blz_logo12,9

Ständige Vertretung (StäV): Der Kardinal feiert mit

Die Wände der Ständigen Vertretung in Mitte sind mit zeithistorischen Fotos und Plakaten geschmückt. Ständige Vertretung hieß bis 1990 die Bonner „Botschaft“ in der DDR.

Die Wände der Ständigen Vertretung in Mitte sind mit zeithistorischen Fotos und Plakaten geschmückt. Ständige Vertretung hieß bis 1990 die Bonner „Botschaft“ in der DDR.

Berlin -

Ein prominenter Neu-Berliner findet zuweilen Trost in der Ständigen Vertretung (StäV) am Schiffbauerdamm, und zwar der aus Köln stammende Berliner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki. Er nutze die StäV bei Anfällen von Heimweh als „Notfall-Ambulanz für Rheinländer“, sagt er.

Auch mit dem evangelischen Landesbischof Markus Dröge hat er sich dort schon auf ein Kölsch getroffen. Vor 15 Jahren eröffneten die aus Bonn stammenden Gastronomen Friedel Drautzburg und Harald Grunert die StäV. Ein seither stets gut gefülltes Lokal, das obergäriges Kölsch-Bier und rheinische Gerichte wie „Himmel un Äd“ (gebratene Blutwurst mit Zwiebeln, Äpfeln und Kartoffelpüree) anbietet. Am Donnerstagabend feierten mehr als 800 Stammgäste das Jubiläum in der Kulturbrauerei. Kardinal Woelki hielt sogar eine Rede.

Auf ein Kölsch getroffen

In der Ständigen Vertretung biete er „politikbegleitende Gastronomie“, erläutert Betreiber Friedel Drautzburg. Er habe den Standort im Regierungsviertel zwar bewusst ausgesucht, biete aber längst nicht nur einen Anlaufpunkt für Politiker und Mitarbeiter von Bundestag und Ministerium. „Die haben sich mittlerweile auch auf andere Lokale verteilt, wo man sich diskreter zurückziehen kann“, sagte er.

Denn ein Hinterzimmer hat die StäV nicht zu bieten. Und viele Umzügler aus Bonn seien inzwischen in Rente. Schon zu Bonner Zeiten betrieb Drautzburg bekannte Kneipen, in denen vornehmlich SPD-Politiker und ihnen nahe Journalisten verkehrten. „Als mein Netzwerk nach Berlin ging, musste ich damals mit.“

Nur für eines hat er in Berlin kein Verständnis. Drautzburg lächelt maliziös. Die in der Hauptstadt weit verbreitete Tourismusfeindlichkeit ärgere ihn sehr. „Berlin lebt doch von den Touristen.“ Als Rheinländer sei er da toleranter. „Jeder Jeck es anders“, sei seine Lebens- und Geschäftsphilosophie. Das ist Rheinisch und bedeutet: Jeder Mensch ist anders und jeder hat irgendwo einen Spleen. Nebenbei weiß Drautzburg, 74, dass er selbst ganz gut lebt von den Touristen.

Eine Filiale am Flughafen

Mittlerweile vergeben Drautzburg und Grunert sogar Lizenzen an Gastronomen, die das „StäV“-Konzept übernehmen. In Hamburg, Hannover, Bremen oder auf Sylt gibt es Kneipen wie die StäV, wo es Kölsch gibt und Fotos der vergangenen 60 Jahre des politischen Geschehens hängen. Mancherorts dauert es länger als geplant: Im Flughafen BER in Schönefeld wartet der Caterer Wöllhaf darauf, eine StäV zu eröffnen.

„Auf die Lizenzgebühr müssen wir noch bis zur BER-Eröffnung warten“, sagt Grunert. Drautzburg, der einst gegen den Regierungsumzug an die Spree protestierte, lebt mit seiner 13-jährigen Tochter, Typ Berliner Göre, in unmittelbarer Nachbarschaft der StäV.