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Berliner Zeitung | So sehen Berlins neueste Gebäude aus
12. March 2016
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So sehen Berlins neueste Gebäude aus

NietoSobejano_ME

So geht’s auch: Das Barcelo-Zentrum in Madrid des in Berlin ansässigen Architekturbüros Nieto Sobejano.

Foto:

Roland Halbe

In Berlin wird viel gebaut, und es soll noch mehr gebaut werden. 10.000 Wohnungen alleine sind in jedem kommenden Jahr versprochen. Entgegen allen Prognosen, die noch um 2005 galten, wächst Berlin. Aber sind die Berliner Architekten in der Lage, diesen Markt ästhetisch zu bewältigen, sind die Berliner Bauverwaltung, sind die Investoren bereit, Kreativität über das gewohnte Maß hinaus zuzulassen? Wie in jedem Jahr hat die Berliner Architektenkammer in Berlin ansässige Architekten, Stadt- und Landschaftsplaner aufgerufen, ihre jüngst fertiggestellten Projekte dem breiten Publikum vorzustellen.

Nichts mit niedlich

Erst einmal sei festgestellt, wenig überraschend: Berlins Architekten schaffen es. Sei es nun Wohnungsbau oder der Umbau von Feuerwachen zu Stadtteilbibliotheken, ein neuer Campus der Uni in Friedrichshafen oder wirklich herrliche, auch international herausragende Parkanlagen und Gärten. Wir entdecken ein aus Zweigen geflochtenes Spiel-Vogelhaus für Kinder, überhaupt tolle Kindergärten und Kinderhäuser, die mit ihren klaren Formen jeder nur niedlichen Freundlichkeit Widerstand leisten.

Es lohnt sich also, diese Ausstellung zu besuchen, und sei es nur deswegen, weil man hier ziemlich genau sehen kann, wie sich derzeit die Mode entwickelt. Sie bleibt immer noch cool, mit großen Fensterwänden, straffen Linien oder weißen Wänden. Manchmal werden Fassaden angekantet wie jene des Niedrigenergiehauses im Samariterviertel, viele Bauten sind sehr nach außen abgeschlossen als Turmburg wie das Wohnhaus „Jules et Jim“. Da gibt es Küchenmöbeleinbauten aus Metallprofilen und Platten, die bis in den Flur ragen und der Berliner Wohnung der Jahrhundertwende New Yorker Flair geben.

Energiesparhaus im Samariterviertel

Energiesparhaus im Samariterviertel.

Foto:

Hastrich Keuthage Architekten H

Selbstverständlich bildet sich auch ziemlich neureich wirkender Protz wie der im Soho House ab. Auch das gehört zu einer Metropole. Erfreulicher aber ist der Umbau eines Hotels in St. Petersburg, der die Coolness der 1960er-Jahre weiterspinnt.

Und wie baut der Staat? Kantig, geschlossen, wie das neue Rathaus in Königs Wusterhausen, mit sauberen, klaren Details, homogen eingesetzten Materialien. Diese Ausstellung zeigt, wenngleich eher ungewollt, auch, worin derzeit das zentrale Problem der öffentlichen Architekturpolitik Berlins besteht: In ihrer Verengung auf wenige ästhetisierende, klassizierende Richtlinien. Die Sehnsucht nach ewigen Werten herrscht ausgerechnet in der Verwaltung einer Stadt, die sich rühmt, niemals zu sein, sondern immer zu werden. Welch fatale Ausblendung etwa der kraftvollen barocken Traditionen Berlins, ganz zu schweigen von der Erinnerung an den organischen, nicht-zackigen Expressionismus der 1920er-Jahre oder die Leichtigkeit mancher Nachkriegsarchitekturen.

Rathaus Königs Wusterhausen

Das Rathaus Königs Wusterhausen.

Foto:

Nina Straßgütl

Entwürfe wie jener Hans Scharouns für die Philharmonie oder Daniel Libeskinds für das Jüdische Museum hätten, die jüngsten Juryentscheidungen im Ideenwettbewerb zum Museum der Moderne auf dem Kulturforum haben es deutlich gezeigt, im heutigen Berlin nicht den Hauch einer Chance. Das Barcelo-Zentrum in Madrid mit seinen schimmernden Glasfassaden und großen, übereinander geschobenen Körpern – auf so etwas kann man in Berlin lange warten. Auch die faszinierende leichte Deutsche Schule, die in Madrid mit luftigen Höfen und schattenschillernden Fassadengittern errichtet wurde, hat mit der Rudolf-Steiner-Schule in Berlin nur deswegen ein Pendant, weil die anthroposophischen Bauherren den Kampf für dessen organisch-kantige Formen aufgenommen haben.

Eine Art Reiseführer

Dass wie ein gigantischer Autokühler der 1950er-Jahre geschwungene Konzernzentralen in Peking oder das neue Nationalstadion in Brasilia aus Berliner Büros stammen – man würde es nicht ahnen beim Blick auf hiesige Repräsentationsarchitektur.

Eine Anmerkung ist allerdings nötig: Alle diese Arbeiten, die wir hier sehen, sind von professionellen Architekturfotografen ins beste Licht gerückt worden. Architektur aber ist die Kunst, die nur vor Ort wirklich erlebt werden kann. Das vorzügliche Begleitbuch zur Ausstellung mit erfrischend kritischen Essays und hervorragenden Fotografien zur Lage der Architektur, der Denkmalpflege und Landschaftsplanung, ist also eine Art Reiseführer, nach dem wir im Frühjahr und Sommer unsere Wochenendspaziergänge planen können.