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Selbstmordprävention: „Suizid ist immer noch ein Tabuthema“

Freundin und Projektkoordinatorin des Vereins „Freunde fürs Leben“: Laura Werling.
Freundin und Projektkoordinatorin des Vereins „Freunde fürs Leben“: Laura Werling.
Foto: Markus Wächter / Waechter

Der Verein „Freunde fürs Leben“ will betroffenen Kindern und Jugendlichen helfen, sich von Selbstmordgedanken zu lösen.

Nach Unfällen sind Selbstmorde die zweithäufigste Todesursache bei Kindern und Jugendlichen bis 25 Jahren. Dabei gibt es Warnsignale, auf die Freunde und Verwandte reagieren könnten. Denn viele selbstmordgefährdete Jugendliche wollen gar nicht sterben, sondern nur einen Weg finden, um einer für sie unerträglichen Situation zu entkommen. Damit diese Warnsignale erkannt werden und Betroffene entsprechende Hilfsangebote finden können, hat sich der Berliner Verein „Freunde fürs Leben“ gegründet. Laura Werling ist Projektkoordinatorin des Vereins und hat den Internet-Fernsehkanal „Freunde fürs Leben-TV“ mit aufgebaut.

Frau Werling, aus welchen Gründen bringen sich Jugendliche um?

Ein sehr häufiger Grund ist der erste Liebeskummer. Die Jugendlichen stecken in einer seelischen Krise und denken: So, wie ich mich jetzt fühle, kann mein Leben nicht weitergehen. Das ist sehr tragisch, denn hat man so eine Krise erst einmal gemeistert, ist der nächste Liebeskummer auch schon nicht mehr ganz so schlimm. Man weiß dann: Die seelischen Schmerzen gehen auch wieder vorbei. Suizidgedanken tauchen aber meist erst auf, wenn mehrere Dinge zusammenkommen: Schulstress, Stress mit den Eltern oder Ausgrenzung zum Beispiel. Der Auslöser kommt den Hinterbliebenen meist nichtig vor. Zusammen mit der Vorgeschichte ergibt sich ein verständlicheres Bild.

Weiß unsere Gesellschaft zu wenig über da Thema Suizid, um die Jugendlichen wieder aufzufangen?

Ich würde sagen, ja. Leider ist Suizid immer noch ein Tabu-Thema. Außerdem gibt es kaum Informationen darüber. Angenommen es gibt eine Schule, in der sich ein Schüler vor kurzem versucht hat, das Leben zu nehmen. Ein Lehrer möchte die Sache mit der Klasse aufarbeiten und ruft bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung an, um sich dafür Infomaterial zu bestellen. Da würde er nicht fündig werden. Es gibt keine Broschüren zu diesem Thema.

Das ist die Lücke, die Sie schließen wollen?

Nicht nur. Wir haben einen Mini-Poket-Guide entwickelt und bieten Workshops in Schulen an. Darüber hinaus wollen wir die Jugendlichen dort informieren, wo sie sich sowieso aufhalten: bei YouTube und Facebook. Videos kommen gut an. Deswegen hatten wir die Idee für den Internet-Fernsehkanal zum Thema Suizid. Im besten Fall gibt der Jugendliche die Wörter Depression oder Selbstmord bei YouTube ein und kommt dann auf unsere Videos. Dort findet er auch Links zu unserer Website.

Was sind die Inhalte der Videos?

Wir sind zum Beispiel auf die Straße gegangen und haben die Leute gefragt: Was ist Glück für dich, was machst du bei schlechter Laune oder was bedeuten Freunde für dich. In der Rubrik A-Z erklären wir Begrifflichkeiten wie Depression oder Ritzen. Wir gehen vor Ort und stellen Einrichtungen vor, porträtieren zum Beispiel einen Mitarbeiter bei der Telefonseelsorge, damit die andere Seite nicht immer so anonym bleibt. Oder wir waren bei Neuhland, einer Beratungsstelle für Menschen mit Suizidgedanken in Berlin. Am besten funktionieren aber die Videos von Betroffenen, die selbst von ihren Krisen sprechen und wie sie sie gemeistert haben. Dafür konnten wir auch Promis gewinnen.

Wen zum Beispiel?

Markus Kavka, Klaas Heufer-Umlauf oder Jan Delay stehen mit zum Teil sehr persönlichen Geschichten vor der Kamera. Jan Delay hat erzählt, dass es ihm mal richtig schlecht ging, er depressive Zustände hatte und sich sehr schlapp fühlte. Er dachte: Jetzt ist die Karriere vorbei, ich habe einen Burn-out, ich werde nie mehr Musik machen. Schließlich ist rausgekommen, dass diese depressiven Zustände mit einem Darmpilz zusammenhingen. Als der Pilz behandelt war, ging es Jan Delay wieder besser. Solche Geschichten machen Mut.

Sind die Videos erfolgreich?

Das ist schwer zu beantworten. Die Zahlen sind gut, das „Laut gedacht“-Video mit Klaas Heufer-Umlauf hat circa 166 000 Klicks insgesamt, unsere Website 500 Klicks pro Tag und wir erreichen genau unsere Zielgruppe, die 13 bis 24-jährigen. Aber man kann nicht überprüfen, ob's wirkt. Wie viele der Zuschauer hatten zuvor Selbstmordgedanken, wie viele haben sich an die genannten Hilfseinrichtungen gewandt, diese Fragen bleiben offen.

Wenn man sich die Kommentare bei den YouTube-Videos von „Freunde fürs Leben“ anschaut, fällt auf, wie viel Diskussionsbedarf besteht. Die Zuschauer identifizieren sich mit den persönlichen Erfahrungen der Betroffenen oder grenzen sich ganz bewusst ab. Was schreibt man als Communitiy-Redakteurin einem anonymen Jugendlichen, der vorhat, sein Leben zu beenden?

Ich habe viel zum Thema Suizid und seelische Gesundheit gelesen, viele Vorträge gehört, von vielen Schicksalen erfahren. Trotzdem habe ich keine Ausbildung in dem Bereich. Wenn mich jemand anschreibt, rufe ich oft selbst die Telefonseelsorge an, um mich beraten zu lassen. Außerdem versuche ich Anfragen per Mail oder im Gästebuch möglichst bald an Beratungsstellen weiterzuleiten. Auch in anderen Bereichen ist der Verein auf Mithilfe angewiesen. Wenn Filmstudenten ehrenamtlich einen Beitrag drehen wollten oder sich eine Produktionsfirma dazu entschiede, zweimal im Jahr ein Video zu spenden, würde es uns leichter fallen, das Projekt auch weiter zu finanzieren.

Das Gespräch führte Ortrun Schütz.

Informationen und Kontaktmöglichkeiten zu „Freunde fürs Leben“ findet man unter der Adresse: www.frnd.de oder bei Facebook.

Den Spot „Rede bevor es zu spät ist“ bei YouTube.

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