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Serie "Die Ostdeutschen": Immer mal überraschen

Man muss sich quälen können: „Es ist so ’ne Hassliebe“, sagt Felix Menzel, wenn er vom Ringen spricht.

Man muss sich quälen können: „Es ist so ’ne Hassliebe“, sagt Felix Menzel, wenn er vom Ringen spricht.

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BLZ/Markus Wächter

Luckenwalde -

Bamm! Bamm, bamm! Was für ein Lärm. Felix Menzel knallt zwei dicke, an der Sprossenwand festgehakte Seile auf den Mattenboden. Bamm! Bamm, bamm! Die Seile, die aussehen wie Lianen, wellen sich. Ihr Federeffekt fordert die kleinen Muskelgruppen an Armen und Schultern. Die Übung ist eine Ganzkörpertortur. Schweiß tropft dem Ringer von der Stirn.

Felix Menzel, 27 Jahre alt, braune Augen, kräftiger Nacken, kurze Sporthose, ist Kapitän des 1. Luckenwalder SC in der Bundesliga. Seit 1990 kämpften die Luckenwalder als einziger deutscher Verein ununterbrochen in der Ersten Liga. Wer Menzel beim Training beobachten will, der muss suchen.

Vom alten Stadion an der Mozartstraße in Luckenwalde sind nur noch Mauerstücke zu sehen, der Rest ist von Gras überwuchert. Die Garagentore am Fliederweg nebenan hat jemand mit Graffiti besprüht, dahinter liegt die Ruine der ehemaligen Klavierfabrik VEB Deutsche Piano-Union. Ein paar Meter weiter führt eine Treppe zum Eingang der Ringerhalle. Sie liegt auf der Rückseite der Fläming-Therme im Sportkomplex Mozartstraße am Hang. Dort, im Trainingsraum, Parterre, schlägt Felix Menzel mit den Seilen, dort schwitzt er, bis auch sein Trikot nass geschwitzt ist.

„Es ist so ’ne Hassliebe“, sagt er, wenn er vom Ringen spricht. „Man kommt oft an den Punkt, an dem man sich fragt: Warum macht man den Blödsinn? Denn es zehrt körperlich sehr aus. Man muss Kondition trainieren, Kraft, Technik, Taktik – auch die Psyche wird in Anspruch genommen, weil es ja auch irgendwo ein Kampf auf Leben und Tod ist. Natürlich nicht nach den Regeln, aber psychisch setzt man sich schon unter Druck.“ Ein Sieg, meint Menzel, hängt zu 50 Prozent von der Psyche ab.

Im Leistungssport fügen sich die Dinge klar. Es herrscht der binäre Code: Gewinner oder Verlierer. Und dazwischen? Tja. Dazwischen ließe sich wohl die Athletenkarriere von Felix Menzel einordnen.

Er galt lange Zeit als eines der größten deutschen Talente im Freistilringen. 2006 wurde er in der Gewichtsklasse bis 66 Kilogramm Junioren-Europameister. Im Foyer der Luckenwalder Ringerhalle hängt ein gerahmtes Foto, auf dem Menzel stolz den Pokal in die Höhe hält, den er damals in Szombathely gewann. Er war 19 Jahre alt.

Seine Eltern waren zu den Wettkämpfen nach Ungarn mitgereist. Sie saßen auf der Tribüne. „Mein Vater ist eigentlich ein Zurückhaltender. Es hat mich schon gerührt, als ich Europameister wurde, und er saß oben in der Ecke. Da habe ich ein paar Tränen gesehen, nach dem Motto: Ich habe seinen Traum weitergelebt“, sagt Felix Menzel.

Sein Vater, Ralf Menzel, war in seiner Jugend ebenfalls Ringer. Griechisch-römisch. Luckenwalde. Sportinternat. Doch ein Motorradunfall hatte seine Sportkarriere 1983 abrupt beendet. Ralf Menzel verlor einen Teil seines Beins. Damals war er 19 Jahre alt – und kurz davor, durchzustarten.

Adler und Bär unter der Achsel

Nach dem Europameistertitel von Sombathely sah es so aus, als holte sein Sohn die Triumphe auf der Ringermatte eine Generation später nach. Der Junge, der den Sport mit sieben Jahren beim SV Luftfahrt Berlin begonnen hatte, weil ihm sein Schulfreund im Bus erzählte, er fahre jetzt zum Ringertraining. Allerdings bemerkte er nach dem Erfolg von Sombathely früh: „Die deutsche Sportförderung ist das Letzte, wenn man sie mit anderen Ländern vergleicht. Es gibt Dritte-Welt-Länder, die mehr in die Sportförderung stecken als die Bundesrepublik.“

Er war nach dem Sieg bei den Europameisterschaften mit türkischen Ringern im Trainingslager. Einer der Türken, der in einer anderen Gewichtsklasse Europameister geworden war, fragte ihn, was er denn für den EM-Titel bekommen habe. „Von der Stadt ’nen 25-Euro-Gutschein und so ein kleines Büchlein“, antwortete Felix Menzel. „Der dachte, ich verarsche ihn. Denn er hatte 25 000 Dollar bekommen für seinen Titel und monatlich ein- oder zweitausend Euro Gehalt als Profi.“

Und so ist es nicht zuletzt dem deutschen Sportsystem und dessen Schwerfälligkeit geschuldet, dass Felix Menzel bisher nur bis zu einem gewissen Punkt triumphiert hat. Er wurde Berliner Meister, wechselte nach einem Jahr am Archenhold-Gymnasium in Berlin-Treptow aufs Sportinternat nach Luckenwalde, nahm an den Junioren-Weltmeisterschaften in Guatemala und China teil, 2008 an den Europameisterschaften in Finnland. Er wurde vier Mal hintereinander Deutscher Meister bei den Männern. Die Qualifikation für die Olympischen Spielen 2008 in Peking verpasste er knapp. Und plötzlich stand eine Entscheidung an. „Mit dem Ringen verdient man natürlich nicht sein Geld. Selbst wenn man ein guter Profi ist, einer der Besten, kann man in Deutschland gerade so über die Runden kommen und sparen schon gar nicht“, überlegte er. „Und wenn man dann zu alt fürs Ringen oder verletzt ist, ist keiner da, der einem alles bezahlt. Also das Leben.“

Felix Menzel rang mit sich. Mit seiner Entscheidung. Sport oder Beruf? Beruf oder Sport? Wie sollte er die Zukunft anpacken? In der Sportfördergruppe der Bundeswehr? Aber da hätte er nach Schifferstadt gemusst. Das sah das Konzept des Deutschen Ringerbundes vor. Aber einer wie Menzel, in der Ringerhochburg Luckenwalde sozialisiert, unter der Achsel ein Tattoo mit dem Brandenburger Adler und dem Berliner Bären, geht nicht einfach in die Ringerhochburg Schifferstadt, weil er nur so ins Verbandsschema passt. Zumal er bei Trainingslagern festgestellt hatte, dass in der Rhein-Neckar-Region vieles anders ablief als in Luckenwalde, wo im Sport „natürlich immer noch ein Hauch DDR dabei ist. Unsere Trainer haben noch Drill dabei. Drüben haben die Athleten weniger Respekt. Man duzt sich zum Beispiel. Hier sagt man noch Sie zum Trainer, auch wenn man sich ewig kennt.“

Das Umfeld in Schifferstadt behagte ihm nicht. Also machte er das, was ihn auf der Matte auszeichnet. Etwas Unorthodoxes. So wie beim Hüftwurf, aus dem er sich bei Wettkämpfen gern windet und ihn dann zu seinen Gunsten nutzt. „Ich habe mich auf mich selber verlassen“, sagt Menzel. Nach einem Jahr Zivildienst in Leipzig bewarb er sich in Berlin für ein Dualstudium der Wirtschaftsinformatik. Er wurde genommen. „Da habe ich den Vertrag unterschrieben und mich in andere Hände begeben.“

„Felix ist sehr intelligent. Er kann weiter über den Tellerrand gucken als manch anderer und hat sich gefragt: Was ist sinnvoll für mich? Er hat sich eben für die berufliche Schiene entschlossen. Enttäuscht ist man da schon“, sagt der Luckenwalder Stützpunkttrainer Heiko Röll. Er hat sich in der Trainingshalle, Parterre, auf einen Kasten gesetzt. Sonnenstrahlen fallen durch die Fensterfront. Röll beobachtet das Krafttraining, ab und zu ruft er ein Kommando, das sich anhört wie Gebell. Röll war früher Fliegengewichtler, mehrfacher DDR-Meister. 1981 kam er aus Leipzig nach Luckenwalde und rieb sich für die SG Dynamo, aus der 1990 der 1. Luckenwalder SC wurde, auf, ehe er Vereinstrainer wurde.

Röll sieht die Defizite, die das jetzige System hervorgerufen hat: zu wenig Absicherung für die Athleten, zu wenig Geld, zu wenig Aufmerksamkeit, zu wenig gesellschaftliche Akzeptanz, zu geringe Trainingsumfänge. Er hat gelernt, damit umzugehen, aber man sieht ihm an, dass es ihn Kraft gekostet hat. Zu oft schon hat er Talente auf dem Weg in die Weltspitze verloren. Wenn sie in Luckenwalde von der Eliteschule des Sports ins Oberstufenzentrum wechseln, sagt Röll, nehme die Zeit, die sie ins Training investieren können, ab. Sie sollte aber eigentlich zunehmen. „Das ist so ein bisschen das Schlechte an unserem System. Wer nicht genug trainieren kann, ist auf verlorenem Posten, wenn er international angreifen will. Das sehen die Sportler selber. Dann sagen sie: Okay, wir machen ein bisschen Bundesliga. Das war’s. Woanders kommen wir nicht ran. Die internationale Konkurrenz im Ringen ist so groß geworden.“

Die Athleten, die sich als Sportsoldaten, Feuerwehrleute oder über den Polizeidienst absichern und fürs Training freigestellt werden, sind Ausnahmen. „Wir haben uns mit Felix schon öfter zusammengesetzt und gefragt: Machst du das bis zu Olympia? Bupp, und dann kamen wieder das Studium oder der Beruf dazwischen“, erläutert Röll.

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