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Sexueller Missbrauch: Das Schweigen der Charité

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Berlin –  

Die weltberühmte Berliner Charité kämpft um ihren Ruf. Der Fall sexuellen Missbrauchs durch einen Pfleger an der Klink wirft nicht nur Fragen nach der Informationspolitik der medizinischen Leitung auf.

Sie ist ein Aushängeschild der deutschen Medizin: Die Berliner Charité ist international bekannt für ihre medizinische Exzellenz. Nun allerdings wird das Vertrauen in die Einrichtung erschüttert. Ein Pfleger soll über viele Jahre hinweg Kinder und Jugendliche missbraucht haben. Und obwohl das seinen Kollegen offenbar nicht verborgen geblieben ist, ließen sie ihn gewähren.

Legendäre Klinik

Die Charité ist die größte Universitätsklinik Europas und kann auf eine 300-jährige Geschichte zurückblicken.

Über die Hälfte der deutschen Nobelpreisträger für Medizin und Physiologie stammen aus der Charité, unter ihnen Emil von Behring, Robert Koch und Paul Ehrlich. Zu den großen Charité-Namen gehören auch Rudolf Virchow, Hermann von Helmholtz und Ferdinand Sauerbruch.

Durch die Teilung Berlins nach dem Zweiten Weltkrieg lag die Charité in Ost-Berlin. Ganz im Westen des damaligen Bezirks Mitte gelegen, grenzte sie ab 1961 direkt an die Berliner Mauer. In der DDR galt die Charité als führendes Krankenhaus der „Hauptstadt der DDR“, angegliedert an die Humboldt-Universität. Später wurde sie mit den großen Uni-Kliniken im Westteil fusioniert.

Mit 13.000 Mitarbeitern erwirtschaftet die Charité heute laut eigenen Angaben mehr als eine Milliarde Euro Umsatz pro Jahr und ist damit einer der größten Arbeitgeber Berlins.

Der Klinik-Campus erstreckt sich auf vier Standorte. Dazu gehören mehr als 100 Kliniken und Institute. Die Standorte sind: Der Campus Benjamin Franklin (CBF) in Berlin-Lichterfelde, der Campus Berlin-Buch (CBB) in Berlin-Buch, der Campus Charité Mitte (CCM) in Berlin-Mitte sowie der Campus Virchow-Klinikum (CVK) in Berlin-Wedding.

Keim-Skandal: Im Oktober 2012 fand man auf Frühgeborenen-Stationen der Charité Serratia-Keime bei rund 20 Säuglingen. Sieben Kinder erkrankten, 16 wurden infiziert, ohne dass es zu einer Erkrankung kam. Der Tod eines zuvor im Herzzentrum operierten Frühchens in der Charité war jedoch, wie eine Obduktion ergab, nicht auf die gefährlichen Keime zurückzuführen. Die Charité musste einräumen, dass es bereits im Jahr 2010 mehrere Fälle von multiresistenten Keimen gegeben hatte.

Die Berliner Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD), die auch Aufsichtsratsvorsitzende der Charité ist, sprach von einem dramatischen Vorfall und hat den Vorstand des Klinikums aufgefordert, die Hintergründe und Abläufe offenzulegen. „Daraus wird sich dann ergeben, ob wir auch personelle Konsequenzen ziehen“, sagte Scheeres. Bereits jetzt sei klar, dass die Verantwortlichen Fehler gemacht hätten.

Der beschuldigte Pfleger ist seit 40 Jahren bei der Charité beschäftigt. Er arbeitete auf der Kinderkrebsstation und in der Rettungsstelle des Krankenhauses. Am Mittwoch vergangener Woche soll er die Untersuchung eines 16-jährigen Mädchens ausgenutzt haben. Die junge Frau hatte Beruhigungsmittel bekommen, war aber nicht betäubt, als es zu dem sexuellen Übergriff kam.

Nur wenige Minuten allein

Die Patientin wurde nach Darstellung der Charité in der Nacht zum 14. November um 0.36 Uhr in einer Rettungsstelle von Europas größter Uniklinik aufgenommen. Der Pfleger soll ihr beim Ausziehen der Hose geholfen haben. Dabei seien Pfleger und Patientin für wenige Minuten alleine gewesen. Es habe sich um maximal drei Minuten gehandelt, so die Charité. In dieser Zeit müsse er das Mädchen missbraucht haben.

Nachdem die 16-Jährige ihren Eltern von der Misshandlung durch den Pfleger berichtet hatte, wandten diese sich an den behandelnden Arzt. Daraufhin wurde der Pfleger noch vor seiner nächsten Schicht in der Nacht zum Donnerstag vergangener Woche vom Dienst suspendiert.

Es soll nicht das erste Mal gewesen sein, dass der Pfleger sich vergangen hat. Kollegen des Mannes hatten nach dem Vorfall von mindestens drei weiteren Fällen berichtet, in denen er Patientinnen missbraucht haben soll. Es fühlte sich aber offenbar niemand verpflichtet, die Vorfälle zu melden und den mutmaßlichen Täter zu stoppen.

Nun steht die Charité in der Kritik. Ihr wird vorgeworfen, dass sie die Öffentlichkeit nicht über die Vorgänge informiert hat. Erst nach einem Zeitungsbericht berief sie am Mittwoch eine Pressekonferenz ein. Zudem verzichtete das Krankenhaus darauf, Strafanzeige zu stellen. Inzwischen ist die Polizei tätig geworden. Beweise können aber nicht mehr gesichert werden.

Zwar gibt es keine gesetzliche Pflicht, eine Straftat den Ermittlungsbehörden anzuzeigen. Dass es aber auch anders geht, zeigen andere Krankenhäuser. So hatte eine bayerische Klinik 2008 einen verdächtigen Anästhesisten, der schon seit 17 Jahren in dem Haus arbeitete, umgehend bei der Polizei angezeigt. Der Mediziner wurde wenige Minuten später vorübergehend festgenommen. 2009 wurde der damals 49-Jährige zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt, weil er neun Mädchen im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren insgesamt 13 Mal sexuell missbraucht und mit versteckter Kamera gefilmt hatte.

Kein Einzelfall

Sexuelle Übergriffe gibt es in Krankenhäusern und Arztpraxen immer wieder. Im Dezember 2010 war bekannt geworden, dass am Helios-Klinikum in Berlin-Buch ein Pfleger der Kinder-Intensivstation mehrere Jungen missbraucht und die Taten gefilmt hatte. Im vergangenen Jahr erteilte das Landgericht Oldenburg einem Arzt eine dreieinhalbjährige Haftstrafe, weil er Frauen missbraucht hatte, die bei ihm ausgerechnet wegen sexueller Gewalterlebnisse in Behandlung waren.

Anfang dieses Jahres wurde ein Chefarzt einer Kurklinik in der Sächsischen Schweiz wegen Missbrauchs einer Patientin zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, wogegen er in Berufung ging. Und ein Gericht in Neuwied in Rheinland-Pfalz verurteilte im April dieses Jahres einen Mediziner zu drei Jahren und vier Monaten Haft, weil er eine 61-jährige russische Patientin zwei Mal nachts in ihrem Zimmer vergewaltigt hatte.

Die Umstände machen es den Tätern besonders einfach, ihre Patienten zu missbrauchen. Die Patienten müssen sich entkleiden und sind oft alleine mit ihrem Vergewaltiger in einem Raum. Neben eindeutigem Missbrauch gibt es im medizinischen Alltag zudem viele Berührungen, bei denen sich die Patienten nicht sicher sein können, ob sie noch Teil der medizinischen Untersuchung sind, oder ob der Arzt aus anderen Motiven gehandelt hat. Das Internet ist voll von diesbezüglichen Fragen verunsicherter Patientinnen.

Präventionskonzepte, um Übergriffe zu verhindern, gibt es nach Auskunft der Deutschen Krankenhausgesellschaft jedoch bislang nicht. Nach dem jüngsten Vorfall an der Charité warnte ein Sprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft allerdings davor, von Einzelfällen, so fürchterlich diese auch sein mögen, auf ein allgemeines Problem zu schließen und vorschnelle Schlüsse zu ziehen.

Er erinnerte daran, dass Krankenhäuser die Möglichkeit hätten, vor der Einstellung neuer Mitarbeiter ein polizeiliches Führungszeugnis zu verlangen. Davon sollte Gebrauch gemacht werden, riet er, auch wenn das alleine nicht ausreiche, um Übergriffe von Mitarbeitern zu verhindern.

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