blz_logo12,9
Berliner Zeitung | Schulen in Berlin: Digitale Plattform revolutioniert das Lernen
14. May 2014
http://www.berliner-zeitung.de/1545482
©

Schulen in Berlin: Digitale Plattform revolutioniert das Lernen

In Zukunft gibt es Unterrichtsmaterialien vielleicht nicht nur digital, sondern auch für jeden Schüler und jede Lehrerin frei zugänglich im Netz.

In Zukunft gibt es Unterrichtsmaterialien vielleicht nicht nur digital, sondern auch für jeden Schüler und jede Lehrerin frei zugänglich im Netz.

Foto:

Imago/Sabine Gudath

Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit wird derzeit gerade das Ende des herkömmlichen, gedruckten Schulbuches vorbereitet. Schon bald sollen Schüler in Berlin mittels frei zugänglicher Unterrichtsmaterialien im Internet ganz anders lernen. Auch Lehrer sollen dann beispielsweise ihre Arbeitsblätter in einem Internet-Portal zur Diskussion stellen und sich miteinander austauschen. Das käme einem Kulturwandel gleich, denn viele Lehrer hüten ihre Materialien bisher zu Hause im Arbeitszimmer, der Austausch mit anderen Kollegen findet oft nicht statt.

„Open Educational Resources“ (OER) heißt das Zauberwort, das diesen Kulturwandel ermöglichen soll. In Polen, den USA oder Südkorea wird diese Form des Lernens schon praktiziert. Berlin will nun ein Internetportal für OER einrichten. Die Mitarbeiter des Mediumforums in Moabit sollen das machen. Das sagte Bildungsstaatssekretär Mark Rackles (SPD) am Mittwoch bei der Vorstellung der von der Technologiestiftung Berlin durchgeführten Studie „Open Education in Berlin“.

Nicolas Zimmer, der Vorsitzende der Technologiestiftung Berlin, wurde noch deutlicher: „Wenn die etablierten Schulbuchverlage hier nicht mitziehen, dann ist das eine große Chance gerade für Start-up-Unternehmen aus Berlin.“ Denn diese könnten dann die neuen Unterrichtsmaterialien aufbereiten. Betrieben werden soll die Plattform in staatlicher Verantwortung, aber in freier Lizenz. „Creative Commons Licence“ heißt die gemeinnützige Organisation, die Standardlizenz-Verträge anbietet, mit denen ein Autor der Öffentlichkeit Mitnutzungsrechte an seinem Werk einräumt.

Für Zimmer muss aber bei der Umsetzung dieser Pläne eines gewährleistet sein: „Jeder Schüler muss einen Tablet-Computer besitzen, damit alle die gleichen Möglichkeit haben, an die Unterrichtsmaterialien zu kommen.“ Dafür müsse notfalls der Staat sorgen. Bisher gibt Berlin in jedem Schuljahr 150 bis 200 Euro pro Schüler für Lernmaterialien aus, Eltern zahlen zudem für Bücher bis zu 100 Euro jährlich, wenn sie aus sozialen Gründen nicht davon befreit sind.

Die Rolle des Lehrers würde sich durch OER stark verändern: Derzeit begreifen sich viele Pädagogen eher als Einzelkämpfer, bereiten ihren Unterricht alleine vor. „Wenn Kollegen oder Schüler in die Unterrichtsgestaltung einbezogen werden, ist das eine radikale Veränderung, das Lernen wird teamorientierter und demokratischer“, sagte Rackles. Hilfreich ist dabei womöglich, dass derzeit viele neue, computeraffine Junglehrer eingestellt werden.

Viele Lehrer kennen OER nicht

Derzeit gebe es an Schulen noch allzu viel verstecktes Wissen, sagte der Wirtschaftswissenschaftler Leonhard Dobusch von der Freien Universität. Er hat die Studie verantwortet. Tatsächlich hat jüngst zum Beispiel ein Lehrer des Steglitzer Fichtenberg-Gymnasiums für nur einen sehbehinderten Schüler Unterrichtsmaterialien in Blindenschrift angefertigt. Über OER wäre das sofort allgemein zugänglich. An der Evangelischen Schule in Mitte haben Schüler in einem OER-Projekt Unterrichtseinheiten entwickelt, oft als Film zum Herunterladen: Ludwig und Karl haben etwa die Grundlagen der Sportart Basketball in Bildern festgehalten.

Berlin und Brandenburg sind laut der Studie der Technologiestiftung in Deutschland Vorreiter bei OER, wenn auch auf niedrigem Niveau, Bayern ist Schlusslicht. 75 Prozent der Lehrer kennen den Begriff OER noch gar nicht. Um diese Unkenntnis abzubauen, fordert Dobusch in seiner Studie einen attraktiv dotierten Wettbewerb für Lehrer, die neue Materialien erstellen. Rackles sprach sich dafür aus, besonders engagierten Lehrern Ermäßigungsstunden zukommen zu lassen.

In einem zweiten Schritt sollten dann OER-Lerninhalte ins Zentrum des Unterrichts rücken, zunächst für Mathe und Naturwissenschaften, weil dort das Urheberrecht nicht so leicht verletzt werden kann. Urheberrechtsfragen können ein Hindernis darstellen, aber Berlin besitzt einen relativ großen Fundus an Archivmaterial selbst. Im letzten Schritt erst soll dann OER gezielt von einer Stabsstelle in der Bildungsverwaltung zentral angeboten werden.

Bei alldem muss sichergestellt werden, dass die OER-Materialien den Rahmenlehrplänen entsprechen. Das sichern bisher die wenigen großen Schulbuchverlage ab, die seit Jahrzehnten den Markt dominieren. Auch dort versucht man sich auf die neue Zeit einzustellen. Dazu gehörte beim Berliner Schulbuchverlag Cornelsen zuletzt ein massiver Personalabbau.