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Spätverkaufsläden Prenzlauer Berg: Einer gegen alle: Der Kämpfer gegen die Spätis

Spätverkaufsläden machen mit Alkohol gute Umsätze, vor allem am Sonntag, wenn andere Läden geschlossen bleiben.

Spätverkaufsläden machen mit Alkohol gute Umsätze, vor allem am Sonntag, wenn andere Läden geschlossen bleiben.

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dpa

Berlin -

Keiner versteht ihn. Keiner kümmert sich. Alles geht kaputt, alles wird teurer. Und alle schauen weg. Das werde ihm nicht passieren, sagt Bernhard Görs. „Der liebe Gott hat mir eine große Schnauze gegeben“, sagt er. Das hört man. Er sei ein Denunziant, hieß es. Er sei der Spießer von Prenzlauer Berg. Die Spaßbremse.

Bernhard Görs hat 48 Spätverkaufsläden in Prenzlauer Berg angezeigt, weil sie sonntags geöffnet hatten und Waren verkauften, die sie laut Gesetz nicht hätten verkaufen dürfen. Görs ist mit seinem Auto durch den Kiez gefahren, er hat alle diese Läden in seiner Gegend aufgeschrieben und die Auslagen fotografiert. Er hat seine Anzeigen zum Ordnungsamt gebracht. Er sagt, er sei dort sehr laut geworden. Das Ordnungsamt musste reagieren. Richtig so, sagt Görs. Das Amt dürfe doch nicht zulassen, dass Händler gegen Gesetze verstoßen. „Wo kommen wir denn da hin“, sagt Görs.

Ein echter Kiezaktivist

Das Ordnungsamt kontrollierte die angezeigten Läden, das Gewerbeaufsichtsamt und Mitarbeiter des Landeskriminalamtes kamen, die Betreiber bekamen Bußgelder. Da hat Görs was losgetreten.

Erboste Ladeninhaber haben nun Bernhard Görs’ Foto samt seiner Telefonnummer in ihre Schaufenster geklebt. Görs bekam fiese Anrufe. Unbekannte beschimpften ihn. Wenn er schlafen ging, stellte er sein Telefon ab. Nachts klingelte es an seiner Wohnungstür. Er jagte die Störer fort.

Bernhard Görs ist 58 Jahre alt, Dachdecker von Beruf, ein Hüne mit glatt rasiertem Schädel, Schnauzer und kräftiger Stimme. Ein Mann, der schnell aufbraust, sich in Rage redet, immer lauter wird und mit seinen Pranken in der Luft herumfuchtelt. Ein Wutbürger. Einer, der sagt, was er denkt. Längst hat er sich damit abgefunden, dass ihn Nachbarn den Späti-Hasser nennen.

„Ich nehme das hin, ich habe ein dickes Fell.“ Er sagt, er wolle den Betreibern der Späti-Läden nichts Böses. „Ich fordere doch nur gleiches Recht für alle.“ Entweder dürften sonntags alle Läden öffnen oder alle müssten geschlossen bleiben. Das wäre gerecht. Und sonntags müssten eben alle Läden geschlossen bleiben. Ein Tag in der Woche muss doch mal Ruhe sein. Erst recht an Feiertagen. „Das ist doch furchtbar mit dieser Rund-um-die Uhr-Versorgung!“

Eigentlich ist Görs ein echter Kiezaktivist, einer, der sich wehrt gegen alles, was ihn stört: Gegen immer teurer werdende Wohnungen, gegen Vertreibung, gegen die Gentrifizierung. Görs hat seine eigene Theorie. „Die Spätverkaufsläden machen aus einem Wohnviertel ein Touristengebiet. Dadurch wird der Kiez immer teurer“, sagt er. Und es sei doch nun wirklich keine Kiezkultur, wenn Spätis jeden Sonntag so gute Umsätze machen, weil sie so viel Alkohol verkaufen. „Die Leute ziehen dann betrunken durch die Straßen, sie grölen und schmeißen ihre Bierflaschen auf die Straße. Das ist doch keine Kiezkultur.“

Anwohner seien genervt und würden wegziehen. „Doch jeder, der wegzieht, gibt auf und treibt die Mieten hoch. Es wohnen ja sowieso kaum noch Leute von früher hier“, sagt Görs. Doch er werde bleiben, ihn bekomme keiner weg. Er sei doch ein echter Prenzlauer-Berg-Bewohner. Einer der letzten.

Außenseiter als Prolet

Bernhard Görs wuchs in der Oderberger Straße auf, seine Jugend verbrachte er am Kollwitzplatz, dann zog er an den Helmholtzplatz. Anfang der 90er Jahre engagierte er sich in der Bezirkspolitik und beim Neuen Forum. Er gehörte zur Wählergemeinschaft Prenzlauer Berg und diskutierte mit in der Betroffenenvertretung. Er kennt sie alle, die Bezirkspolitiker, die Stadtsoziologen und die politisch aktiven Nachbarn. Einen wie Bernhard Görs vergisst man nicht, so einer fällt auf. „Ich bin kein Intellektueller wie die anderen, als Prolet war ich immer Außenseiter“, sagt Görs.

Und immer fand er Dinge, die ihn störten, gegen die er sich wehren musste. Zu DDR-Zeiten verweigerte er den Wehrdienst, später störten ihn die Drogendealer auf dem Helmholtzplatz, falsch parkende Autos am Straßenrand und laute Kneipen in der Nacht. Heute nerven ihn die Radfahrer auf dem Gehweg, noch schlimmer sei es, wenn sie ohne Licht fahren. Er schimpft über Café-Betreiber, deren Stühle den Gehweg versperren. Er reißt Flyer von Laternen, und ihn stört, wenn Getränkewagen nachts Restaurants beliefern. Doch keiner hört auf ihn. „Es wird nur noch Rücksicht genommen auf die Leute, die zum Feiern in den Kiez kommen“, sagt er. „Alle gucken weg, niemand mischt sich ein, alle haben resigniert.“

Bernhard Görs braucht sonntags keine Spätis. „Wenn bei mir was fehlt, frage ich meine Nachbarn“, sagt er. „Früher nannte man das nachbarschaftliche Beziehungen. Aber sowas kennt heute keiner mehr.“



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