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Stadtbad Neukölln wird 100 Jahre alt: Früher kamen die Neuköllner zum Duschen

Das Stadtbad Neukölln wird 100 Jahre alt. Architekt Reinhold Kiehl entwarf dem Vorbild einer antiken Therme folgend ein Ensemble aus Stadtbad und Volksbibliothek.

Das Stadtbad Neukölln wird 100 Jahre alt. Architekt Reinhold Kiehl entwarf dem Vorbild einer antiken Therme folgend ein Ensemble aus Stadtbad und Volksbibliothek.

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Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Berlin -

Das größte Tohuwabohu löste der Drehorgelspieler aus. „Der brachte seinen Affen mit ins Stadtbad“, sagt Klaus Schaalburg. Das Tier wurde wild und hüpfte von Duschkabine zu Duschkabine. „Die Leute schrien durcheinander und versuchten, den Affen zu fangen.“ Irgendwann in den 1970er-Jahren sei das gewesen.

Schaalburg, heute 73 Jahre alt, schüttelt noch immer den Kopf, wenn er daran denkt. Der ehemalige Schwimmmeister steht im Eingangsbereich des Stadtbads Neukölln, dessen Wände Jugendstil-Gemälde zieren. Vierzig Jahre hat er hier gearbeitet, in einem der schönsten Bäder Deutschlands. Eine „Kathedrale des Badevergnügens“, wie die Berliner Bäder-Betriebe es stolz formulieren, und dennoch ein echtes Volksbad. Ein Wellness-Tempel für die Werktätigen, könnte man sagen, auch wenn bei der Planung von „Wellness“ noch nicht die Rede war: Vor 100 Jahren, am 10. Mai 1914, wurde das Bad eröffnet. Das Jubiläum wird an diesem Sonnabend groß gefeiert.

Schaalburg, der zuvor als Polizist in Hamburg gearbeitet hatte, trat 1964 seinen Dienst in Neukölln an. Er wollte nie in einem anderen Bad arbeiten, sagt er. Das Ambiente sei einfach beeindruckend.

Kuppel, Galerie und Säulen

Von außen sieht das massige Gebäude an der Ganghoferstraße aus wie eine Behörde. Doch wer drinnen die Tür zur großen Schwimmhalle aufstößt, staunt: Die Halle mit Galerie und Glasmosaiken wird von einem Tonnengewölbe überspannt, Travertin-Säulen ragen in die Höhe. Wie in einer Kirche endet die Halle in einer halbrunden Apsis mit Kuppel – nur, dass hier kein Altar steht, sondern zwei Walross-Skulpturen auf das 25-Meter-Becken blicken. Auch in der zweiten, kleinen Halle wandeln die Gäste zwischen Säulen. Dazu kommt der Thermenbereich mit Dampf- und Trockensauna sowie einem Wasserbecken unter einer mosaikgeschmückten Kuppel.

Die Pracht verblüfft auch, weil das Bad eigentlich einem einfachen Zweck dienen sollte: dass die Menschen sich säubern konnten. 1914 lebten viele Arbeiter in der damals selbstständigen Stadt Neukölln (die bis 1912 Rixdorf hieß). Kaum eine Wohnung hatte ein eigenes Bad. Um die Hygiene zu verbessern, wurden öffentliche Reinigungsbäder gebaut.

Doch Stadtbaurat Reinhold Kiehl, der das Bad entwarf, wollte keine schlichte Zweckbadeanstalt errichten. Dem Architekten schwebte ein Badetempel nach dem Vorbild der Kaiserthermen im antiken Rom vor. Für die große Schwimmhalle wählte er den Grundriss einer dreischiffigen Basilika. „Durch diese Bauweise ist das Bad einzigartig in Deutschland“, sagt Matthias Oloew, Sprecher der Bäder-Betriebe.

Oloew hat auch eine Erklärung, warum das Bad fürs Volk so grandios ausfiel: Das arme Neukölln wollte wohlhabendere Berliner anlocken und mit dem Bad sein Schmuddel-Image loswerden.

Mehr als zwei Millionen Reichsmark kostete das Bad, das nach Kiehls Ausscheiden 1912 von Heinrich Best fertiggestellt wurde. Die große Schwimmhalle stand den Herren, die kleine den Damen offen. Zum Angebot gehörten Duschen und Wannenbäder, elektrische Lichtbäder und Sonnenbäder auf dem Dach, sowie die Sauna und medizinische Bäder.

Bis Ende der 1970er-Jahre kamen noch immer viele Neuköllner, um hier zu duschen, sagt Klaus Schaalburg. Auch Knast-Freigänger, „herbe Typen“, wie der 73-Jährige sagt. Wenn es aggressiv zuging, sei seine Erfahrung als Polizist ganz gut gewesen. Samstags kamen viele türkische Familien und nutzten die Wannenbäder. Zum Schwimmen zogen Migrantinnen „den Badeanzug an, den es bei Karstadt gab“. Der keusche Ganzkörper-Anzug Burkini sei noch kein Thema gewesen.

Trotz Denkmalschutz änderte sich mit der Sanierung Anfang der 80er-Jahre einiges. Die Sonnenterrasse auf dem Dach sowie die Wannen- und Duschbäder verschwanden, ebenso die Umkleidekabinen am Rand der Schwimmbecken. Auch Original-Fliesen und Mosaike gingen verloren.

Doch ansonsten blieb die Pracht des Bades erhalten und lockt weiter viele Besucher an. Filmleute wie Tom Cruise, der hier Szenen für „Operation Walküre“ drehte, und weniger prominente Besucher. Viele sind Stammgäste. Auch Schaalburg kommt noch zweimal in der Woche.

Die Zukunftspläne der Bäder-Betriebe dürften ganz im Sinne des Erbauers Reinhold Kiehl sein. „Das Bad soll ein Wellness-Tempel sein“, sagt Betriebsleiterin Britta Decke. Schon jetzt setzt sie auf Wohlfühl- Angebote wie Mitternachtssauna oder Schwimmen bei Kerzenschein. Nach der Sommerpause sollen auch noch eine Sauerstoffsauna und eine Salzgrotte im Bad eröffnen.



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