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Sport in Berlin: Spielen nach Gehör

Rauer Sport: Beim Behindertenfußball bleiben Kollisionen nicht aus. Manche Spieler schützen daher ihren Kopf. Reiner Delgado greift ohne Schutz an.

Rauer Sport: Beim Behindertenfußball bleiben Kollisionen nicht aus. Manche Spieler schützen daher ihren Kopf. Reiner Delgado greift ohne Schutz an.

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Benjamin Pritzkuleit

Berlin -

Gerade war er noch da. Das leiser werdende Klingeln schien zu sagen: „Hier bin ich. Beeil Dich. Gleich ist es zu spät.“ Und jetzt ist es zu spät. Der Ball schweigt. Ich habe keinen Schimmer, wo er liegt. Ich weiß auch nicht mehr, wo die Wand ist. Das Tor. Die anderen Spieler. Ich höre sie zwar, aber alle durcheinander, den einen ferner, den anderen näher. Der Rufer an der Seite will mir helfen: „Hier! Hier, Redakteurin!“ Er lacht herzlich, ohne Spott. Ich bin hilflos wie ein Baby mit dieser Augenbinde, alles ist schwarz und um mich herum ein Gewirr von Tönen und Stimmen. So ist das, wenn Sehende Blindenfußball spielen.

Von der Augenbinde befreit, staune ich deshalb noch mehr über die Geschicklichkeit der Spieler, die Sicherheit, mit der sie sich durch den Raum bewegen. Wichtig ist vor allem eines: Der Ball, in den kleine Rasseln eingenäht sind, muss in Bewegung bleiben. Zu weit weg darf er aber auch nicht rollen, denn sonst übertönen die vielfältigen Rufe der Spieler, der Torhüter, der Trainer und der Rufer am Spielfeldrand sein Rasseln. Die ersten Übungen drehen sich deshalb auch alle um die Ballbeherrschung. Beim Blindenfußball spielen in jeder Mannschaft vier Feldspieler und ein sehender Torwart. Von außen Anweisungen geben dürfen außerdem der Trainer und ein Rufer hinter dem gegnerischen Tor.

Magnetisch mit den Füßen verbunden

Sechs blinde oder stark sehbehinderte Spieler des Vereins mit dem Kürzel BBSV/LFC sind an diesem Abend durchs Schneegeriesel hinaus gefahren nach Lichterfelde, um zu trainieren. Mit der Fußsohle treiben sie den Ball durch die Halle. Torschuss. Und wieder zurück. Die Bälle scheinen magnetisch mit den Füßen verbunden zu sein. Fast nie büxt einer aus. BBSV/LFC steht für „Berliner Blinden- und Sehbehindertensportverein / Lichterfelder Fußballclub“ – und für eine kleine Erfolgsgeschichte.
Die erzählt Reiner Delgado, der älteste in der Mannschaft und maßgeblich daran beteiligt, dass der Blindenfußball in Deutschland Fuß fasste. Der 47-Jährige war schon als Kind stark sehbehindert, seit vielen Jahren kann er nur noch Hell-Dunkel-Kontraste unterscheiden. Er konnte sich lange nicht vorstellen, dass Blindenfußball geordnet ablaufen und Spaß machen kann.

Aus seiner Schulzeit auf einem Gymnasium für Sehbehinderte kannte er den Sport. Permanent mussten die Spieler, die auf einem Bolzplatz kickten, den Ball im Gebüsch suchen. Das Spiel selbst lief chaotisch ab. „Lange dachte ich, so sieht das eben aus, wenn Blinde Fußball spielen“, sagt Delgado. Und blieb bei der Leichtathletik.

Bis er 2003 den Posten als Sportverantwortlicher beim Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) in Berlin übernahm. Da war Blindenfußball in Deutschland noch ein Fremdwort. 2004 wurde die Disziplin bei den Paralympics in Athen als Demonstrationssportart vorgestellt. Die Spiele liefen im deutschen Fernsehen. Der Ball kam ins Rollen: Mit dem Sozialverband Deutschland (SoVD) und dem Behindertensportverband organisierte der DBSV zur WM 2006 einen Workshop und ein Freundschaftsturnier. Seit 2008 gibt es eine Bundesliga, in der acht Mannschaften dieses Jahr wieder versuchen, dem Deutschen Meister Stuttgart den Titel abzujagen. Berlin wird mit Braunschweig zusammen antreten; wegen der geringen Spielerzahlen ist es beim Blindenfußball möglich, aus zwei Mannschaften ein Team zu bilden.

In Lichterfelde geht es nicht vorrangig um Leistung. „Das Soziale spielt eine viel größere Rolle beim Blindenfußball. Wir wollen spielen – und gemeinsam etwas erreichen“, sagt Trainer Moritz Klotz. Der 32-jährige Sportwissenschaftler hat auch eine Integrationssportausbildung absolviert und leitet die Mannschaft seit 2007. „Es gibt hier nicht so viel Konkurrenz, nicht so viel Ellenbogeneinsatz“, sagt er. Und in der Tat: Die Spieler setzen zwar häufig ihre Arme ein, halten sie im Zweikampf schützend vor den Körper. Doch sie benutzen sie mindestens so häufig, um sich zu umarmen oder eine Schulter zu klopfen. Es wird viel gelacht in der Halle. „Los, Reiner! Geh ran!“ ruft Co-Trainer Rupert Liedke aus dem Tor. „Keine Angst!“ „Doch!“ ruft Reiner, rückt aber doch näher an seinen Gegner heran. Alle lachen. Alle kennen diese Angst.

Ein rauer und lauter Sport

Denn trotz aller Schutzmaßnahmen und Unterschiede zum Fußball der Sehenden ist Blindenfußball ein rauer und lauter Sport. Wenn sich ein Spieler dem Ball nähert, ruft er: „Voy“, spanisch für „Ich gehe“. Das ist ein Gebot der Fairness: Selbst der geschickteste Dribbler kann den Ball nicht halten, wenn er den Gegner nicht in der Nähe weiß. Und es dient der Sicherheit: Zwar stoßen auch beim Blindenfußball häufig Spieler zusammen. „Aber es tut weniger weh, wenn man sich darauf einstellen kann“, erklärt Reiner Delgado. Der faire Einsatz der Stimme ist so wichtig, dass Missachtung sanktioniert wird: Wer sich nicht bemerkbar macht, foult. Die Gegner bekommen einen Freistoß.

Um ihre Köpfe zu schützen, binden sich die Spieler selbst gebaute Schutzringe um die Stirn. Die meisten sind aus Styropor-Rollen, die auf einen Faden gezogen sind. Außerdem tragen sie Augenbinden. Weil in Deutschland – anders als in internationalen Wettkämpfen – auch Sehbehinderte mitspielen dürfen, die nicht komplett erblindet sind, wird auf diese Weise für Chancengleichheit gesorgt. Alle sind auf ihre Ohren angewiesen.

Die drei jugendlichen Spieler des Lichterfelder Vereins treten heute gegen „die Alten“ an. „Voy! – voy! – hier! – links! Torwart! Torwart! Rüber!“ so geht es in einem fort, dazu quietschen die Sportschuhe, rasselt der Ball. Der typische Turnhallenhall verstärkt den Geräuschteppich. Ein Chaos für ungeschulte Ohren. Aber eine Hilfe für die Spieler. Warum sie nicht ständig gegen die Wände laufen, sondern immer kurz vorher stoppen, erklärt Seyhun Kara: „Sie machen es wie die Fledermäuse.“ Der Widerhall des Lärms hilft ihnen dabei, die Wände zu „hören“. Kara ist der Einzelbetreuer von Beyan, einem der jüngeren Spieler. Er bringt den 17-Jährigen jeden Donnerstag zum Training – und ist fasziniert von der fröhlichen Energie und dem Können hier: „Manchmal vergesse ich, dass die alle nicht sehen können.“


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