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Sexarbeiterin Kristina Marlen: „Meine Vision ist die Ausweitung der Prostitution“

Kristina Marlen wechselte von der Wissenschaft zur Sexarbeit.

Kristina Marlen wechselte von der Wissenschaft zur Sexarbeit.

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Berliner Zeitung/Markus Wächter

An diesem Donnerstagabend wird die Sexarbeiterin Kristina Marlen ihre Kundschaft nicht bedienen. Gemeinsam mit anderen Prostituierten nimmt sie an einer Demonstration vor der Urania teil, wo die Feministin Alice Schwarzer ihr Buch „Prostitution. Ein deutscher Skandal“ vorstellt. Mit ihrer Forderung, Sexarbeit zu verbieten, kriminalisiere Schwarzer einen ganzen Berufsstand, sagt Kristina Marlen, die dem kürzlich gegründeten Verband für erotische und sexuelle Dienstleistungen angehört.

Frau Marlen, weshalb sind Sie Sexarbeiterin geworden?

Körperarbeit ist meine Berufung. Das ist der Grund, warum ich mich aus der Geisteswissenschaft verabschiedet habe. Als Physiotherapeutin habe ich dann festgestellt, dass ich meine sexuelle Energie nicht ausgrenzen möchte. Da ich mit der Frauenbewegung aufgewachsen bin, war ich nach meiner ersten sexuellen Dienstleistung wahnsinnig irritiert, dass ich mich nicht degradiert oder als Ware fühlte.

Wie hoch ist Ihr Verdienst?

In meiner Berufsgruppe gehöre ich sicherlich zu den Besserverdienenden.

Sind Sie sozial- und krankenversichert?

Ja.

Würden Sie für einen Zuhälter arbeiten?

Nein, ich bin eine One-Woman-Show. Ich konnte noch nie gut in Zusammenhängen leben, wo andere Menschen meine Arbeitsbedingungen bestimmen. Ich glaube aber, dass viele Frauen lieber in Etablissements tätig sind, wo sie zum Beispiel keine Akquise betreiben müssen. Das ist irrsinnig viel Arbeit.

Nun haben sich bestimmt nicht alle Prostituierten diesen Beruf ausgesucht. Es gibt Drogenabhängige, die anschaffen gehen müssen, um ihre Sucht zu finanzieren, Minderjährige oder Frauen, die aus Osteuropa hierher gebracht wurden und zur Prostitution gezwungen werden. Denen geht es nicht so gut wie Ihnen.

Sicherlich bin ich privilegiert, aber in vielerlei Hinsicht. Ich bin weiß, gehöre zum Bildungsbürgertum, sehe gut aus. Das ist ungerecht, aber wahr. Um Zwangsprostitution zu vermeiden, müssen die Opfer besser geschützt werden. Es muss andere Bleiberechtsregelungen geben, ein Zeuginnenschutzprogramm und auch eine angemessene Bezahlung.

Die Feministin Alice Schwarzer fordert ein Prostitutionsverbot. Was halten Sie davon?

Alice Schwarzer ist seit 30 Jahren bekannt, auch dafür, dass sie sehr gut ihre Bücher verkauft. Daher hat sie diese Kampagne gestartet, mit der sie eine ganze Berufsgruppe denunziert. Natürlich gibt es Armut, schlechte Arbeitsbedingungen. Aber niemand würde auf die Idee kommen, das Handwerk abzuschaffen, nur weil dort Niedriglöhne bezahlt werden. Zwangsprostitution und sexuelle Ausbeutung haben etwas mit der Öffnung der Grenzen zu tun, mit der Armut-Wohlstands-Schere. Menschenhandel unterliegt als Straftatbestand einer Gesetzgebung. Dafür muss man nicht die Prostitution abschaffen.

Aber wird Menschenhandel nicht durch die 2002 erfolgte Legalisierung der Prostitution befördert? Zumindest kommen Studien zu diesem Ergebnis.

Das sind zum Teil empörende Fantasiezahlen. Dass zum Beispiel 90 Prozent der Prostituierten zu ihrem Beruf gezwungen werden, ist völlig aus der Luft gegriffen. Was glauben Sie, wie viele Frauen das in ihrer Wohnung machen, ohne ihr Gewerbe anzumelden? Nicht jede Frau sieht darin eine Berufung wie ich. Sie machen es, weil es Geld bringt, es praktisch ist. Das sind alles legitime Gründe.

Wie ist die Situation in Berlin?

Nach Angaben des Landeskriminalamtes wurden im Jahr 2011 in Berlin 79 Opfer des Menschenhandels registriert. Bei 8000 gemeldeten Prostituierten bewegt sich diese Zahl im Promillebereich.

Aber es gibt doch eine hohe Dunkelziffer.

Viele Frauen melden aus Angst vor einer Stigmatisierung Sexarbeit steuerlich nicht an, sondern geben als Gewerbe Massage oder Personal-Trainer an. Bei einem Verbot würden sie noch mehr an den Rand gedrängt. Und dass durch die Legalisierung der Prostitution im Jahr 2002 Menschenhandel zugenommen hat, muss erst noch bewiesen werden.

Sollte es mehr Razzien in Bordellen geben?

Nein, die werden ohnehin dauernd kontrolliert. Es gibt bei der Steuerfahndung eine AG Rotlicht, die können ständig rein. Und natürlich kommt auch das LKA, um den Aufenthaltsstatus der Frauen zu überprüfen.

Was fasziniert Sie an Sexarbeit?

Das ist ein sehr vielfältiger Beruf, der auch eine Ausbildung erfordert. Ich baue zu meinen Klienten eine intensive, empathische und didaktische Beziehung auf und begebe mich mit ihnen auf Grenzgänge. Sex muss man lernen, das wurde uns nicht in die Wiege gelegt.

Sie bieten Ihre Dienste auch Frauen an.

Meine Vision ist nicht die Abschaffung von Prostitution, sondern ihre Ausweitung. Ich möchte, dass auch Frauen sexuelle Dienste in Anspruch nehmen und für ihre Bedürfnisse eine Adresse haben.

Sie behandeln darüber hinaus Menschen mit körperlichen Handicaps Was machen Sie mit einem Querschnittgelähmten, der keinen Orgasmus mehr bekommen kann?

Die Vorstellung „Glied in Vagina ist gleich Sex“ ist viel zu kurz gefasst. Ich kann den Energiefluss in andere Körperregionen leiten, und da passiert trotzdem etwas. Unser Begriff von Sexualität ist unglaublich normiert. Ich wünsche mir, dass mit jedem Alter, Körper, Begehren, jeder Hautfarbe und Identität Sexualität ausgelebt werden kann. Berlin ist da toleranter als andere Städte. Ich habe viele Kontakte zur queeren Szene. Ich bin auch Performerin und habe Auftritte.

Was sind das für Auftritte?

Ich singe Chansons, aber ich trete auch mit Seilperformances auf. Meine Spezialität ist Fesselkunst.

Was haben eigentlich Ihre Eltern gesagt, als Sie sich entschlossen, Sexarbeiterin zu werden?

Meine Mutter hat schon gesagt: O Gott, was machst Du denn da? Sie war lange in der Frauenpolitik aktiv und musste sich erst an meine Form der Emanzipation gewöhnen. Aber sie wollte immer, dass ich glücklich werde und hat sich selbst beim Wort genommen.

Das Gespräch führte Thorkit Treichel.