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Schwestern der Perpetuellen Indulgenz: Sündige und habe Spaß dabei!

Berliner Zeitung/David Oliveira

Act up! Sie Schwestern der perpetuellen Indulgenz bei ihrer Arbeit im Berliner Nachtleben.

Bevor die Schwestern der Perpetuellen Indulgenz durch die Bars und Kneipen dieser Stadt ziehen, halten sie erstmal inne. Es ist ein ungewöhnlicher Moment. Drei groß gewachsene, stark geschminkte und bunt gekleidete Menschen stehen an einer menschenleeren Kreuzung in Schöneberg im Kreis, halten sich an den Händen und sprechen eine Art Gebet. Energiekreis nennen sie das. Es soll sie auf den Abend vorbereiten, ihnen Kraft geben für das, was sie erwartet.

Die Schwestern wollen im „Schwulen Kiez“ in Schöneberg ausschwärmen. Sie verteilen Kondome und Süßigkeiten. Gegründet haben sich die „Sisters of Perpetual Indulgence“ Ende der 1970er Jahre in San Francisco. Mittlerweile ist daraus eine weltweite Bewegung geworden. Auf vier Kontinenten finden sich Ordenshäuser. In Deutschland gibt es sieben, davon zwei in Berlin. Perpetuelle Indulgenz bedeutet immerwährender Ablass. Ablass von stigmatisierender Schuld, die einem die Gesellschaft nach Ansicht der Schwestern dafür gibt, dass man ist, wie man ist. Zu groß zu klein, zu dick, zu dünn, zu schwul, zu hetero. Das Rezept der Schwestern ist dagegen die „universelle Freude“. Geh hin und sündige, sagen diese Nonnen, und habe Spaß dabei.

Am bekanntesten sind die bunten Schwestern aber für ihre Aufklärungsarbeit in der AIDS-Prävention. Das Verteilen von Kondomen und Informationsheften zur Verhütung und den Umgang mit AIDS und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten ist zu einem Markenkern des Ordens geworden. Spenden werden gesammelt. Zudem versuchen sie Vorurteile gegenüber HIV-Infizierten abzubauen. Der Gedanke der Barmherzigkeit ist zentral. Es gehe darum, Hilfe zu leisten und einfach da zu sein. „Eine Schulter zum Anlehnen, jemanden der Tränen trocknet, wenn welche fließen.“

Die meisten Mitglieder bei den Schwestern der Perpetuellen Indulgenz sind schwule Männer. Allerdings, betont Daphne, die Mutter Oberin des Berliner Erzmutterhauses Sankta Melitta Iuvenis, kämen immer mehr Frauen dazu. Auch ein Hetero-Mann sei bereits eingetreten und offenbar soll bald in Kanada auch eine muslimische Frau dabei sein. Für Daphne ist die Diversität nur von Vorteil. „Je mehr Kenntnisse wir über verschiedene soziale und ethnische Gruppen haben, desto mehr können wir unsere Arbeit verbessern.“

Männern in Leder

Das „Prinzknecht“ in der Fuggerstraße ist an diesem Mittwoch voll von Männern in Leder. Auf einem Monitor über der Bar läuft ein Porno. Schwester Bathseba verteilt Kondome und Informationen an einen halbnackten Mann. „Hier, für den Spaß heute Abend.“ „Nur eins?“, fragt der Mann enttäuscht. Bathseba gibt ihm noch eins.

Der bunte und auffällige Habit der Schwestern ist eine Uniform und eine Abgrenzung. Wenn sie als Schwestern unterwegs sind, gilt das Gebot der Enthaltsamkeit, wie bei katholischen Nonnen auch. Das ist nicht die einzige Gemeinsamkeit. So sehr die Schwestern sich von der als homophob empfundenen Haltung der katholischen Kirche distanzieren, kopieren sie doch ihr Auftreten. „Wir unterscheiden uns in vielem nicht von katholischen Kongregationen“, sagt Schwester Daphne. „Das ist auch mit Absicht so, es ist ein Konzept, das sehr gut funktioniert.“ Im Laufe der Jahre ist es zu Kontakten zu katholischen Nonnen gekommen.

"Krasse Fällen“

Manche erkennen die Arbeit der Schwestern als gleichwertig an. „Diejenigen in der katholischen Kirche, die mit Menschen arbeiten, respektieren uns. Die offizielle Kirche natürlich nicht“, sagt Schwester Suzette vom Berliner Orden. Auf dem Weg in die nächste Kneipe müssen die Schwestern immer wieder stehen bleiben. Ein portugiesisches Mädchen fragt sie nach Empfehlungen für Lesbenbars. Eine Straßenecke weiter erblicken zwei Jungs die Schwestern: „Hey, we love you!“, rufen sie lautstark in den Schöneberger Abend. So geht es auch in der nächsten Kneipe weiter. Überall werden sie erkannt, Geld wird in Scheinen statt in Münzen gespendet und viele bitten die Schwestern um ein gemeinsames Foto.

So leicht wie an diesem Abend ist es nicht immer. Zwar kommt es relativ selten zu Gewalt gegen die Schwestern, dafür ist der emotionale Aufrieb enorm. „Wir begegnen immer wieder krassen Fällen“, sagt Schwester Suzette. Es sei wichtig, sich auch davon zu distanzieren, was man erlebt. Oberster Grundsatz ist deshalb für die Schwestern die Arbeit nur zu machen, wenn man sich auch in der Lage dazu fühlt. Ihre Manifestationen, so nennen sie die Auftritte als Schwestern, führen sie immer gemeinsam aus. Und auch das Wissen um die Größe ihrer Bewegung gibt Mutter Oberin Daphne Kraft, die Arbeit an der Gemeinschaft zu verrichten: „Wenn ich schlafen gehe, steht irgendwo auf der Welt eine Schwester auf, schminkt sich und macht die gleiche Arbeit wie ich in ihrer Stadt.“

Der Berliner Orden im Internet unter: www.indulgenz.de