09.02.2012

Schulempfehlungen: 1000 Siebtklässler sollen Gymnasien verlassen

Von Martin Klesmann
CDU und Grüne plädieren für ein neues Aufnahmeverfahren, dass „das Elternwahlrecht in bestimmten Fällen einschränkt“.
CDU und Grüne plädieren für ein neues Aufnahmeverfahren, dass „das Elternwahlrecht in bestimmten Fällen einschränkt“.
Foto: dpa
Berlin –  

Die Berliner Bezirke rechnen damit, dass in diesem Schuljahr insgesamt 1000 Siebtklässler das neu eingeführte Probejahr an den Gymnasien nicht bestehen werden. Das habe eine aktuelle Umfrage ergeben, bestätigten mehrere Bezirksstadträte. CDU und Grüne wollen das Elternwahlrecht einschränken.

Voraussichtlich nahezu jeder zehnte Schüler dieses Jahrgangs wird das Gymnasium wieder verlassen und in die 8. Klasse einer Sekundarschule wechseln. Die in Berlin mitregierende CDU und die Grünen nahmen diese hohe Zahl an erwarteten „Rückläufern“ am Mittwoch zum Anlass, um neue Aufnahmekriterien für das Gymnasium zu fordern. Derzeit gilt in Berlin der freie Elternwille, das heißt: Eltern können ihr Kind auch dann aufs Gymnasium schicken, wenn die Grundschule dagegen ist und den Besuch einer Sekundarschule empfiehlt. „Einige Eltern handeln aber offenbar verantwortungslos“, sagte Hildegard Bentele, schulpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion.

Sie sprach sich dafür aus, dass der Notendurchschnitt der Grundschule beim Zugang aufs Gymnasium stärker gewichtet wird, zudem sollten Test und Aufnahmegespräche eine größere Rolle spielen. Bentele: „Ein Schüler muss zum Profil der Schule passen, sonst leiden alle Schüler.“

Frustriert in die Rückläufer-Klassen

Besonders gravierend stellt sich das Problem am Menzel-Gymnasium in Tiergarten dar. Hier werden offenkundig über 60 Siebtklässler das Probejahr nicht bestehen. Diese Schule hatten wegen ihrer Raumkapazitäten besonders viele Schüler zugewiesen bekommen, die an anderen Gymnasium nicht angenommen worden waren. „Etwa 90 Prozent der Schüler, die das Probejahr wohl nicht bestehen werden, haben eigentlich eine Sekundarschulempfehlung“, sagte Schuleiterin Cynthia Segner. Sie versucht diese Schüler jetzt noch mit temporären Kleinklassen und zusätzlichen Lehrern zu fördern. Aber sie sei auch mit den Eltern der Schüler im Gespräch.

Hier wie auch an anderen Gymnasien, etwa in Neukölln, berichten Lehrer, dass gerade bildungsorientierte Migranteneltern ihre Kinder unbedingt auf ein Gymnasium schicken wollen. „So aber landen diese Jugendlichen dann frustriert und mitten in der Pubertät in so genannten Rückläufer-Klassen an den Sekundarschulen“, sagte Katrin Schultze-Berndt (CDU), Schulstadträtin von Reinickendorf. Das stigmatisiere diese Schüler und schade dem dortigen Schulklima. Leider müsse ihr Bezirk erstmals auch solche Klassen einrichten.

Schulleiter weisen Eltern bei den gerade begonnen Anmeldeverfahren für das nächste Schuljahr verstärkt darauf hin, dass Kinder an Sekundarschulen die Möglichkeit haben, das entschleunigte Abitur nach 13 Jahren abzulegen.

600 Kinder scheiterten im Probehalbjahr

Auch Grünen-Bildungspolitiker Özcan Mutlu plädierte für ein neues Aufnahmeverfahren, das „das Elternwahlrecht in bestimmten Fällen einschränkt“. Der Grünen-Vorschlag: Kinder erhalten schon in der 5. Klasse eine Bildungsgangempfehlung der Grundschule samt Förderangeboten. Wer sein Kind gegen diese Empfehlung dennoch an ein Gymnasium geben will, muss sein Kind nach einem Jahr erneut begutachten und gegebenenfalls Probeunterricht absolvieren lassen. Besteht das Kind dort nicht, wird ihm der Zugang zum Gymnasium verwehrt. Mutlu: „Dafür sollen Gymnasien dann aber die Schüler, die sie aufnehmen, gar nicht mehr von der Schule verweisen dürfen.“

In den vergangenen beiden Jahren bestanden jeweils etwa 600 Kinder das Probehalbjahr nicht. Dieses Jahr hat der 7. Jahrgang an Gymnasien aber auch etwa 11.400 statt rund 10.000 Schüler wie in den vergangenen Jahren.

Die Versetzung ist genau geregelt

Empfehlung: Hat ein Sechstklässler einen Notenschnitt von 2,2 bis maximal 2,7, erhält er von der Grundschule eine Gymnasialempfehlung. Ansonsten gibt es die Sekundarschulempfehlung. In Berlin gibt es aber keinen „Numerus clausus“ fürs Gymnasium, jeder kann sein Kind dort anmelden.

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