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Berliner Zeitung | Sozialstrukturatlas für Berlin: Hier wohnen die ärmsten Berliner
28. February 2014
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Sozialstrukturatlas für Berlin: Hier wohnen die ärmsten Berliner

Die Gegend nordwestlich des Moritzplatzes gilt als der Kiez – im Fachdeutsch: Planungsraum – mit der ungünstigsten Sozialstruktur von ganz Berlin.

Die Gegend nordwestlich des Moritzplatzes gilt als der Kiez – im Fachdeutsch: Planungsraum – mit der ungünstigsten Sozialstruktur von ganz Berlin.

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Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Ein gelber Schal ist um den Hals der Statue von Franz Benedict Leo Waldeck gewickelt, auf dem Sockel des Denkmals prangt ein grünes Graffiti. Der linksliberale Politiker aus dem 19. Jahrhundert ist Namensgeber des kleinen Waldeckparks an der Oranienstraße in Kreuzberg.

Die Gegend nordwestlich des Moritzplatzes gilt als der Kiez – im Fachdeutsch: Planungsraum – mit der ungünstigsten Sozialstruktur von ganz Berlin. 75 Prozent der Kinder unter 15 Jahren wachsen in Familien auf, die auf staatliche Transferleistungen wie Arbeitslosengeld II angewiesen sind. Berlinweit beträgt ihr Anteil 28,7 Prozent.

Für den rund 300 Seiten umfassenden Sozialstrukturatlas, den Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) am Freitag präsentiert hat, wurde Berlin in 440 solcher Planungsräume unterteilt, um ein möglichst differenziertes Bild von der sozialen Lage der Stadt zu gewinnen. Datengrundlage sind Berichte des Landesamtes für Statistik, der Mikrozensus, aber auch Ergebnisse aus Einschulungsuntersuchungen.

Als Kriterien dienten Säuglingssterblichkeit, Anteil der Raucher, Arbeitslosigkeit, die Wohnlage, Bildung, Einkommen oder der Anteil der Pflegebedürftigen, die auf staatliche Transferleistungen angewiesen sind. Mit 66 Einzelwerten ist es die bisher umfangreichste Untersuchung zur sozialen Lage in Berlin.

Die Thielallee im Villenviertel Dahlem unweit der Freien Universität verfügt über die günstigste Sozialstruktur. Auch im Zentrum von Dahlem und an der Krummen Lanke (Rang 3 und 5) lebt es sich nicht schlecht. Im gutbürgerlichen Südwesten der Stadt sind die Einkommen, der Anteil der Gebildeten und die Lebenserwartung am höchsten. Die Bevölkerung setzt sich aus Akademikern zusammen, Beamten im gehobenen Dienst, Ruheständlern und jungen Familien, die sich die oft nicht gerade billigen Wohnungen leisten können.

Ganz anders ist die Lage am Moritzplatz. Im türkischen Supermarkt hält eine Mutter Ausschau nach günstigem Obst und Gemüse. Um die Mittagszeit sind viele Paare mit Kinderwagen unterwegs. Es gibt eine Taxischule, eine Fahrschule, einen Fernsehdienst, ein Telecenter, die Eckkneipe Zur Mütze. Das Stadtteilcafé ist geschlossen. In der Bona-Peiser-Bibliothek stehen vier Frauen und blättern in Büchern. Die Bibliothek soll nach dem Willen des Bezirks geschlossen werden. Die Anwohner protestieren und sammeln Unterschriften.

Die Unterteilung der Stadt in kleine Planungsräume zeigt aber auch, dass es innerhalb der Bezirke große Unterschiede gibt. Schließlich sind in Kreuzberg inzwischen viele Wohnungen bei Neuvermietungen für die allermeisten nicht mehr bezahlbar. Und auch Neukölln, der Bezirk mit der ungünstigsten Sozialstruktur, ist mittlerweile stark nachgefragt. Vermutlich hängt der letzte Platz Neuköllns auch damit zusammen, dass der aktuelle Sozialstrukturatlas auf Daten aus dem Jahr 2011 basiert.

„Es gibt keinen Bezirk ohne Gebiete mit sozialen Schwierigkeiten“, sagte Czaja. Auch Steglitz-Zehlendorf nicht. Ein Beispiel dafür ist die Thermometersiedlung in Lichterfelde-Süd, deren Sozialindex deutlich unter dem Berliner Durchschnitt liegt. Dagegen erreicht der Kladower Damm in Spandau den viertbesten Wert.

Aufsteiger Pankow

Doch gleichzeitig ist es so, dass auch Spandaus Sozialstruktur kippt. Der Bezirk ist ein Verlierer der Gentrifikation. Ärmere Bevölkerungsschichten werden aus der Innenstadt verdrängt, ziehen an den Stadtrand – eine grundsätzliche Tendenz. Seit 2003 ist Spandau in der Rangliste der Bezirke mit der günstigsten Sozialstruktur um drei Plätze auf Platz zehn gefallen, den drittletzten Rang.

Auch Reinickendorf, einst an vierter Stelle, liegt mit Platz sieben inzwischen im unteren Berliner Durchschnitt. Dort ist die Bevölkerung überdurchschnittlich alt, und damit steigt auch der Anteil der Pflegebedürftigen, die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind. Stabilisiert hat sich dagegen Marzahn-Hellersdorf, wenn auch auf niedrigem Niveau. Von 2003 bis 2008 war der Bezirk von Platz fünf auf Rang neun gefallen. Seitdem hat sich die soziale Struktur nicht weiter verschlechtert.

Eindeutiger Gewinner ist der Bezirk Pankow, der nach Steglitz-Zehlendorf und Charlottenburg-Wilmersdorf den dritten Platz erreicht. Noch im Jahr 2003 musste sich Pankow mit Rang neun zufriedengeben. Das war, bevor die Besserverdienenden nach Prenzlauer Berg zogen.