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Berliner Zeitung | Stadtforscher Klaus Brake: „Berliner kommen mit Veränderungen nicht klar“
08. September 2013
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Stadtforscher Klaus Brake: „Berliner kommen mit Veränderungen nicht klar“

Ausgehkiez Friedrichshain: Wie viele Berliner sich gegen Touristen wehren, findet Stadtforscher Klaus Brake bedenklich.

Ausgehkiez Friedrichshain: Wie viele Berliner sich gegen Touristen wehren, findet Stadtforscher Klaus Brake bedenklich.

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BLZ/Markus Wächter

Klaus Brake hat zum Interview in seine Wohnung in einer ruhigen Seitenstraße des Kurfürstendamms eingeladen. Wenn man die Wohnung des Stadtforschers betritt, versteht man auch, warum: Kein Ort ist besser geeignet, um über die Anziehungskraft der Stadt zu schreiben; hohe Decken, weiße Wände, Parkett, Flügeltüren. Von solch einer Altbauwohnung können die meisten Neuberliner nur träumen. Brake, der am Center für Metropolitan Studies der TU Berlin forscht, wohnt schon seit 16 Jahren hier. Er stellt eine Flasche und zwei Gläser auf den Tisch im Lesezimmer. „Mehr als Wasser gibt’s nicht.“

Herr Professor Brake, Sie befassen sich seit den Sechzigerjahren mit Stadtplanung in Berlin. Was ist Ihre Lieblingszeit?

Anfang der Achtzigerjahre rund um die Internationale Bauausstellung 1984 war eine sehr produktive Zeit in West-Berlin. Es gab ein Umdenken in der Stadtplanung. Nachdem jahrelang die Idee vorherrschte, weite Teile der Innenstadt abzureißen, sollte sie zum Wohnen nun erneuert und wieder attraktiv gemacht werden. Damals wurde in der südlichen Friedrichstadt mit Joseph Paul Kleihues und internationalen Architekten in der Berliner Blockstruktur neu gebaut und in Kreuzberg umgebaut. Hardt-Waltherr Hämer...

...der Planungsdirektor und spätere Ehrensenator der Universität der Künste......

setzte mit der Altbau-IBA auf eine behutsame Weiterentwicklung. Altbauten wurden saniert und entkernt, Innenhöfe begrünt, man verzichtete auf Umsiedlung und auf „Luxussanierungen“. Damals wurden vernünftige Formen entwickelt, es flossen Ideen aus den Debatten der Studentenbewegung ein.

Kommen wir in die Gegenwart: Schrumpft oder wächst Berlin?

Rein demografisch betrachtet wächst die Stadt nicht. Aber die Zahl der Zuzüge steigt deutlich. Wenn die Wirtschaft weiter tourt, Arbeitsplätze entstehen, dürfte sich dieser Trend verstetigen.

Aber die Menschen, die in den vergangenen Jahren nach Kreuzberg oder Neukölln zogen, kamen doch nicht wegen der Jobs, sondern wegen der billigen Mieten?

Dem würde ich widersprechen. Ich mache gerade eine Studie, warum die Kreativen glauben, in der Innenstadt sein zu müssen. Da werden die Mieten nicht als Erstes genannt. Sie kommen, weil Berlin in seiner Urbanität so anregend ist. Sie würden nie nach Berlin kommen, nur weil’s hier billig ist.

Was heißt Urbanität?

Es gibt Platz nicht nur zum Wohnen, sondern auch für Werkstätten und Läden. Alles ist leicht zu erreichen, man stößt dauernd auf Fremde und auf Ungewohntes. In solche vielfältigen Viertel wollen Kreative. Sie benötigen das für ihre Arbeit. Sie erahnen oft zwar, was sie tun wollen, wie Musik, Grafik, Mode, brauchen dazu aber Inspiration von außen, wie andere Menschen leben, sich verhalten, wie sie aussehen, was sie benötigen.

Aber die Kreativwirtschaft trägt nur 16 Prozent zu der Gesamtwirtschaftsleistung Berlins bei. Wird die Bedeutung überschätzt?

Die Kreativwirtschaft fasziniert, weil sie Frische und Vitalität vermittelt. Alle Städte reißen sich darum. In der Realität ist der Kreativsektor eher ein Durchlauferhitzer und bringt allein nicht so viel. Entscheidend für mich ist, dass es ein Bereich ist, in dem man auf neue Ideen kommt, ohne gleich einen Verwendungszusammenhang. Aber ich denke, dass vielleicht aus jedem zehnten Projekt etwas Neues, Größeres entstehen könnte. Wie die Spiele-Firma Wooga, die wächst jeden Monat um 10 bis 20 Beschäftigte, oder Mykita-Brillen, die haben inzwischen 18 Millionen Umsatz. Der Rest bleibt vielleicht klein oder geht auch wieder unter.

Man sollte nicht darauf hoffen, dass ein Weltunternehmen seine Zentrale nach Berlin verlagert?

Ich saß mal auf einem Podium, da meinte jemand, Berlin müsste Siemens zurückholen. Das ist blauäugig und auch kontraproduktiv, weil es dazu verleitet, auf Rettung von außen zu warten. Das erinnert an die alte Subventionsmentalität in West und Ost. Doch in den vergangenen Jahren ist viel passiert, die Politik hat Entwicklungs-Stärken identifiziert und verstanden, dass Berlin nur als Standort eine Zukunft hat, wo aus Wissen Arbeit generiert wird.

Im Moment explodieren aber die Mieten. Vielleicht ist die Stadt bald für die Kreativen nicht mehr interessant?

Das kann passieren. Es ist eine tragische Logik, dass Kreative sich selbst den Boden entziehen. Die Gebiete, wo sie hingehen, werden interessant und damit aufgewertet und teurer. In New York sind die Kreativen endgültig aus Manhattan raus. Noch ist in Berlins Zentrum innerhalb des S-Bahn-Rings noch Luft. Inzwischen ist Neukölln erobert, jetzt tauchen die Kreativen in Wedding und Moabit auf. Eine Aufwertung ist erst mal nicht schlecht, sie bedeutet zeitgemäße Nutzungen, aber ich finde, man müsste die Entwicklung besser steuern.

Wie kann man das steuern?

Man müsste ein Entwicklungskonzept für das Gebiet machen, welche Mischung aus Arbeiten und Wohnen man haben will, was fehlt an Infrastruktur. Gut wäre ein Agreement mit Gewerbetreibenden und Anwohnern, wie man bereits Ansässige mitnehmen kann. Es gibt zunehmend Menschen, die sich für bezahlbare Mieten und lebenswerte Kieze engagieren, auch materiell, in Genossenschaften etwa, das sollte der Senat stärken und unterstützen.

Nachdem der Senat jahrelang die Probleme ignoriert hat, steuert der Stadtentwicklungssenator Müller nun dagegen, will Ferienwohnungen verbieten, eine Mietbremse einführen. Bringt das was?

Da bin ich zwiegespalten. Man kann die Mietpreissteigerungen zwar deckeln, aber damit werden die Einnahmen der Eigentümer begrenzt und dann investiert keiner mehr, sondern steckt sein Geld lieber in andere, lukrativere Anlagen. Das Mietenproblem lässt sich nur durch Neubau lösen mit durchschnittlichem Ausstattungsniveau.

Aber das wollen die Bürger auch nicht. Überall, wo neue Bauprojekte geplant sind, wehren sich Initiativen, zum Beispiel am Tempelhofer Feld.

Ich denke, dass das Besondere dieses Raums für die Stadt verloren geht, wenn man ihn bebaut. Die Idee, dort eine Gartenausstellung zu machen, war schon Schwachsinn. Mir ist aber kein endgültiges Konzept für das Tempelhofer Feld bekannt. Das ist etwas, was mir in Berlin fehlt: Es gibt keine öffentlich wahrnehmbare Verständigung darüber, wie wir mit dem Wohnungsproblem umgehen wollen.

Aber wenn der Regierende Bürgermeister sagt, die steigenden Mieten seien normal und Marzahn und Frohnau auch schön?

Dann blendet er aus, dass der Spielraum zwischen Einkommen und Miete kleiner wird und dass wir die Mischung riskieren, die Berlin auch für Kreative attraktiv macht. Stattdessen kursieren angeblich sogenannte Berliner Listen, auf denen unerwünschte Bauprojekte aufgelistet werden. Außerhalb gilt das als typisch für Berlin, wie Debatten ausgetragen werden, die eine Seite beschwichtigt, die andere randaliert. Radikale Formen des Protests sind immer ein Symptom auch für mangelnde Kommunikation über den auch strategischen Stellenwert von Vielfalt in der Stadt. Wie wollen wir eigentlich leben – und vor allem arbeiten. Darüber müssen wir uns mitverantwortlich verständigen, das muss nicht von der Politik ausgehen, das können auch Bürgerinitiativen oder Stiftungen tun wie vorbildhaft etwa die Stiftung Zukunft Berlin. Das „Stadtentwicklungskonzept 2030“ könnte so gemeint sein, ist leider aber zu eng auf räumliche Aspekte fokussiert.

Früher träumten Angestellte vom Häuschen in der Vorstadt, heute zieht man entweder ganz aufs Land oder bleibt in den Innenstädten. Was ist passiert?

Die neue Stadtlust hat wenig mit Gefühl zu tun, sondern eher mit neuen Haushaltsstrukturen. Früher war es so: Der Ernährer, meistens der Mann, arbeitete in der Stadt, hatte geregelte Arbeitszeiten, die Frau kümmerte sich um Haushalt und Kinder und war im dünn besiedelten suburbanen Raum den ganzen Tag auf Achse. Inzwischen ist es eher so, dass beide arbeiten, die Arbeitszeiten sind flexibilisiert, es gibt Patchwork-Familien. Wenn die Frauenerwerbstätigkeit zunimmt, gibt es niemand mehr, der die Kinder herumfährt. Deshalb zieht man dorthin, wo es alles, was man braucht, nahebei gibt, Schule, Läden, Kita, U-Bahnen, Busse.

Wird Berlin dem Ur-Berliner immer fremder?

Es scheint so, dass die Berliner mit den Veränderungen der Stadt nicht so richtig klarkommen. Berlin ist an sich eine enorm offene Stadt. Deshalb ist es für mich erstaunlich, wie sich Berliner jetzt gegen ihnen Unbekanntes, manchmal auch gegen das Fremde wehren, das ist bedenklich. Hoch kommt das sogar im Umgang mit Touristen. Da braucht es auch eine Verständigung, über das Zusammenleben. Denn was soll aus Berlin werden, wenn sich solche Aversionen breitmachen. Wir sind eine Zuwanderungsstadt.

Wurde Berlin das falsche Image vermittelt: arm, aber sexy?

Wenn das heißt, hier könnt ihr machen, was ihr wollt, ja. Das hat Berlin auch nicht mehr nötig. Tourismus ist auch kein so beständiger wertschöpfender Wirtschaftssektor.

Sehen Sie eine Gefahr, dass sich die Innenstädte nur noch für die Reichen entwickeln?

Ja. Das ist eine Logik der Marktwirtschaft: Die ökonomisch und sozial Schwächeren werden immer nach außen gedrängt, das hat Marx schon für Manchester beschrieben. Bei uns war das nie so ausgeprägt wie mit „Banlieus“. In Berlin gibt es das bereits , dass sich Leute in Marzahn oder Spandau ballen, oft Hartz-IV-Empfänger, die nicht dort sein wollen und keine Perspektive haben. So produziert man Problemgebiete. Der sozialräumliche Zusammenhalt ist etwas, was typisch ist für europäische Städte. Berlin hat da was zu verlieren.

Gespräch: Sabine Rennefanz

Hier finden Sie alle Interviews der Serie Über Berlin Reden.