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Singen in Berlin: Ein Chor für Schlaganfall-Patienten

Seit vier Jahren gibt es den Schlaganfall-Chor. Die Sänger sind alle behindert, aber wenn sie singen, dann strahlen die meisten voller Glück.

Seit vier Jahren gibt es den Schlaganfall-Chor. Die Sänger sind alle behindert, aber wenn sie singen, dann strahlen die meisten voller Glück.

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Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Die Frau da hinten, das ist nicht zu übersehen, kann den Text nicht richtig. In der zweiten Reihe, da brummt jemand ganz schief, die Melodie stimmt nicht. Und dort, der Mann, was ist bloß mit seinem Mund? Er bewegt nur die linke Hälfte… Wer den Chor zum ersten Mal hört und sieht, merkt schnell, dass dort keine Profis am Werk sind.

Wer jedoch weiß, wer dort singt, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Im Aphasie-Chor (griechisch für Sprachlosigkeit) singen Menschen, die einen Schlaganfall überlebt haben. Menschen, die nicht mehr richtig sprechen, laufen, rechnen, lesen oder verstehen können – und die trotzdem singen. Oder vielleicht genau deshalb.

Ohne Mona Samuel gebe es den Chor nicht. Die 50-Jährige ist Logopädin, also Sprachheilkundlerin. An der Charité hat sie oft mit Patienten zu tun, die nach einem Schlaganfall unter Aphasie leiden. „Ich habe mit meinen Patienten schon immer viel gesungen“, sagt sie. „Und viele Patienten fanden das sehr gut.“

Die linke Hirnhälfte ist geschädigt

Dass einige Schlaganfall-Patienten singen, aber nicht sprechen können, ist schnell erklärt: Beide Fähigkeiten sitzen in unterschiedlichen Gehirnhälften. Hat der Anfall die linke Hemisphäre geschädigt, ist oft das Sprachzentrum betroffen, nicht aber die Verarbeitung von Musik. Alle im Chor hatten den Anfall oder Hirnschlag links, sie können deshalb schlecht sprechen und haben rechts Lähmungen an Armen oder Beinen. Singen aber können sie.

Eine von ihnen ist die 42-jährige Sevim Kilic. Sie wollte von Mona Samuel vor mehr als vier Jahren wissen, ob die nicht ein paar Aphasiker kenne, die gemeinsam singen wollen. „Also habe ich nach einem Chor gesucht“, sagt Mona Samuel. Als sie keinen fand, gründete sie einen. „Es ging mir gar nicht so sehr darum, die Symptome zu verbessern“, sagt sie, „es ging darum, dass die Patienten etwas tun, das sie können.“

Beim ersten Mal kamen zehn Leute, nun 30 bis 35. Der Chor ist der zweite seiner Art, nur in Würzburg gibt es noch einen. Geprobt wird alle zwei Wochen in Wedding, in der Gesundheitsakademie der Charité, die den Raum kostenlos bereit stellt.

Die Männer und Frauen sind 35 bis 75 Jahre alt, vier von ihnen sitzen im Rollstuhl, einige haben Lähmungen im Gesicht, manche gehen am Stock. Der Schlaganfall hat jeden von ihnen gezeichnet, er hat ihr altes Leben zunichte gemacht und mit ihm Wünsche, Pläne und Fähigkeiten. Auch bei Renate Hintze aus Tiergarten.

Die gelernte Altenpflegerin ist 59, der Schlaganfall war 2014 – während der Arbeit. „Ich habe einen Bericht geholt und wollte einen Kaffee trinken“, sagt sie. „Ich habe mich hingesetzt, dann gingen bei mir die Lichter aus.“ Früher hat sie Schlaganfall-Patienten gepflegt, heute ist sie selbst eine von ihnen. „Am Anfang konnte ich nur Ja und Nein sagen“, erinnert sie sich. Sie ist erwerbsunfähig – wie Andreas Schulz, der beim Schlaganfall erst 46 war. Schulz hat bei den Wasserbetrieben gearbeitet, ist gern Auto gefahren und Motorrad. Geht alles nicht mehr. Nun weint er oft. „Früher hab ich nie geweint.“

Die Trauer um den Verlust des alten Lebens eint sie alle. Sie teilen aber auch Symptome und das gegenseitige Verständnis. Chor-Leiter Wolfgang Böhmer ist froh, all diese Leute kennengelernt zu haben. Er wisse, wie viel Übung hinter jedem Lied stecke. „Da ziehe ich den Hut, dafür braucht es wirklich Stehvermögen.“ Mit Profis zu arbeiten, sei ganz anders, da gehe es in erster Linie darum, dass jeder Ton sitzt. „Hier im Chor ist immer gute Stimmung, und hier bekommt man viel zurück.“ Nur eines dürfe man nicht haben: Scheu vor den Erkrankten. „Die ist fehl am Platz.“

Auch wenn Mona Samuel viele der Laien-Sänger seit Jahren kennt, ist sie manchmal noch überrascht. „Meine Patienten lachen viel mehr als früher“, sagt sie. Etliche seien selbstbewusster geworden, einige hätten auch außerhalb des Chores Kontakt miteinander.

Sevim Kilic, die den Schlaganfall mit 33 hatte, sitzt meist in der ersten Reihe. Sie ist Fremdsprachenkorrespondentin, konnte fünf Sprachen. „Der Schlaganfall war für mich von 100 auf Null“, sagt die heute 42-Jährige. Anfangs habe sie nur „Ja“ sagen können. Nun, nach neun Jahren, sei etliches wieder da, aber Zahlen gehen einfach nicht. 14 oder 41 – das kann ihr Gehirn einfach nicht unterscheiden. Telefonieren ist schwer, mailen noch schwerer.

„Eine Sekunde“

Gleich neben ihr sitzt Karin Jürschik aus Pankow, deren altes Leben durch eine Unachtsamkeit aus dem Lot geriet. Im Mai 2000 stolperte die damals 41-Jährige über einen Teppich und knallte mit dem Kopf auf einen Glastisch. Was zunächst wie ein eher glimpflicher Unfall aussah, entpuppte sich einen Tag später als Katastrophe: Karin Jürschik fiel ins Koma. Nach zwölf Tagen erwachte sie und ist seither behindert – für den Rest ihres Lebens.

„Ich konnte ganz lange nicht darüber weinen“, sagt die zweifache Mutter. Dann habe sie beschlossen, das Erlebte in einem Buch zu verarbeiten. „Eine Sekunde“ heißt es. Sie ist froh, es geschrieben zu haben. Obwohl das Schreiben sehr schwer war, weil sie erst einmal Worte in ihrem Gehirn finden musste für all das Erlebte und weil sie beim Schreiben alle Tränen nachgeholt hat.

Aber auch bei den Proben gibt es manchmal Tränen: Weil die ohnehin locker sitzen und weil die Musik das Gemüt weich macht. Dann trösten die einen die anderen, denn sie alle kennen das Traurigsein. Und dann singen sie wieder – alle ein wenig anders als in ihrem ersten Leben, aber alle noch lebendig. Ob da ein Mund schief ist oder der Text nicht stimmt, ist wirklich total egal.

Weitere Informationen unter www.schlaganfall-hilfe.de