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Berliner Zeitung | Soziologe : Berlin ist ein Bollwerk der linken Protestkultur
30. April 2016
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Soziologe : Berlin ist ein Bollwerk der linken Protestkultur

Hunderttausende drängten sich am 1. Mai dieses Jahres auf dem Myfest in Kreuzberg. Dass bei all den Menschenmassen nichts passierte, gilt als Glücksfall.

Hunderttausende drängten sich am 1. Mai dieses Jahres auf dem Myfest in Kreuzberg. Dass bei all den Menschenmassen nichts passierte, gilt als Glücksfall.

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dpa/Kay Nietfeld

Dieter Rucht sitzt in seinem Wilmersdorfer Arbeitszimmer, vor sich drei große Bildschirme. Es sind Bilder aus Nepal zu sehen, er dreht gerade einen Film darüber, was dort aus den maoistischen Rebellen geworden ist. Rebellion und Protestbewegung, damit kennt er sich aus: Er hat das Institut Protest- und Bewegungsforschung in Berlin gegründet. Sein Arbeitszimmer ist zugleich Institutssitz.

Berlin ist deutsche Hauptstadt. Ständig demonstriert hier jemand. Ist Berlin aber tatsächlich die Hauptstadt der Proteste in Deutschland?

Das halte ich für übertrieben. Hier finden zwar bundesweit die meisten Proteste statt, aber wenn man die Größe der Stadt in Betracht zieht, dann ziehen Frankfurt am Main, vielleicht auch Heidelberg und Göttingen an Berlin vorbei. Bezogen auf die Stadtgröße ist Berlin nicht ganz vorne.

Welche Faktoren bringen die Menschen hier auf die Straße?

Der Hauptstadtfaktor spielt natürlich eine Rolle. Auch die traditionell linke Protestkultur in Berlin sorgt für Manifestationen. Zudem prallen hier viele Gegensätze aufeinander. Wichtig für das Protestgeschehen ist auch die absolute Zahl von Studierenden in einer Stadt.

Seit wann gibt es denn in Berlin Massendemonstrationen?

Schon im Mittelalter haben sich Leute in Städten zusammengetan und gegen zu hohe Steuern demonstriert. In Berlin gab es im 19. Jahrhundert immer wieder Menschenaufläufe, die mit Mietproblemen zusammenhingen, mit Nahrungsmittelknappheit und mit Übergriffen der Obrigkeit. Pöbelexzesse nannte man das damals. 1872 fanden in Friedrichshain Mieterkrawalle statt, die sogenannten Blumenstraßen-Krawalle.

Was war passiert?

Ein armer Schuster wurde von der Polizei wegen Mietrückständen aus seiner Wohnung geworfen. Tags darauf hatte die Polizei Bretterbuden mittelloser Zuwanderer an der heutigen Karl-Marx-Allee geräumt. Dann kam es zu Straßenkämpfen. Das waren aber keine stadtweiten Mobilisierungen, sondern beschränkte sich auf das Viertel oder ein paar Straßenzüge.

Wann veränderte sich das?

Großdemonstrationen gab es erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Da lehnten sich die Massen gegen das Drei-Klassen-Wahlrecht auf. Im Treptower Park fand 1911 eine große Friedensdemonstration mit fast 200.000 Menschen statt.

Liefen die Demonstrationen ähnlich ab wie heute?

Damals gab es keine Lautsprecheranlagen. Bei großen Demonstrationen traten mehrere Redner gleichzeitig auf, fünf oder zehn Redner standen auf Holzkisten und sprachen unabhängig voneinander zum sie jeweils umgebenden Publikum. Interessanterweise weichen die Angaben zu den Teilnehmerzahlen auch in dieser Zeit schon stark voneinander ab.

Wie etwa bei der jüngsten Demonstration gegen das Freihandelsabkommen TTIP.

Ja, das eher unternehmerfreundliche Handelsblatt sprach von 100.000 Demonstranten, die Polizei von 150.000 und die Veranstalter von 250.000 Teilnehmern. Diese Zahlen sind immer noch ein ungelöstes Problem und ein Politikum.

Woran liegt das?

Jede Polizeiführung ermittelt die Zahlen nach eigenen Maßstäben. Ich würde sagen: Je staatskritischer eine Demonstration ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Polizei eher niedrige Zahlen angibt. Veranstalter hingegen tendieren zu einer Übertreibung der Teilnehmerzahlen. Mitunter einigen sich Veranstalter und Polizei auch auf eine Zahl. Bei staatlich organisierten Manifestationen im Zusammenhang mit dem „Aufstand der Anständigen“ gibt es meist nur eine Zahl, die ziemlich hoch gegriffen ist.

Was waren die größten Demonstrationen, die Berlin je erlebt hat?

Da sind zunächst die 1.-Mai-Demonstrationen in den Jahren 1960 bis 1962 zu nennen. Und zwar in West-Berlin mit jeweils gut 700.000 Teilnehmern, laut Medienberichten. Das waren allerdings keine klassischen Maidemonstrationen im Sinne der Arbeiterbewegung. Sie waren als „Freiheitskundgebungen“ angelegt. Im Kern handelte es sich um antikommunistische Manifestationen in den Zeiten von Kaltem Krieg und Mauerbau. West-Berlin zelebrierte sich hier als Bollwerk des Westens.

Das waren also mehr Menschen als bei den traditionellen 1.Mai-Aufmärschen in Ost-Berlin?

Das war wohl so. Was die Größe einer Demonstration angeht, will ich auch den 1. Mai 1933 erwähnen: Als Hitler gerade an die Macht gekommen war, organisierten die Nationalsozialisten eine große 1. Mai-Manifestation auf dem Tempelhofer Feld. Manche der nicht mehr unabhängigen Zeitungen schrieben damals von 1,5 Millionen Teilnehmern. Auch die Demonstration vom 4. November 1989 am Berliner Alexanderplatz mit wohl realistisch 700.000 Teilnehmern ist zu nennen. Im wiedervereinigten Berlin fand die größte Demonstration mit 500.000 Teilnehmern am 15.Februar 2003 gegen den anstehenden Irakkrieg statt.

Warum ist die Bärgida in Berlin so winzig im Vergleich zu Pegida in Dresden?

In Berlin gibt es eine relativ stark ausgeprägte linke Kultur. Das hat historische Wurzeln: Ein Grund sind die Kriegsdienstverweigerer, die einst nach West-Berlin gezogen sind. Man denkt, das ist nur ein Detail. Aber diese Bundeswehr-Flüchtlinge haben die Protestkultur in Berlin ganz erheblich geprägt. Es waren Leute, die sich meist aus politischen Gründen dem Wehrdienst entzogen. Diese Leute waren nicht nur für das Thema Krieg und Frieden und Abrüstung ansprechbar. Das wirkt bis heute nach.

Inwiefern?

Wenn Rechtsradikale in Berlin aufkreuzen, mit 100 oder auch mit 1000 Leuten, dann gibt es in der Regel weit mehr Gegendemonstranten. Und das ist deprimierend für die Rechten. Vor allem dann, wenn sie behaupten, das Volk zu verkörpern. Darüber hinaus gibt es in Dresden wenige Migranten. Das Fehlen der Alltagserfahrungen mit Migranten ist ein wesentlicher Faktor, dass die Aggressionen oder Vorurteile so stark sind.

Pegida wird also keine Chance in Berlin haben?

Nein. Erst mal nicht. Es sei denn, außergewöhnliche Umstände schaffen eine neue Diskussionsgrundlage. Aber das ist selbst angesichts der Attentate von Paris und der Terrorangst nicht zu erwarten.

Heutzutage finden sich immer mehr Protestler über soziale Netzwerke zusammen. Wie stark verändert das Internet die Protestkultur?

Das Geschehen wird kurzatmiger, hektischer, eruptiver; auch das Absacken der Bewegungen – siehe Occupy – passiert schneller als in der Vergangenheit.

Wie zum Beispiel der plötzlich aufflackernde Protest gegen das Luxus-Hochhaus an der East Side Gallery, für das Teile der Mauer herausgerissen wurden. Nach Aufrufen im Netz hat David Hasselhoff vor Ort gesungen.

Ja, die Mobilisierung erfolgt auch über soziale Netze und spricht dann vor allem Leute an, die nicht gewillt sind, die nötige Kärrnerarbeit zu leisten und sich über Jahre in ein Thema reinzuknien. Es gibt durchaus eine Bereitschaft, sich kurzfristig zu engagieren. Man muss dann nicht in einen Verein eintreten und sich dort Anerkennung erwerben. Man liest stattdessen einen Aufruf, unterstützt per Mausklick oder geht mal zu einer Demo.

Wie beim Flashmob?

Ja, da finden sich oft mehr Journalisten als Teilnehmer ein.

Ab den 1990er-Jahren wurden bestimmte Veranstaltungen als Demonstrationen angemeldet, die Teil der Spaßbewegung waren, beispielsweise die Love Parade. Ist das für Sie eine Demonstration?

Ein wichtiger Faktor bei dieser Art von Veranstaltungen ist ja: Wer trägt die Kosten für die Müllbeseitigung und Sicherheitsmaßnahmen? Das ist die zentrale Frage. Diese Kosten werden nur dann von der öffentlichen Hand übernommen, wenn die Veranstaltungen als „politisch“ deklariert werden. Das war dann auch der Grund, warum die Love Parade häufig eine obskure Rede von Dr. Motte beinhaltete. Aber später meinten die Behörden: Ihr könnt das ja alles gerne machen, aber ihr müsst auch die gesamten Kosten übernehmen.

Was ist mit dem Myfest in Kreuzberg. Bedarf es dieses Festes, um den 1. Mai zu befrieden, oder sind die alkoholisierten Massen dort ein Sicherheitsrisiko?

Mein Bauchgefühl sagt, diese Gefahr wird übertrieben. Ich meine aber auch, das Fest sollte durch Sponsoren, ähnlich wie beim Karneval der Kulturen, finanziert werden. Meine Überzeugung: Die Veranstaltung, die als Myfest rund um den Mariannenplatz läuft, ist keine politische Veranstaltung. Die öffentliche Hand sollte sich hier zurückhalten.

Mittlerweile wird zunehmend auf Demos gefilmt. Trägt das dazu bei, dass sie gewaltfreier verlaufen?

Das Filmen hat eine prophylaktische Wirkung auf das Verhalten der Polizei insgesamt, aber auch auf gewaltbereite Demonstranten. Gleichwohl kommt es vor, dass einzelne Polizisten über die Stränge schlagen und dann zumindest die Polizeikameras in einen andere Richtung schwenken.

Die Gewalt nimmt also ab?

Die Proteste der 50er Jahre waren relativ gewaltarm. Die Gewalt stieg dann von Jahrzehnt zu Jahrzehnt an, erreichte ihren höchsten Wert in den 90er Jahren, um in den frühen 2000er-Jahren wieder abzunehmen. Für die folgenden Jahre liegen noch keine Zahlen vor. Gleichzeitig ist eine Verschiebung erkennbar: Die Protestgewalt war früher dominant im linken Spektrum und verlagerte sich ab den 90er Jahren nach rechts. Das scheint auch für die letzten Jahren zu gelten.

Womit bringen Sie den Rückgang zusammen?

Die Autonomen haben sich zurückgenommen. Sie haben den Sinn routinemäßiger Zerstörung und Aggression infrage gestellt.

Was war die letzte Demo, an der Sie nicht beruflich, sondern privat als Bürger teilgenommen haben?

So genau weiß ich das nicht. Es ging um Ernährung und Landwirtschaft, ich glaube 2014 war das.

Haben Sie sich entschieden nach Wilmersdorf zu ziehen, weil Sie hier Ihre Ruhe haben und nicht so viele Proteste miterleben müssen?

Nein, das war Zufall. Wir haben hier die Wohnung 1988 gekauft, weil sie preisgünstig war.

Das Gespräch führten Martin Klesmann und Aleksandar Zivanovic.

Hier finden Sie alle Interviews der Serie Über Berlin Reden.

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