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Sinnsuche: Schöneberg ist das Mekka für Kabbalah-Anhänger

Zweite Ebene eingebaut: im früheren Vermittlungssaal des Telegrafenamtes.

Zweite Ebene eingebaut: im früheren Vermittlungssaal des Telegrafenamtes.

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Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann (2)

Meir Yeshurun hat einen langen Weg hinter sich in Sachen Selbsterkenntnis und Optimierung des eigenen, unperfekten Ich. In seiner Heimat Israel zählte der heute 70-Jährige einst zu den Beratern des 1992 gestorbenen Ministerpräsidenten Menachem Begin. Zwischenzeitlich arbeitete er als Wirtschaftswissenschaftler, ehe er sich der Kabbalah zuwandte, einer esoterischen Tradition im Judentum. Da war Meir Yeshurun 40 Jahre alt.

Seitdem reist der Mann durch die Welt und lehrt überall die alten Weisheiten, mit deren Hilfe die Wissenden einen Weg zu Frieden und Harmonie gefunden haben. Wobei man sagen muss, dass Meir Yeshurun Anhänger des Kabbalah Centers ist. Das ist eine Organisation, gegründet 1969 in Tel Aviv, die sich rasch vor allem in die USA ausbreitete und mittlerweile weltweit schätzungsweise 200.000 Anhänger hat. Die Lehre versteht sich selbst als unabhängig von der jüdischen Religionslehre und ist nach eigenem Verständnis offen für Christen, Muslime, Buddhisten, aber explizit auch für Nicht-Gläubige und Zweifler.

Lehre nicht unumstritten

Seit anderthalb Jahrzehnten ist man in Deutschland aktiv, in Berlin wurden zuletzt kleine Räume in der Nollendorfstraße in Schöneberg genutzt. Seit Dezember gibt es nun ein großes Kabbalah Center in Berlin mit Schulungsräumen und einem Auditorium – ebenfalls in Schöneberg, im neu entstehenden Gewerbe- und Wohnkomplex Bricks an der Hauptstraße, gleich neben dem quirligen Akazien-Kiez. Meir Yeshurun ist einer von drei Lehrern, auch seine Ehefrau lehrt dort. Zwei ihrer Söhne leiten Sinnsuchende unter anderem am Londoner Center an.

In Berlin gibt das Ehepaar Yeshurun Kurse, die je nach Intensität ab 49 Euro aufwärts kosten, eine Mitgliedschaft sei nicht notwendig, sagt Yeshurun. Wer wolle, könne einfach gehen. Es werde nirgends Zwang ausgeübt, die Studenten, wie man sie nennt – und nicht etwa Kunden –, seien zu nichts verpflichtet.

Das Kabbalah Center ist so etwas wie das Herz des Bricks, das an der Hauptstraße in den Räumen des früheren Telegrafenamtes entsteht. Das gesamte Ensemble besteht aus Backstein, daher der Name Bricks. Das renommierte Architektenbüro Graft hat für Bricks die Räume zweier denkmalgeschützter Gebäude unterschiedlicher Epochen umgestaltet und modernisiert. Das älteste Haus ist von 1902, ein Riegel stammt aus den 20er-Jahren und lehnt sich an den Bauhaus-Stil an. Noch dieses Jahr sollen die Bauarbeiten für zwei Häuser mit insgesamt 128 Mietwohnungen auf einer Brachfläche nebenan beginnen.

Das Kabbalah Center war einst der Vermittlungssaal des Telegrafenamtes, jener Raum, in dem die „Fräulein vom Amt“ die Verbindungen zusammenstöpselten. Offenbar weil kein Blick nach draußen von dieser Aufgabe ablenken sollte, entstand ein hoher Raum, der unten keine Fenster hatte. Graft hat das aufgegriffen, aber eine zweite lichtdurchflutete Ebene eingebaut. Entstanden ist ein offener Raum mit vielen Rundungen, dessen harmonische Wirkung durch einen warm-weißen Anstrich noch verstärkt wird. An der Decke wurde ein jahrzehntelang verdecktes Fresko aus der Ursprungszeit wieder herausgearbeitet.

Über die Kosten für das neue Kabbalah Center schweigt Lehrer Yeshurun. Die Mittel seien von einem der Studenten gespendet worden. So etwas komme vor, dass jemand das Bedürfnis habe, zu helfen, mitzumachen, Geld zu geben. „Aber wir gehen nie auf jemanden zu und drängen ihn“, versichert er.

Das ist offensichtlich auch nicht nötig, angesichts der zahlungskräftigen Klientel in den USA. Persönlichkeiten wie Liz Taylor, Barbra Streisand, Jerry Hall oder Elton John unterstützen die Mystiker, indem sie sich öffentlich zu ihnen bekennen. Dabei ist der pseudojüdische New-Age-Kult nicht unumstritten. Kritiker sprechen von „oberflächlicher Heilslehre“ und Quacksalberei. Vor allem, dass allein schon das Meditieren über Schriftzügen ausreichen soll, um sie aufzunehmen, wird vielfach belächelt. Doch es gibt aus den USA auch Berichte von finanzieller Abhängigkeit und den von Sekten bekannten Schwierigkeiten, sich daraus zu lösen.

Bei der Leitstelle für Sektenfragen des Landes Berlin weiß man nach Aussagen einer Mitarbeiterin nichts über das Kabbalah Center. Dabei habe man mehr als 2 000 „Kunden“ in der Datei, vom Geistheiler über jede Menge Esoterik-Anbieter bis hin zu den Zeugen Jehovas und natürlich Scientology.

Man habe derzeit 50 Studenten, erzählt Yeshurun, am Ende des Jahres sollen es bereits 300 bis 400 sein.