image001
Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

Selbstmord eines Flüchtlings: Djamaas Tod in Eisenhüttenstadt

Seit 1991 existiert das Erstaufnahmelager in Eisenhüttenstadt.

Seit 1991 existiert das Erstaufnahmelager in Eisenhüttenstadt.

Foto:

PRIVAT

Eisenhüttenstadt -

Seine Zimmergenossen saßen am Dienstag vergangener Woche wie jeden Tag gegen 17 Uhr beim Abendbrot in der Heimkantine zusammen, als Djamaa Isu sein junges Leben beendete. Er war erst Ende März in das Aufnahmelager an der polnischen Grenze gekommen. Er hatte einen weiten Weg hinter sich, von seinem Heimatland Tschad, einem der ärmsten Länder der Welt, über Libyen nach Italien, er schlug sich bis nach Deutschland, Karlsruhe, durch, von dort wurde er nach Eisenhüttenstadt geschickt.

Das Gelände des Asylbewerberheims liegt am Rande der Stadt, Djamaa Isu teilte sich mit drei anderen ein Zimmer im sogenannten Männerhaus, einem gelb getünchten, schmucklosen Mehrzweckbau.

Erster Flüchtlingssuizid im Lager Eisenhüttenstadt

Sie fanden ihn am Fenster, da war es schon zu spät. Als der Notarzt um 17:50 Uhr kam, konnte er nur noch den Tod feststellen. Djamaa Isu hatte sich mit seinem Gürtel erhängt. Er ging ohne Abschiedsbrief. Er wurde 20 Jahre alt. Die Polizei geht von einem Selbstmord aus.

Es ist der erste Suizid, der sich im Lager Eisenhüttenstadt ereignet hat. Er hat die Flüchtlinge aufgebracht und macht ihnen Angst. Der Flüchtlingsrat Brandenburg fordert eine unabhängige Untersuchung und will wissen, wie es sein kann, dass dem medizinischen Personal die Verfassung des Mannes nicht aufgefallen war.

Schlimmer werdende Zustände

Am Montag fand sogar eine Kundgebung auf dem Gelände statt. Über 130 Menschen, darunter viele Aktivsten, die extra aus Berlin angereist waren, trauerten um Djamaa Isu. Die Kundgebung war vom Flüchtlingsrat und anderen linken Gruppen seit längerem geplant, doch nun bekam sie ein Gesicht, eine neue Dringlichkeit. Der Tod von Djamaa Isu ist für sie ein Beleg für die schlimmer werdenden Zustände im Lager. Wegen der steigenden Asylbewerberzahlen wird der Platz knapp. Bis auf ein Internetcafé gibt es keine Beschäftigungsmöglichkeiten. Ursprünglich für maximal 500 Menschen ausgelegt, müssen inzwischen bis zu 700 Flüchtlinge untergebracht werden. Kürzlich wurden sogar Container aufgestellt, um die Menschen unterzubringen. Jeder, der in Brandenburg einen Asylantrag stellt, muss zuerst nach Eisenhüttenstadt, bevor er in andere Heime verteilt oder abgeschoben wird. Die meisten kommen aus der Russischen Föderation, vor allem aus Tschetschenien.

Einige Flüchtlinge haben selbstgemalte Plakate mitgebracht: „Keine Deportation nach Italien“, „Stop Dublin II“ steht darauf. „Wir sind hier aus Wut über das rassistische Camp“, schallt es. Wie Djamaa Isu landen viele Afrikaner auf ihrer Flucht zuerst in Italien. Laut EU-Recht müssen sie in dem Land, das sie zuerst betreten, sich auch um Asyl bewerben. Dublin II heißt das Abkommen. Im Lager hatten nur wenige mit Isu direkten Kontakt. Ein Freund hat ein Handy-Foto gemacht, es zeigt einen jungen Mann mit einem schüchternen Blick.

"Er wirkte abwesend"

Schnell nach dem Suizid kam das Gerücht auf, dass Djamaa Isu sich aus Angst vor einer drohenden Überführung nach Italien umgebracht haben soll. Diese Version verbreitete der Flüchtlingsrat. Er habe einen Brief bekommen, dass er Deutschland wieder verlassen soll. Das Innenministerium widerspricht, einen Abschiebetermin habe es nicht gegeben. „Er hat ja noch nicht mal eine Anhörung beim Bundesamt für Flüchtlinge gehabt“, sagt ein Sprecher.

Eine andere Version erzählt Rabah Berkouk am Rande der Kundgebung. Er stammt aus Algerien, seit zehn Jahren berät er arabischsprachige Flüchtlinge in Eisenhüttenstadt. Fünf Tage, bevor Isu sich erhängte, war er zu Berkouk in die Diakonie-Beratungsstelle gekommen. Er hatte Verletzungen an Kopf und Knie, woher sie stammten, war nicht ganz eindeutig. Er sei wegen einer Strafzahlung verzweifelt gewesen, erinnert sich Berkouk. Djamaa Isu war in der Bahn beim Schwarzfahren erwischt worden, daraufhin sei ihm das Taschengeld für zwei Wochen gestrichen worden. „Er wirkte abwesend, hat auf die Wand gestarrt“, sagt der Sozialarbeiter. Isu sei psychisch krank gewesen, davon ist der Sozialarbeiter im Nachhinein überzeugt. Er macht sich Vorwürfe, den Jungen nicht zum Arzt geschickt zu haben. Hätte es ihn gerettet?

Suche nach Angehörigen

Flüchtlingsorganisationen haben mehrfach auf die mangelnde medizinische und psychologische Versorgung in Eisenhüttenstadt aufmerksam gemacht. Um Hunderte Menschen, die oft traumatische Erlebnisse hinter sich haben, kümmern sich zwei Krankenschwestern und ein Arzt, der wöchentlich vorbei kommt. Regelmäßig landen Flüchtlinge in der Notaufnahme des Krankenhauses. Am Wochenende habe ein Somalier versucht, sich zu erhängen, erzählt eine junge Frau. Die Leitung des Lagers weist jede Schuld von sich. Man erkenne in der schieren Masse der Menschen nicht sofort Schutzbedürftige, heißt es.

Die Frage ist nun, was aus dem Leichnam des jungen sunnitischen Muslim wird. Die Behörden suchen über die Botschaft Tschad nach Angehörigen. Wenn sich niemand meldet, wird er anonym eingeäschert. Eine Beerdigung nach islamischen Ritus ist zu teuer.