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Stadtentwicklung Berlin: Der Alexanderplatz als Kunstwerk?

Hochfliegende Pläne: Der preisgekrönte Entwurf von Hans Kollhoff aus dem Jahr 1993 sieht am Alexanderplatz zehn 150 Meter hohe Türme vor.

Hochfliegende Pläne: Der preisgekrönte Entwurf von Hans Kollhoff aus dem Jahr 1993 sieht am Alexanderplatz zehn 150 Meter hohe Türme vor.

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Hans Kollhoff, Helga Timmermann

Berlin -

Bekanntermaßen hat sich der Philosoph und Kirchenvater Augustinus sehr profund mit dem Wesen der Zeit auseinandergesetzt. An einer Stelle seiner „Bekenntnisse“ heißt es: „Gegenwärtig ist hinsichtlich des Vergangenen die Erinnerung, gegenwärtig hinsichtlich der Gegenwart die Anschauung und gegenwärtig hinsichtlich der Zukunft die Erwartung“.

Am Berliner Alexanderplatz scheinen alle drei Kategorien auf merkwürdige Art zusammen zu fallen. Erinnerung, Anschauung und Erwartung bilden hier ein kaum zu entwirrendes Knäuel. Dabei ist die Umsetzung des so bildhaften wie berühmten Bebauungsplans von Hans Kollhoff – man kann es nicht anders sagen – von ultimativer Langsamkeit geprägt. Vor einigen Tagen nun hielt Nikolaus Bernau an dieser Stelle ein flammendes Plädoyer zu dessen Verteidigung. Das freilich darf nicht Unwidersprochen bleiben.

Worum geht es? Beim städtebaulichen Ideenwettbewerb sind 1993 die Architekten Hans Kollhoff und Helga Timmermann mit einem Entwurf siegreich hervorgegangen, in dem Innovation und Tradition ein enges Wechselverhältnis eingehen. Neu waren die Türme. Die Sockel hingegen stellen eine Reminiszenz an die „kritische Rekonstruktion“ des Straßenrasters von James Hobrecht (der Berlins ersten perspektivischen Bebauungsplan von 1862 entwickelte) und der Blockrandbebauung dar, wie sie mit der Internationalen Bauausstellung Berlin 1987 erfolgreich propagiert worden waren.

Die Vorstellung von zunächst dreizehn, später nur noch zehn Hochhäusern in einem räumlich geordneten, auf Hierarchie und Sichtbeziehungen bauenden Cluster in der City-Ost hat sich die Stadt Berlin zu eigen gemacht. Sie sah sich nachfolgend veranlasst, durch förmliche Bauleitplanung sowie städtebauliche Verträge – vermeintlich – feste Pflöcke eingeschlagen.

Neuanfang mit Türmen

Wie schon zu Zeiten der Weimarer Republik war der Alexanderplatz erneut zu einem Symbol geworden: Zur Chiffre für jenen nicht nur städtebaulichen Modernisierungsschub, der die deutsche Metropole bald nach Mauerfall und Wiedervereinigung ereilen sollte – im Guten wie im Schlechten. Das Bild eines atemberaubend aufragenden architektonischen Ensembles wurde als beispielloser urbaner Neuanfang gefeiert – als mutiger Versuch, einen durch die historischen Umstände leer gefegten städtischen Raum neu zu definieren.

Wenn Nikolaus Bernau – wie auch andere Autoren – Hans Kollhoffs durch das New York der 1930er-Jahre inspirierte Image von achtgeschossigen Sockelbauten, aus denen einzelne, 150 Meter hohe Türme emporwachsen sollen, als genau das passende Angebot für diesen Ort empfindet, dann vergisst er die Frage zu stellen, warum von der neuen Stadtkrone, vom Rockefeller-Center am Alex nichts zu sehen ist. Hält die Realität dem Plan nicht stand? Oder umgekehrt?

„Das, was Kollhoffs Plan niemals zugemutet wurde, ist der Abgleich mit der bestehenden Stadt“, meint Nikolaus Bernau. Stimmt. Doch es nützt wenig, auf stadträumliche Qualitäten zu fokussieren, und darüber Kategorien wie Nutzung, Soziales und gar Finanzierung zu vergessen. Ein organisiertes Gemeinwesen sollte in der Lage sein oder zumindest den Anspruch haben, seine Vorstellungen von Zeit zu Zeit zu überprüfen und gegebenenfalls neu zu justieren. Wie dabei die Entwicklungsziele kalibriert werden, hängt von vielerlei ab. Die Parameter können einschneidend sein (Braucht es eine neue Idee von Stadt?) oder verhältnismäßig simpel: Welches Maß an gestalterischer Freiheit soll bei bei der Neudefinition des Ortes gewährt werden?

Als zentrale Eigenschaft des Kollhoff’schen Entwurfs interpretiert Nikolaus Bernau, „dass Stadt mehr sein muss als die Einhaltung von Bebauungskanten und maximale marktwirtschaftliche Ausnutzung. Ihm ging und geht es um zwei Begriffe, die in der aktuellen Debatte vollständig fehlen: Gestaltungskraft und Schönheit der Stadt.“ Absolut richtig. Doch droht man in Schönheit zu sterben, wenn nicht zugleich – und vehement – die Realisierungsprobleme ins Visier genommen werden. Denn so intensiv die öffentliche Diskussion sich seit jeher um die Themen und Inhalte modernen Städtebaus gekümmert hat, so nachrangig geht sie der Frage nach dessen Mittel und Instrumente nach.

Sind Apparate sexy?

Welches Gewicht dem „methodischen Apparat“ und den besonderen Umständen zukommen, mit – und unter – denen eben diese Ziele und Programme erst umgesetzt werden können, scheint niemanden so recht zu interessieren. Ist wohl nicht so sexy. Allerdings zeigt ein Blick auf die einschlägige Historiographie, dass ambitionierte Projekte in der Regel wegen mangelnder Verfahrenssteuerung scheitern. Und dass der Verweis auf die bloße Überzeugungskraft der Konzepte eine doch recht hilflose Reaktion darauf ist.

Als er sich einmal mit dem Alexanderplatz der 1920er-Jahre beschäftigte, notierte Ernst Jünger: „Auf einem Platz entsteht leicht der Eindruck des Unentrinnbaren. Da ist kein Fortschreiten, sondern das Kreisen um einen Mittelpunkt, an dem der Dämon wacht.“ Wie wirkungsvoll der böse Geist hier agiert, zeigt sich übrigens auch daran, dass die spektakuläre Planung der Gebrüder Luckhardt aus dem Jahr 1928, die auf einen wahren Weltstadtplatz abzielte, ebenfalls ein Torso blieb. Dafür gibt es gute Gründe. Und der Anfang der 1990er-Jahre durchgeführte Wettbewerb markiert schließlich den Übergang von einer politisch motivierten, nicht-monetären Stadtentwicklung hin zu einer privaten, an Gewinn und Rendite orientierten Steuerung.

Die Developer und Immobilientrusts setzen seither die Maßstäbe, gesteuert von der Ellenbogenmentalität des internationalen Standortwettbewerbs. Der ungebrochene Glaube an Wachstum – an Einwohner, Wirtschaftskraft, Flächennachfrage und so weiter – stellt die Grundierung des Konzepts dar. Doch wie weit ist es damit her? Und soll die Gestaltung des Alexanderplatzes ein Widerschein jener Banker-Mentalität sein, die idealtypisch unter Baukultur bloß die Einheit von Baugenehmigung, Festpreis, Abnahme und Vollvermietung versteht?

„Mögen täten wir schon wollen, aber dürfen haben wir uns nicht getraut“: Dieses schräge Zitat des komischen Klassikers Karl Valentin bringt die aktuellen Debatten um den Alexanderplatz auf den Punkt. Alle wollen einen urbanen und lebenswerten Ort, mit überzeugender Raumbildung. Wenige tun etwas. Und was getan wird, passt nicht recht zusammen. Es gab gute Gründe dafür, dass Hans Kollhoff mit seinem Entwurf seinerzeit den ersten Preis gewann. Heute freilich gibt es mindestens ebenso gute Gründe, Kollhoffs Konzept auf den Prüfstand zu stellen. Was ja noch lange nicht heißt, auf städtebauliche Komposition zu verzichten.

Unser Autor ist in leitender Funktion beim Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (Bonn/Berlin) tätig. Er äußert hier seine persönliche Auffassung.