jahn heißen

Ungeliebt: Turnvater Jahn (hier als Denkmal im Volkspark Hasenheide).

Ungeliebt: Turnvater Jahn (hier als Denkmal im Volkspark Hasenheide).

Der alte Turnvater Jahn hat ausgedient. Jedenfalls an der bisher nach ihm benannten Grundschule in Prenzlauer Berg. Lehrer und Eltern haben dort beschlossen, dass er als Namenspatron nicht mehr zeitgemäß ist. Weil er ein extremer Nationalist gewesen sei, habe er mit den heutigen Bildungs- und Erziehungszielen der Berliner Schule so gut wie nichts mehr gemein. Am 20. März soll die Turnvater-Jahn-Schule deshalb feierlich in Bötzow-Grundschule umbenannt werden. Auch der Pankower Bezirksbürgermeister Matthias Köhne (SPD) hat dem zugestimmt. Die Persönlichkeit Friedrich Ludwig Jahns werde als zwiespältig wahrgenommen und sei für Grundschulkinder schwer vermittelbar, heißt es in dem zustimmenden Schreiben des Bezirksamtes. Manche fragen nun schon, ob bald auch der Jahn-Sportpark am Mauerpark umbenannt werden muss?

Gegen Völker- und Kulturvermischung

Generationen von Schülern galt Turnvater Jahn (1778–1856) lange Zeit eher als Vorbild. Er war der Begründer des Breitensports und vor allem des Geräteturnens. Gerätschaften wie Reck und Barren, ja der Begriff „Turnen“ selbst stammen von ihm. Allerdings war er eben auch ein glühender Nationalist, der gegen die französische Besatzung und Napoleon aufbegehrte („Verbannung der Ausländerei“). „Turnen war für Jahn Teil der physischen und patriotischen Erziehung zur Vorbereitung auf den Krieg gegen die französische Besatzung“, heißt es deshalb auch in einem durchaus differenzierten Informationsschreiben der Schule. Dies allein mache Jahn aber noch nicht zu einer unvereinbaren Persönlichkeit, heißt es dort. Hinzu kämen Jahns explizite Zitate gegen eine Völker- und Kulturvermischung. Die Nazis hätten deshalb auch auf Jahn als ausländerfeindlichen Nationalisten mit Vorstellungen vom reinen Blut im Volkstum zurückgegriffen.

Die seit 2013 amtierende Schulleiterin Frauke Dellas betonte, dass die Namensänderung schulintern in einem demokratischen Prozess zustande gekommen sei. Die neunköpfige Schulkonferenz aus Schulleiterin, Lehrer- und Elternvertretern habe bei einer Enthaltung zugestimmt. Auch das Schülerparlament habe sich dafür aus- gesprochen. Für die Schulleitung stellt die Namensänderung auch einen Neuanfang dar, man habe gerade ein neues Schulprogramm erarbeitet, setzte weiter auf Sportbetonung, aber auch auf Leseförderung.

Die Namensänderung ist aber auch umstritten, im Sekretariat der Schule sind schon mehrere Schmähschriften dagegen eingegangen. Einige Spötter fragen, wieso die Schule nun ausgerechnet nach der Bierbrauerdynastie der Bötzows benannt werden soll, die teils überzeugte Nationalsozialisten gewesen seien.

Mit dem neuen Namen wolle man die Schule, die einen Teil des Bötzowviertels im Einzugsbereich hat, stärker im Kiez verankern, betonte Schulleiterin Dellas. Die Schüler sollen sich mit ihrer Schule stärker identifizieren. Tatsächlich mieden viele Eltern die Schule in vergangenen Jahren, jetzt aber hat eine Trendwende eingesetzt.

Björn Eggert (SPD), Sportpolitiker im Abgeordnetenhaus, regte in einer ersten Reaktion eine Anhörung im Sportausschuss zu Jahn an. Timm-Christopher Zeelen (CDU), Vize-Vorsitzender des Sportausschusses, sagte, er respektiere den Beschluss der Schule, halte ihn aber für falsch. Die Turnerbewegung habe die Basis für den heutigen Breitensport gelegt. Bildung und Sport gehörten bei der Entwicklung junger Menschen zusammen.