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Berliner Zeitung | Schulen in Berlin: Gymnasien in ihrer Existenz bedroht
15. May 2014
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Schulen in Berlin: Gymnasien in ihrer Existenz bedroht

Leere Klassenzimmer - es mangelt zumindest schon an Siebentklässlern.

Leere Klassenzimmer - es mangelt zumindest schon an Siebentklässlern.

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Imago/Ralph Peters

Erstmals seit vielen Jahren machen zwei Berliner Gymnasien zum neuen Schuljahr keine neuen 7. Klassen auf. Es wurden zu wenig Schüler dort angemeldet. Konkret handelt es sich um das Rathenau-Gymnasium in Grunewald und das Herder-Gymnasium in Westend. „Am Rathenau-Gymnasium hatten wir nur 26 Erstwunsch-Anmeldungen, am Herder-Gymnasium lediglich 13 Anmeldungen“, räumte Elfi Jantzen (Grüne), die Schulstadträtin von Charlottenburg-Wilmersdorf, ein.

Deshalb werde es an beiden Schulen keine neuen 7. Klassen geben. Das Schulgesetz schreibe vor, dass ein Gymnasium drei Klassen pro Jahrgang haben soll, sagte Jantzen. Das ist wichtig, damit den Schülern später in der Oberstufe ein vielfältiges Kursangebot gemacht werden kann. Die Existenz des Gymnasiums sieht die Schulstadträtin nicht gefährdet. Allerdings sei klar, dass nun Lehrer die Schule verlassen müssten und woanders eingesetzt würden.

Zukunft der Schule unklar

Die Entscheidung ist für das Rathenau-Gymnasium auch im Hinblick auf die Zukunft verheerend. Wieso sollten Eltern ihre Kinder im nächsten Jahr dort noch anmelden, wenn sie nicht wissen, ob dort überhaupt 7. Klassen eingerichtet werden? Eine Klasse an einem Gymnasium wird in der Regel von 32 Kindern besucht. Nach den Oberschul-Anmeldungen im Februar verschicken die bezirklichen Schulämter am heutigen Freitag die Bescheide, welches Kind an welcher Oberschule einen Platz bekommen hat. Der Drang aufs Gymnasium hält sich seit der Schulreform vor vier Jahren in Grenzen. Damals wurden durch Zusammenlegung von Real- und Hauptschulen die sogenannten Sekundarschulen errichtet, die das Abitur nach der 13. Klasse anbieten und den Schülern im Vergleich zu den Gymnasien ein Jahr länger Zeit lassen.

Seitdem gibt es zwar weiterhin viele besonders begehrte Gymnasien, andererseits auch solche, die nur durch Schülerzuweisungen ihre Klassen füllen können. Insgesamt wurden im Februar 57 Prozent der Kinder an Sekundarschulen angemeldet, ans Gymnasium wollten 43 Prozent des Jahrgangs.

Nun scheint es gerade in den westlichen Bezirken, wo es traditionell mehr Gymnasien als in den Ost-Bezirken gibt, eng zu werden für diesen Schultyp: Auch an der Nachbarschule des Rathenau-Gymnasiums, dem renommierten Hildegard-Wegscheider-Gymnasium, meldeten sich nur 39 Schüler mit Erstwunsch an. Bisher kooperieren beide Schulen bereits in der Oberstufe, um überhaupt die nötigen Kurse anbieten zu können. Auch deshalb geht es nun um die Existenz der Schulen vor Ort: Um überhaupt genug 7. Klassen bilden zu können, gehen nun alle Schüler an das Wegscheider-Gymnasium, das auch noch Begabten-Klassen ab Jahrgangsstufe 5 hat.

Das Rathenau-Gymnasium steht vor einer unsicheren Zukunft, nach einer Messerstecherei unter Schülern gab es zuletzt schon Negativ-Schlagzeilen. Jetzt wird die Schule es noch schwerer haben, ihren Ruf zu verbessern. Ungeklärt ist auch, wohin sich jene Schüler wenden können, die am Ende der 8. Klasse sitzenbleiben werden. Vor Ort wird es keine untere Jahrgangsstufe geben, die sie aufnehmen kann.

„Wir müssen die Entwicklung nun sehr genau beobachten“, sagte CDU-Schulpolitiker Stefan Schlede. „Auch weil die Zahl der Anmeldungen an den Privatschulen steigt.“ Gerade im Wettbewerb mit diesen müsse auf die Qualität der staatlichen Schulen geachtet werden. Im Bildungsausschuss teilte Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) auf Anfrage mit, dass ihr am Rathenau-Gymnasium keine Qualitätsprobleme bekannt seien.

Als „Jungs-Schule“ unattraktiv

Vor ein paar Jahren noch waren in Charlottenburg-Wilmersdorf fast alle Gymnasien übernachgefragt. Inzwischen haben nur noch Berggruen- , Ebert- und Schiller-Gymnasium mehr Bewerber als Plätze. Das Herder-Gymnasium, das ganze 13 Anmeldungen für die 7. Klassen hatte, gilt mit seinem Mathe-Profil als „Jungs-Schule“, wie ein Lehrer berichtet. Dort gibt es allerdings Klassen, die ab Jahrgangsstufe 5 beginnen. Nach den Sommerferien wird das Herder-Gymnasium das das erste komplett grundständige Gymnasium Berlins sein. Das heißt: Die Oberschullaufbahn beginnt mit der 5. Klasse. Vielleicht lässt sich damit ja ein eigenes Profil entwickeln.


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