Neuer Inhalt
Berliner Zeitung | Solaranlage: Kahlschlag in der Heide
18. November 2011
http://www.berliner-zeitung.de/10673672
©

Solaranlage: Kahlschlag in der Heide

Der Solarpark Lieberose, der vor zwei Jahren ans Netz ging, ist 162 Hektar groß und hat eine Leistung von 53 Megawatt. Das jetzt geplante Solarkraftwerk soll auf einer Fläche von 1.300 Hektar rund 250 Megawatt Strom erzeugen können.

Der Solarpark Lieberose, der vor zwei Jahren ans Netz ging, ist 162 Hektar groß und hat eine Leistung von 53 Megawatt. Das jetzt geplante Solarkraftwerk soll auf einer Fläche von 1.300 Hektar rund 250 Megawatt Strom erzeugen können.

Foto:

dpa

Berlin -

Kummer sind die Menschen in der Lausitz gewohnt. Seit Jahrzehnten hinterlässt der Energiehunger durch die Tagebaue tiefe Wunden. Immer wieder mussten Ortschaften den Braunkohlebaggern weichen. Kerstin Jankowski aus Staakow in der Lieberoser Heide (Spree-Neiße) kennt diese Angst.

Doch die 43-Jährige plagt derzeit eine ganz andere, eine neue Sorge. Etwa 500 Meter vor ihrer Haustür ist ein riesiges Elektrizitätswerk geplant. Kein Kohlekraftwerk, sondern ein Solarpark. Auf 1.300 Hektar sollen Photovoltaikanlagen 250 Megawatt Strom erzeugen. 600 Millionen Euro soll das kosten. Es wäre die wahrscheinlich größte Solaranlage der Welt, ein Projekt mit Vorbildcharakter. Nicht aber für Jankowski, sie will es unbedingt verhindern.

Mit Gleichgesinnten hat sie eine Bürgerinitiative gegründet. Dabei hat Jankowski eigentlich nichts gegen Sonnenenergie. Im Gegenteil: „Ich habe selbst das Dach voll mit Solarzellen.“

Was die Menschen wütend macht, ist der Preis, den die Natur für das Mega-Projekt zahlen soll. Gebaut werden soll, wo heute tausende, bis zu 160 Jahre alte Bäume wachsen, mitten im Naturschutzgebiet. Es handelt sich um einen ehemaligen Truppenübungsplatz. 650 Hektar Wald sollen gerodet werden. Das entspricht der dreifachen Fläche des Berliner Tiergartens.

Zweckgebundene Pacht

Wälder zerstören um klimafreundliche Energie zu erzeugen? Jankowski versteht die Welt nicht mehr. „Das ist doch völliger Irrsinn.“ Die Umweltverbände sehen das ähnlich. Nabu, BUND und die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald lehnen das Vorhaben strikt ab.

Geplant wird der Solarpark von der Cottbusser Firma Procon und der Gemeinde Schenkendöbern, zu der auch das Dorf Staakow gehört. Auf dem Gebiet der Lieberoser Heide steht seit 2009 bereits ein großer Solarpark, 162 Hektar groß. Auch hier war Procon beteiligt, auch hier wurde hektarweise Wald gerodet. Der Solarpark war ein Vorzeigeprojekt für Brandenburg: Die Investoren erhielten für ihre Solaranlagen die mit Altlasten verseuchte Fläche. Das Land ließ das Areal säubern und kassiert dafür Pachtgebühren und einen kleinen Teil der Stromerlöse.

Bürgermeister Peter Jeschke (CDU) erhofft sich Gewerbesteuereinnahmen. Die meisten Gemeindevertreter hat er von dem Vorhaben überzeugt. Für die beteiligten Solarfirmen Procon, Juwi und First Solar ist der Standort lukrativ, weil es in der Nähe bereits Stromtrassen und ein Umspannwerk gibt. Das Kohlekraftwerk Jänschwalde ist nur wenige Kilometer entfernt.

Laut Infrastrukturminister Jörg Vogelsänger (SPD), zuständig für die Forsten, ist noch nichts entschieden. Doch in Staakow glaubt man, die Weichen seien in der Landeshauptstadt längst gestellt. Vogelsänger soll sich bereits für das Projekt ausgesprochen haben. Zu den Unterstützern gehört auch der ehemalige Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns (CDU). Er arbeitet als Berater für die Solarfirmen.

„Zeichen gegen den Tagebau“

Bei dem Mega-Projekt gibt es eine Menge Ungereimtheiten. Bürgermeister Jeschke soll gegenüber den Gemeindevertretern argumentiert haben, man wolle mit dem Solarfeld ein „Zeichen setzen gegen den Tagebau“. Drei Dörfer im Süden der Großgemeinde sind durch die Braunkohleförderung akut bedroht. „Das sollte sich so anhören, als würde der Solarpark die Ausdehnung des Tagebaus verhindern“, sagt Jankowski. Die Gemeindevertreter aus den betroffenen Ortschaften hätten deshalb zugestimmt. Nur hat das Solarvorhaben mit der Braunkohle nichts zu tun. Procon will die Anlage an einer ganz anderen Stelle errichten.

Besonders merkwürdig ist die Argumentation von Procon. Die Frage, ob die Solarenergie durch ein solches Projekt nicht in ein negatives Licht gerückt würde, bejaht eine Sprecherin des Unternehmens. Allerdings gehe die Gefahr von der öffentlichen Darstellung aus. Denn es werde unterschlagen, worum es wirklich gehe: eine „Kernsanierung des Bodens“ auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz. Nach Darstellung von Procon befinden sich dort „zahlreiche militärische Altlasten“. Die Beseitigung der Munition zahle bisher niemand. „Nur die Photovoltaik ermöglicht offensichtlich eine Kernsanierung des Bodens“, so das Unternehmen.

Investoren erhalten nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) für den Strom aus Sonnenenergie, den sie ins Netz einspeisen, Fördergelder. Steht die Solaranlage auf einer Konversionsfläche, dann steigt der Zuschuss.

Doch Jankowski widerspricht der Darstellung Procons vehement, dass das Roden der Wälder etwas mit der Entsorgung von Altlasten zu tun hat. Die 43-Jährige kennt sich aus in der Lieberoser Heide, sie arbeitet selbst in der Forstwirtschaft. „Es gibt hier fast keine Altlasten mehr. Die fraglichen 650 Hektar Wald sind frei zugänglich“, sagt sie. Schützenhilfe bekommt sie ausgerechnet von einer Behörde, die Minister Vogelsänger unterstellt ist. In einer Stellungnahme der unteren Forstbehörde heißt es, wesentliche Teile des B-Plangebietes seien bereits mit mehreren Millionen Euro saniert und vom Kampfmittelbeseitigungsdienst freigegeben worden. „Damit entfällt der (EEG-) Konversionsstatus für diese Flächen.“

Waldbiotope werden zerstört

Die Forstbehörde weist zudem darauf hin, dass sich der Standort in einem der größten, bisher unzerschnittenen Waldgebiete Nordostdeutschlands befindet. „Durch den Bau werden Waldbiotope zerstört und diese zusammenhängende Waldformation zerschnitten.“ Es gebe genügend Alternativstandorte in Brandenburg. Und: Ein Ausgleich für die Waldrodung, wie sie gesetzlich vorgeschrieben ist, sei nicht möglich. Denn Ersatzflächen für die Wiederaufforstung gebe es in diesem Umfang in Brandenburg nicht.

Die Stellungnahme der Forstbehörde ist voll von „erheblichen Bedenken“ und liest sich wie eine Ablehnung. Doch es ist keine. Ein einziger Satz in dem neunseitigen Papier macht aus der Ablehnung eine Zustimmung. „Mit der Maßgabe, dass lediglich eine zeitweise Nutzung der Waldflächen festgesetzt wird (maximal 25 Jahre), kann dem Vorhaben zugestimmt werden.“

In Potsdam heißt es, dass die Spitze des Ministeriums aus der Ablehnung der Fachabteilung mit diesem Satz eine Zustimmung machte. Ein Sprecher des Infrastrukturministeriums sagte, er wisse davon nichts. Die Hintergründe bleiben unklar. Tatsache ist, dass mit der Begrenzung auf 25 Jahre auch die Pflicht zur Ersatzaufforstung entfallen soll. Denn der Wald werde ja nur zeitweise „umgenutzt“.

Im Potsdamer Landtag wächst parteiübergreifend die Kritik an dem Projekt. Der Landkreis Spree-Neiße hat den Solarpark bereits abgelehnt. Am 20. Dezember stimmen in Schenkendöbern die Gemeindevertreter endgültig über den Bebauungsplan ab. Es heißt, die Front der Befürworter bröckelt auch hier.