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Soziologe : Berlin ist ein Bollwerk der linken Protestkultur

Hunderttausende drängten sich am 1. Mai dieses Jahres auf dem Myfest in Kreuzberg. Dass bei all den Menschenmassen nichts passierte, gilt als Glücksfall.

Hunderttausende drängten sich am 1. Mai dieses Jahres auf dem Myfest in Kreuzberg. Dass bei all den Menschenmassen nichts passierte, gilt als Glücksfall.

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dpa/Kay Nietfeld

Dieter Rucht sitzt in seinem Wilmersdorfer Arbeitszimmer, vor sich drei große Bildschirme. Es sind Bilder aus Nepal zu sehen, er dreht gerade einen Film darüber, was dort aus den maoistischen Rebellen geworden ist. Rebellion und Protestbewegung, damit kennt er sich aus: Er hat das Institut Protest- und Bewegungsforschung in Berlin gegründet. Sein Arbeitszimmer ist zugleich Institutssitz.

Berlin ist deutsche Hauptstadt. Ständig demonstriert hier jemand. Ist Berlin aber tatsächlich die Hauptstadt der Proteste in Deutschland?

Das halte ich für übertrieben. Hier finden zwar bundesweit die meisten Proteste statt, aber wenn man die Größe der Stadt in Betracht zieht, dann ziehen Frankfurt am Main, vielleicht auch Heidelberg und Göttingen an Berlin vorbei. Bezogen auf die Stadtgröße ist Berlin nicht ganz vorne.

Welche Faktoren bringen die Menschen hier auf die Straße?

Der Hauptstadtfaktor spielt natürlich eine Rolle. Auch die traditionell linke Protestkultur in Berlin sorgt für Manifestationen. Zudem prallen hier viele Gegensätze aufeinander. Wichtig für das Protestgeschehen ist auch die absolute Zahl von Studierenden in einer Stadt.

Seit wann gibt es denn in Berlin Massendemonstrationen?

Schon im Mittelalter haben sich Leute in Städten zusammengetan und gegen zu hohe Steuern demonstriert. In Berlin gab es im 19. Jahrhundert immer wieder Menschenaufläufe, die mit Mietproblemen zusammenhingen, mit Nahrungsmittelknappheit und mit Übergriffen der Obrigkeit. Pöbelexzesse nannte man das damals. 1872 fanden in Friedrichshain Mieterkrawalle statt, die sogenannten Blumenstraßen-Krawalle.

Was war passiert?

Ein armer Schuster wurde von der Polizei wegen Mietrückständen aus seiner Wohnung geworfen. Tags darauf hatte die Polizei Bretterbuden mittelloser Zuwanderer an der heutigen Karl-Marx-Allee geräumt. Dann kam es zu Straßenkämpfen. Das waren aber keine stadtweiten Mobilisierungen, sondern beschränkte sich auf das Viertel oder ein paar Straßenzüge.

Wann veränderte sich das?

Großdemonstrationen gab es erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Da lehnten sich die Massen gegen das Drei-Klassen-Wahlrecht auf. Im Treptower Park fand 1911 eine große Friedensdemonstration mit fast 200.000 Menschen statt.

Liefen die Demonstrationen ähnlich ab wie heute?

Damals gab es keine Lautsprecheranlagen. Bei großen Demonstrationen traten mehrere Redner gleichzeitig auf, fünf oder zehn Redner standen auf Holzkisten und sprachen unabhängig voneinander zum sie jeweils umgebenden Publikum. Interessanterweise weichen die Angaben zu den Teilnehmerzahlen auch in dieser Zeit schon stark voneinander ab.

Wie etwa bei der jüngsten Demonstration gegen das Freihandelsabkommen TTIP.

Ja, das eher unternehmerfreundliche Handelsblatt sprach von 100.000 Demonstranten, die Polizei von 150.000 und die Veranstalter von 250.000 Teilnehmern. Diese Zahlen sind immer noch ein ungelöstes Problem und ein Politikum.

Woran liegt das?

Jede Polizeiführung ermittelt die Zahlen nach eigenen Maßstäben. Ich würde sagen: Je staatskritischer eine Demonstration ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Polizei eher niedrige Zahlen angibt. Veranstalter hingegen tendieren zu einer Übertreibung der Teilnehmerzahlen. Mitunter einigen sich Veranstalter und Polizei auch auf eine Zahl. Bei staatlich organisierten Manifestationen im Zusammenhang mit dem „Aufstand der Anständigen“ gibt es meist nur eine Zahl, die ziemlich hoch gegriffen ist.

Was waren die größten Demonstrationen, die Berlin je erlebt hat?

Da sind zunächst die 1.-Mai-Demonstrationen in den Jahren 1960 bis 1962 zu nennen. Und zwar in West-Berlin mit jeweils gut 700.000 Teilnehmern, laut Medienberichten. Das waren allerdings keine klassischen Maidemonstrationen im Sinne der Arbeiterbewegung. Sie waren als „Freiheitskundgebungen“ angelegt. Im Kern handelte es sich um antikommunistische Manifestationen in den Zeiten von Kaltem Krieg und Mauerbau. West-Berlin zelebrierte sich hier als Bollwerk des Westens.

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