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Sozialpraktikum: Manager grillt für Berliner Obdachlose

Wurst vom Manager: Rainer Knauber teilt beim Hoffest in der Gitschiner Straße 15 Gegrilltes an Arme und Obdachlose aus.

Wurst vom Manager: Rainer Knauber teilt beim Hoffest in der Gitschiner Straße 15 Gegrilltes an Arme und Obdachlose aus.

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Lars Reimann

Berlin -

Gegen 12.15 Uhr wird Rainer Knauber nass. Als die meisten Gäste beim Hoffest in der Gitschiner 15, dem Zentrum der Evangelischen Kirchengemeinde Heilig Kreuz-Passion für Obdachlose und arme Menschen, in Kreuzberg eingetroffen sind, prasselt der Regen los. Gerade noch hat Knauber Würstchen und Spare Ribs gewendet und Kartoffelsalat auf Plastikteller verteilt, jetzt muss er mit anpacken, um den großen Grill in den überdachten Durchgang zu schieben. Es gießt wie aus Kannen. Knauber muss das Sweatshirt wechseln.

Ohne teuren Markenanzug

Üblicherweise trägt der 44-Jährige an Werktagen einen teuren dunklen Markenanzug, weißes Hemd und Krawatte. Denn Knauber ist im Hauptberuf Manager des Energieriesen Vattenfall, Generalbevollmächtigter für Berlin und die neuen Bundesländer. Heute zeigt er sich leger – in Jeans und Sweatshirt, darüber eine lange schwarze Kellnerschürze. Knauber ist in der Obdachloseneinrichtung um zu dienen, nicht um Anweisungen zu geben. Er unterstützt das Team um Projektleiter Werner Neske, einige wenige angestellte Mitarbeiter und etliche ehrenamtliche Helfer. Die Gitschiner 15 nahe dem U-Bahnhof Prinzenstraße bietet Duschen für Obdachlose, Werkstätten, Musik- und Sporträume, ein Maleratelier und ein alkoholfreies Café. Es ist eine Zuflucht für Arme, mit künstlerischen und handwerklichen Aktivitäten können diese für eine Weile ihre Sorgen vergessen – und Kreativität neu entdecken. An diesem Donnerstag aber wird nicht gesungen, gemalt oder gewerkelt. Es wird gefeiert.

Es sind Leute gekommen wie Horst, „Hotte“ genannt, der in einer Einrichtung für alkoholkranke Wohnungslose lebt, und eine schmale Frau, die Besucher freundlich begrüßt, ihre Hände sind ganz kalt als friere sie immer. Oder „Mr. Rashilow“, wie er sagt, mit Vornamen Alfred Herko, geboren in Ex-Jugoslawien, aufgewachsen in Frankreich, über mehrere Länder nach Deutschland gelangt und in Berlin hängengeblieben. Jetzt macht er eine Musiktherapie in der Gitschiner 15, „Musica Afrika, ganz toll“. Allen tischt Knauber vom Grill auf.

Der gebürtige Saarbrücker, gelernter Redakteur, dann Sprecher von Ministerien und schließlich bei dem Energieriesen gelandet mit einem gut dotierten Job, ist für zwei Tage Praktikant im Obdachlosen-Projekt. Mit Werbung habe das „absolut nichts“ zu tun, versichert der Mann mit SPD-Parteibuch nachdrücklich. Selbst wenn der Konzern, der als Atomkraftwerksbetreiber seit langem nicht mehr den besten Ruf hat und eine gute, eine menschlich-anrührende Geschichte gebrauchen könnte. Nein, es sei beileibe keine PR, sagt er – oder höchstens in dem Sinne, dass das Unternehmen, seit 130 Jahren in Berlin zu Hause, Verantwortung für die Region zeige.

Denn Vattenfall unterstützt die Obdachlosenprojekte der Kreuzberger Kirchengemeinde schon seit längerem finanziell. Parteifreund Björn Böhning, inzwischen Chef der Senatskanzlei und Kreuzberger wie er, habe ihn darauf aufmerksam gemacht, sagt Knauber. Und von Projektleiter Neske habe er dann eine Einladung zu einem Kurzpraktikum bekommen – um mal einen Perspektivwechsel zu haben.

Dass Manager ihre Chefsessel verlassen, um in Obdachlosenasylen zu arbeiten, in Krankenhäusern oder auf Sozialstationen, ist nicht neu in Deutschland. Es gibt etliche Projekte dieser Art, bei der Führungskräfte lernen, ihren persönlichen Standort zu bestimmen und ihre persönlichen Werte zu überprüfen, eine Erdung gewissermaßen. Dabei müssen sie jedoch meist Geld mitbringen, teilweise mehr als 2000 Euro. In den Obdachlosen-Projekten der Heilig Kreuz-Passions-Gemeinde ist das anders: „Mitbringen muss niemand etwas, nur sich selbst“, sagt Werner Neske: „Jeder ist als Helfer willkommen.“

So viel Kameradschaftlichkeit

Rainer Knauber sagt, er habe viele Gespräche geführt, Kaffee gekocht, Brötchen verkauft – oder so wie heute – Würste und Rippchen gegrillt. Gewusst um seine Vita als Konzernmanager habe kaum einer. „Ich war da nur der Rainer.“ Eines habe ihn wirklich verblüfft, erzählt er: „Die Frage, die ich am häufigsten gehört habe, war: Kann ich helfen?“ Diese Kameradschaftlichkeit, sagt er, sei auch in gut geführten Unternehmen nicht der Normalfall. Besonders berührt habe ihn aber die Zufriedenheit von Menschen, denen es eigentlich schlecht geht. „Da gibt es doch 75-Jährige, die ganz glücklich darüber sind, im Wohnprojekt der Gemeinde ein kleines Zimmerchen mit Balkon bekommen zu haben.“ Er selbst wohnt in einem Dachgeschossloft.