Neuer Inhalt

Sozialbericht: Berlins Bezirke driften sozial auseinander

Armut in Berlin

Kinder machen tendenziell arm, weil sie, rein ökonomisch gesehen, nichts verdienen, aber kosten. Transfers und Vergünstigungen gleichen das nicht aus.

Foto:

picture alliance / dpa

Berlin -

Armutsforscher haben es nicht ganz leicht, wenn es mal gute Nachrichten zu verbreiten gibt. Jedenfalls relativ gute: Die Armutsquoten in Berlin, also der Anteil derer mit deutlich geringerem Haushaltseinkommen als im Mittel, sinken seit Jahren. Susanne Gerull, Professorin für Soziale Arbeit an der Alice-Salomon-Hochschule, freut sich natürlich darüber, zeigt die Entwicklung doch etwa, dass politische Maßnahmen wie verbesserte Kinderbetreuung wirken, weil dann mehr Menschen arbeiten können. „Nur fair bezahlte Erwerbsarbeit schützt vor Armut“, sagt Gerull, Mitglied der Nichtregierungsorganisation Landesarmutskonferenz (LAK).

Die Daten aus dem regionalen Sozialbericht des Amts für Statistik Berlin-Brandenburg, vorgestellt am Donnerstag, sind deutlich: Im Jahr 2014 – neuere Zahlen sind nicht verfügbar – lag die Quote der Armutsgefährdung (weniger als 60 Prozent des mittleren Pro-Kopf-Einkommens) in Berlin bei 14,1 Prozent im Landesmaßstab. Im Vorjahr waren es 15,0 Prozent, im problematischsten Jahr 2003 sogar 18,2 Prozent. Das heißt, auch Berlins Arme haben offenbar vom Aufschwung der vergangenen Jahre profitiert und konnten ihrer Einkommensnot teils entkommen. „Aber es ist nicht alles prima!“, warnt Forscherin Gerull.

Die Studie umfasst erstmals für die ganze Region, auch für Brandenburg, EU-normierte Angaben etwa zu Einkommensarmut, Bildungsstand, Arbeitslosigkeit oder zur Wohnsituation – bis hinein in die Berliner Bezirke (siehe Grafik). Die Hauptstadt ist demnach zwar nach wie vor eines der ärmsten Bundesländer der Republik, nur Bremen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt liegen dahinter. Doch die Entwicklung ist seit spätestens 2003 klar positiv.

Lage von Familien verbessert

Besonders gefährdet von Armut sind die klassischen Risikogruppen: Arbeitslose, junge Menschen mit niedrigem Bildungsstand – und Alleinerziehende, die vergleichsweise hohe Lebenshaltungskosten, aber wenig Optionen haben, ihr Einkommen zu verbessern. Dennoch hat sich insbesondere die Lage von Familien mit Kindern verbessert. So war 1996 mehr als ein Drittel der Alleinerziehenden armutsgefährdet, inzwischen ist es weniger als ein Viertel. Besser geht es in diesem Zeitraum auch großen Familien mit drei und mehr Kindern, auch wenn sie immer noch ein doppelt so hohes Armutsrisiko wie der Bevölkerungsdurchschnitt haben. Forscherin Gerull führt den Trend auch auf verbesserte Kinderbetreuung zurück. Eltern hätten mehr Möglichkeiten, Geld hinzuzuverdienen, Kitas seien kostenlos. Doch das reicht nicht: „Berlin braucht endlich eine ganzheitliche, ressortübergreifende Strategie für den Kampf gegen Armut“, fordert Gerull, früher selbst Sozialarbeiterin. Insbesondere bei den Themen Bildung und Wohnungen gebe es viel zu tun. Sekundarschulen etwa brauchten eigene gymnasiale Oberstufen, um mehr Schülern das Abitur zu ermöglichen. Wohnraum für Geringverdiener sei zu knapp. Und: Die Bezirke driften sozial auseinander. Es droht eine verfestigte Spaltung in Arm und Reich.

Das zeigen die Zahlen des Berichts eindrucksvoll. Es ist fast durchweg das leidlich bekannte Berliner Schwächstenranking: Neukölln, bundesweit prominentester Problembezirk, liegt ganz hinten mit einem Anteil Armutsgefährdeter von 21,5 Prozent. Mehr als jeder fünfte Neuköllner verfügt also laut EU-Definition über so geringe Mittel, dass er „von der Lebensweise ausgeschlossen ist“, die im jeweiligen Land noch „als Minimum annehmbar“ ist.

Gewinnerbezirk Pankow

Aktueller Gewinnerbezirk ist Pankow, das offenbar immer mehr von Gutverdienern gestürmt wird: Die Quote liegt dort bei 6,9 Prozent, drei Mal weniger als in Neukölln. Nicht einmal Steglitz-Zehlendorf kann da mithalten. Umgekehrt rutscht Spandau über die Jahre immer mehr ab. „Das geht ganz klar in Richtung rote Laterne“, sagt Ricarda Nauenburg vom Amt für Statistik, das die 100 Seiten dicke Studie zusammengestellt hat.

Diese Reihung zieht sich durch fast jedes Kriterium durch. In Neukölln sind 27,7 Prozent aller Einwohner auf irgendeine Weise von Sozialtransfers abhängig, ob Arbeitslosengeld, Hilfe zum Unterhalt, Grundsicherung. In Steglitz-Zehlendorf sind es 9,4 Prozent. Einen niedrigen Bildungsstand, also weder Hochschulreife noch Berufsausbildung, haben in Neukölln 27,7 Prozent der über 25-Jährigen. In Pankow sind es 6,1 Prozent. Selbst Wohnungsbelegungen sind ein Armutsindikator. Durchschnittlich hat jeder Berliner 41,6 Quadratmeter zur Verfügung – weniger als die Hälfte davon haben in Neukölln 21,2 Prozent. Aber, durchaus überraschend, in Lichtenberg nur 8,2 Prozent. Die Ungleichheit ist der Einkommen ist wiederum in Charlottenburg-Wilmersdorf am größten, dort verdient das reichste Fünftel genau 5,3 Mal so viel wie das ärmste Fünftel der Bevölkerung. Im prekären, aber auch egalitären Spandau liegt der Faktor nur bei 2,5.

Interessanterweise geht es laut Statistik einer bestimmten Gruppe vergleichsweise gut: den Älteren ab 65. Zumindest liegt ihre Armutsgefährdung nur bei 6,7 Prozent, nicht einmal halb so viel wie der Berliner Durchschnitt. Altersarmut ist derzeit nicht das dringlichste Problem, immerhin.

Der Sozialbericht im Internet unter: www.statistik-berlin-brandenburg.de