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Sexismus-Debatte: Friedrichshain-Kreuzberg will sexistische Werbung verbieten

Ist diese Werbung frauenfeindlich und gehört verboten? Gleichstellungsbeauftragte, übernehmen Sie!

Ist diese Werbung frauenfeindlich und gehört verboten? Gleichstellungsbeauftragte, übernehmen Sie!

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Imago

Berlin -

Bikini-Mädchen, die lasziv in Schokoriegel beißen, züchtige Hausfrauen, die in Tütensuppen rühren, halbnackte Männer mit Waschbrettbauch, die sich auf Auto-Motorhauben fläzen – in der Werbung wird mit vielerlei Reizen um Aufmerksamkeit potenzieller Kundschaft gebuhlt. Werbung ist überall, an Straßen, Hauswänden, Laternen. In Friedrichshain-Kreuzberg will man der optischen Flut wenigstens teilweise zu Leibe rücken: Im Bezirksparlament wurde am Mittwochabend über Möglichkeiten debattiert, sexistische, frauenfeindliche oder allgemein diskriminierende Werbung zu verbieten.

Den Antrag hatten alle Fraktionen außer der CDU – also die Grünen, die SPD, die Linken und die Piraten – ins Plenum eingebracht. Er ist eine Antwort auf einen erfolgreichen Einwohnerantrag, mit dem eine Bürgerinitiative Werbung generell verbieten lassen wollte. Da dies von allen Fraktionen für unrealistisch gehalten wird, will man wenigstens beim Thema Sexismus eingreifen, wie Paula Riester, die Fraktionschefin der Grünen, sagt. Der Anschein sexueller Verfügbarkeit auf vielen Werbetafeln könnte zu realen Übergriffen auf Frauen führen.

Bademoden sind okay

Riester: „Wenn eine Frau im Bikini für Bademoden wirbt, ist das okay. Wenn sie im Bikini für Schokoriegel oder Autos wirbt, ist das sexistisch.“ In der Debatte geht es generell um ein Frauenbild, das durch „begehrenswerte Barbie-Maße“ zu Ess-Störungen bei Mädchen führen könnte. Und um Rollenklischees, die man vermeiden will, wie das der „dekorativen Hausfrau“. Niemand der Antragsteller will, dass Mädchen das Heimchen am Herd als begehrenswertes Lebensbild ansehen.

Nach einem Acht-Punkte-Katalog, der vom Österreichischen Werberat stammt, soll deshalb auf bezirkseigenen Flächen bestimmt werden, wie geworben wird. Es geht ganz allgemein darum, auf abwertende und gewalttätige Darstellungen zu verzichten. Wenn Zweifel bestehen, soll die Gleichstellungsbeauftragte des Bezirksamtes entscheiden.

Verwirklicht werden können die hehren Ziele allerdings nur auf ganzen vier Werbetafeln, sogenannten Billboards, auf die das Bezirksamt Zugriff hat. Die restliche Werbeflut müssen Gegner weiterhin mit geschlossenen Augen passieren: Für sie ist entweder der Senat zuständig, oder sie gehören Privaten, die ohne staatlichen Einfluss damit Geld verdienen können. Die „Bezirks-Werbetafeln“ stehen allesamt in Friedrichshain, sie gehören der Werbefirma Ströer, die dem Bezirk dafür jährlich 245.000 Euro für den Betrieb von Brunnen überweist.

Sexismus in der Werbung ist auch in der grünen Landespartei Thema. Die Delegierten stimmten beim letzten Parteitag für einen Antrag der frauen- und geschlechterpolitischen Sprecherin Karoline Killat, in dem Partei und Fraktion aufgefordert werden zu prüfen, wie sexistische Werbung in Berlin rechtlich eingeschränkt werden kann. In dem Antrag wird die Sichtweise des Deutschen Werberates zurückgewiesen, der bei der Beurteilung eines Plakats von einem „verständigen Durchschnittsverbraucher“ ausgeht. Den gebe es nicht, argumentieren die Grünen, man müsse vielmehr die Perspektive von Kindern und Jugendlichen zugrunde legen, die ständig mit Werbung konfrontiert würden.

Der Werberat hat sich jetzt in einem Brief an die Bezirksverordneten gewandt und bedauert, dass es vor dem Antrag kein Gespräch gegeben habe. Julia Busse, Rechtsanwältin und Sprecherin des Werberates, kritisierte die pauschale Einstufung von Hausfrauen als Geschlechterstereotypen: „Das diskriminiert Millionen von Frauen in Deutschland.“ Produktwerbung beschränke sich in der Regel auf einen Aspekt. Haushaltsgeräte, Haushaltsreiniger etc. kämen nun mal im Haushalt zum Einsatz. „Und um den kümmern sich – nach wie vor – ganz überwiegend Frauen.“


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