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Spitzensportler baut Hochhäuser: Boxer mit Bauchgefühl

In Dirk Moritz’ Büro in der Palisadenstraße hängen schon Bilder seines Hochhaus-Traums für Alt-Hohenschönhausen.

In Dirk Moritz’ Büro in der Palisadenstraße hängen schon Bilder seines Hochhaus-Traums für Alt-Hohenschönhausen.

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Lars Reimann

Berlin -

Vor kurzem hat er es ins Bordmagazin von Emirates Airlines geschafft. Das Titelblatt zeigt ein jahrzehntelang verschwundenes Varietétheater in Mitte, das der Berliner Projektentwickler Dirk Moritz unter dem Namen „Secret Garden“ wiederbeleben will. Er hat es vor vier Jahren entdeckt. Damals wollte er mit seiner Tochter in die Schwimmhalle gehen und sah ein zugemauertes Haus in der Gartenstraße.

Moritz recherchierte, durchforstete Archive und Akten. Dann wusste er, dass er auf einen Schatz gestoßen ist. Unter Müll und Schutt kamen die Relikte einer Vergnügungsstätte zum Vorschein, erbaut von Oskar Garbe, der in Berlin die Samariterkirche errichtete. Moritz will das Haus für rund zwei Millionen Euro sanieren. Entstehen sollen Ateliers, vielleicht ein Tonstudio, Wohnungen für Kreative.

So hoch wie das „Zoofenster“

Doch das ist ein vergleichsweise kleines Vorhaben des 50-Jährigen. Mehr als 200 Mal so teuer soll sein bisher ehrgeizigstes Projekt werden, drei Hochhäuser am Eingang zu Alt-Hohenschönhausen. „Square3“hat er es genannt. Seit mehr als einem Jahr entwickelt er die Pläne für das neue Quartier. Das soll Wohnen, Gewerbe und Gastronomie/Hotellerie dort bieten, wo heute noch eine Brache ist. 118 Meter soll das höchste Haus werden, ein Wolkenkratzer wie das „Zoofenster“ am Breitscheidplatz, die anderen etwas kleiner. „Sie sollen an ein Siegerpodest erinnern“, sagt Moritz. Nicht nur, weil der Nachbar das Sportforum ist, Berlins größter Olympiastützpunkt.

Denn der gebürtige Berliner, aufgewachsen als Sohn eines Arbeiters und einer Lehrerin in Prenzlauer Berg, war selbst Sportler. Das Hochhaus-Podest ist für ihn ein Symbol. „Am Sport hängt mein Herz, ich bin ein Kämpfertyp“, sagt er. Er hat wettkampfmäßig geboxt seit er zwölf war, war mehrfacher Berliner Meister, DDR-Studentenmeister. 1989 erwarb er an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig das Diplom als Sportlehrer. Dirk Moritz gehörte zum letzten Jahrgang, der dort ausgebildet wurde.

Eineinhalb Jahre lang hat er danach noch junge Boxer in Berlin trainiert. Als Jugendliche immer weniger Lust auf Leistungssport bekamen, orientierte er sich neu – Moritz verkaufte Berliner Pilsner aus dem Ostteil der Stadt an Großabnehmer im Westteil, später gründete er ein Finanzdienstleistungsgeschäft. „Das war anfangs ein Service für Gebrauchtwagenkäufer.“ Das Geschäft funktioniert längst in größerem Maßstab. „Wir finanzieren alles, was mobil ist“, sagt er, „vom Kran bis zum Zahnarztstuhl.“

Sieben Mitarbeiter gehören zu seinem Team. Im Geschäftshaus an der Palisadenstraße in Friedrichshain hat der Chef das kleinste Büro, fünf Quadratmeter groß. Mehr Raum brauche er nicht, sagt er. Mit Laptop und Handy könne er schließlich überall sitzen und arbeiten. „Auch mal im Park, wenn schönes Wetter ist.“ Als 2007 eine langjährige Partnerschaft scheiterte, ging Moritz für einige Jahre nach London. „Ich hatte einen Schreibtisch bei einem Steuerberater und habe in einer WG gelebt“, erzählt er.

Ähnlich unkonventionell erscheint sein Herangehen an Projekte. Moritz rechnet nicht zuallererst, wie viele Quadratmeter Wohnfläche werden gebraucht, wie viel Handel, wie viel Büro, damit es profitabel wird. „Ich frage mich: Was bedeutet der Standort, was macht seine Seele aus?“ Er lasse sich vom Bauchgefühl leiten, ehe er die Ideen mit Architekten und Städteplanern konkretisiere. Dann werde mit Interessenten gesprochen. Und mit den Behörden darüber, was genehmigungsfähig ist – und was nicht geht. Investoren bekämen somit eine Planung, die sich auch verwirklichen lässt.

Moritz muss dafür in Vorkasse gehen, bisher habe sich das gerechnet, sagt er. „Und so viel brauche ich ja nicht für mich selber“, sagt er. Der Single, die Tochter lebt bei seiner früheren Partnerin, hat eine Dreizimmer-Wohnung in Prenzlauer Berg. „80 Quadratmeter, das reicht.“ Ein wenig Luxus leistet er sich aber doch. In der Genslerstraße hat er seit einigen Jahren ein kleines Atelier gemietet. Dort malt er oder gestaltet Collagen, die letzte fertigte er aus seinen alten Krawatten. „Am liebsten bin ich nachts da“, sagt Moritz. Schwelgen im Farbenrausch, das sei ein gutes Mittel gegen Stress.

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Vielleicht ist es gerade das Unkonventionelle, das Moritz Erfolg gebracht hat, wo andere scheiterten. Wie beim früheren Umspannwerk an der Prenzlauer Allee, in dem nach seinen Plänen Eigentumswohnungen entstanden. Oder bei der alten Süßwarenfabrik in Alt-Hohenschönhausen, an der sich viele Entwickler vergebens versuchten, darunter die Firma des früheren Parlamentspräsidenten Walter Momper. Moritz gewann Investoren, die dort Lofts, Etagenwohnungen und Townhouses errichteten.

Mit Square 3 wird es wohl nicht so einfach werden, obwohl das Projekt erst im März auf der Immobilienmesse MIMPIN in Cannes für den als Immobilien-Oscar bezeichneten Real State Award nominiert war und immerhin auf Rang 2 landete. Doch in der Heimat gibt es Vorbehalte. Das Sportforum befürchtet Klagen wegen Lärmbelästigung durch den Trainings- und Wettkampfbetrieb, wenn in den Hochhäusern erst Menschen wohnen. Auch der Bezirk, der eigentlich vom Vorhaben angetan ist, sagt, dass so etwas nicht passieren darf. Ehe die Rechte des Sportforums nicht wasserdicht abgesichert sind, werde es keine Baugenehmigung geben, sagt Wilfried Nünthel, der zuständige CDU-Stadtrat. Auch über die Höhe der Häuser werde noch zu reden sein.

Gespräche auf der Straße

Eigentlich geht das Dirk Moritz alles viel zu langsam. „Aber als Sportler hat man gelernt, Ziele systematisch anzusteuern – kurzfristig, mittelfristig, langfristig.“ Zunächst hat er deshalb versucht, alle anderen Nachbarn zu gewinnen. Er ist die kilometerlange Konrad-Wolf-Straße abgelaufen, hat jedem Geschäftsinhaber die Projektunterlagen in die Hand gedrückt. „Das Vorhaben soll schließlich die Gegend aufwerten, davon werden alle profitieren.“

Obwohl inzwischen ein Werbefilm und etliche Hochglanzbroschüren für „Square3“ existieren, hat Moritz die allererste Zeichnung sorgsam aufbewahrt. Er hat die Hochhäuser auf einer Serviette skizziert, in einem Restaurant. Vielleicht wird das Papier gerahmt und ins Büro gehängt – Erinnerung an die Geburt einer Idee im Januar 2012.