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Sigrid Nikutta bekommt fünftes Kind: Warum die BVG-Chefin kein gutes Vorbild für Mütter ist

Sigrid Nikutta erwartet ihr fünftes Kind.

Sigrid Nikutta erwartet ihr fünftes Kind.

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dpa/Maurizio Gambarini

Die Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe, Sigrid Nikutta, bekommt im Juni ein Kind – auf den gesetzlichen Mutterschutz will sie dabei verzichten. Sie will nach der Geburt von zu Hause aus weiter arbeiten, sei mit Laptop und Telefon erreichbar. Eine Auszeit ist nicht geplant. Sie will nur wenige Tage zu Hause bleiben. So hat sie es in dieser Woche verkündet. Es klingt, als sei die Entbindung nur einer von mehreren Terminen am Tag.

Die Spitzenmanagerin Sigrid Nikutta hat ihre familiäre Entscheidung selbst zum Diskussionsthema gemacht, sie legt Wert darauf, dass ihre Entscheidung nicht rein privat ist, sondern durchaus politisch. Sie sieht sich als Vorreiterin für die Vereinbarkeit von Karriere und Beruf.

Doch wie modern ist ihre Haltung wirklich? Hält sie nicht eigentlich an gesellschaftlichen Normen fest, die sie überwinden will?

Mutterschutz-Gesetz umgangen

Wie schon bei ihrer vierten Schwangerschaft umgeht Nikutta das Mutterschutz-Gesetz, das eigentlich ein Beschäftigungsverbot rund um die Geburt vorsieht. Das „Gesetz zum Schutz der erwerbstätigen Mutter“ besagt, dass Frauen sechs Wochen vor der Geburt nicht beschäftigt werden dürfen, es sei denn, sie sind ausdrücklich dazu bereit, was jederzeit widerrufen werden kann.

Nach der Geburt sollen Mütter mindestens acht Wochen zu Hause bleiben, und das ist nicht verhandelbar. 2011 argumentierte die BVG-Rechtsabteilung, dass die Regeln für ihre Chefin nicht gelten, da sie nicht als Arbeitnehmerin, sondern als Geschäftsführerin einer privaten Gesellschaft zu behandeln sei. Das Gesetz zum Mutterschutz gilt nur für Arbeitnehmerinnen, nicht für Selbstständige.

Doch Sigrid Nikutta hat als Chefin von 13.000 Beschäftigten eines landeseigenen Unternehmens auch eine Vorbildfunktion. Die Botschaft, die sie mit dem erneuten Verzicht auf eine Pause sendet, ist problematisch, weil sie Druck auf andere Frauen ausüben könnte. Wer im Betrieb aufsteigen will, so könnte man es interpretieren, darf sich keinerlei Auszeiten gönnen. Auch das Gebären muss dem Arbeitsalltag angepasst werden.

Sätze der Managerin wie „Mutter sein ändert nichts am Denkvermögen“ klingen erst mal lässig. Doch wenn man selbst an die ersten Wochen nach der Geburt zurückdenkt, waren Terminkalender und Sitzungen vielleicht nicht unbedingt das, woran man zuerst dachte.

Was machen Frauen ohne Nannys und Haushaltshilfen?

Sigrid Nikutta ist offenbar straff organisiert und extrem belastbar, wahrscheinlich ist man bei Kind Nummer Fünf auch erfahrener als beim ersten Kind. Doch was ist mit Frauen, die nicht so cool und stressresistent sind, die kein Jahreseinkommen von rund 400.000 Euro haben und sich Nannys und Haushaltshilfen leisten können? Wie wirken solche Sätze, dass alles nur eine Frage des persönlichen Willens, der Organisation ist?

Es hat sich was gedreht: Galten Frauen vor einigen Jahren noch als Rabenmütter, wenn sie nach einem Jahr Pause wieder arbeiten wollten, kann es heute mit dem Wiedereinstieg gar nicht schnell genug gehen. Frauen sollen bitte Kinder bekommen, aber möglichst gleich weiterarbeiten. Wer länger als ein Jahr mit Kind zu Hause bleiben will, wird schief angesehen.

Weil es so wenige schwangere Spitzenfrauen gibt, wird das Verhalten jeder Einzelnen zum Politikum. Die Familienministerin und SPD-Politikerin Manuela Schwesig beispielsweise macht es anders als Sigrid Nikutta. Sie macht auch mal das Handy aus, wenn sie mit ihrer Familie zusammen ist. Ihr zweites Kind kommt im März, sie will ihren Mutterschutz voll ausschöpfen.

Schwesig wird als abschreckendes Beispiel dafür zitiert, dass Vereinbarkeit von Spitzenamt und Familie nicht funktioniert. Im Magazin Spiegel erschien diese Woche ein Artikel, in dem es darum ging, was alles im Familienministerium nicht läuft, seitdem die Chefin im Mutterschutz ist. „Nicht erreichbar“, stand darüber. Vielleicht will die BVG-Chefin Nikutta auch solche Schlagzeilen vermeiden, wenn sie immerzu betont, wie gut man heutzutage überall erreichbar sei.

Wie unterschiedlich die Maßstäbe sind, mit denen Männer und Frauen als Eltern bewertet werden, zeigt sich auch daran, dass Nikuttas Mann als „Spitzenvater“ gefeiert wird. So lautet der Titel, der ihm 2013 verliehen wurde. Er kümmert sich seit Jahren um Kinder und Haushalt, seine Karriere hat er aufgegeben. Die Nikuttas führen das, was man früher eine Hausfrauenehe nannte, nur unter umgekehrten Vorzeichen. Nun kann man feiern, dass Männer auch mal zu Hause bleiben. Aber Gleichberechtigung sieht anders aus.


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