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Stars von nebenan : David Bowie, Iggy Pop und ihre Berliner Jahre

Thilo Schmied steht mit seinem Musikbus am 06.03.2013 in Potsdam (Brandenburg).

Thilo Schmied steht mit seinem Musikbus am 06.03.2013 in Potsdam (Brandenburg).

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dpa

Berlin hat manche Sehenswürdigkeit, die Hauptstraße im Stadtteil Schöneberg gehört sicherlich nicht dazu. Viel Autoverkehr, die üblichen Billigläden und eilige Passanten - hier gibt es bloß Alltag zu sehen. Und doch wird dieser Ort derzeit wieder ganz gezielt aufgesucht: von Musikfans und Rock-Nostalgikern. Denn vor rund 35 Jahren residierte in dieser völlig normalen Straße ein Held, einer der größten Stars in der Geschichte des Pop: David Bowie.

Mitte/Ende der 70er Jahre wohnte und arbeitete der Brite im doch ziemlich piefigen West-Berlin. Heute boomt die Metropole, gibt sich wieder weltstädtisch. Aber damals war die geteilte Stadt Berlin recht trostlos: noch gezeichnet vom Krieg, der Westen umringt von Mauer und Stacheldraht. Da pulsierte keine Kreativszene, stattdessen prägten Spießbürger, alliierte Soldaten und Freaks das Stadtbild, wie „Der Spiegel“ erzählt: „Eine Popszene, die der Rede wert gewesen wäre, gab es nicht.“ Jedenfalls nicht an der Oberfläche - im Untergrund tat sich künstlerisch allerdings sehr viel.

Bowie wusste das und kam im Sommer 1976, schon damals war er ein Weltstar. Vom „berühmtesten Zugezogenen West-Berlins“ sprach Tobias Rüther, ein Bowie-Kenner und -Biograf („Helden. David Bowie und Berlin“). Das Pop-Chamäleon ließ sich von der morbiden, aber auch erfrischend anderen Atmosphäre inspirieren.

Bis 1978 blieb Bowie in der Mauerstadt und schuf in dieser Zeit einige seiner größten Werke - die Alben „Low“ und „Heroes“. Zudem produzierte er „The Idiot“ und „Lust for Life“, die berühmten Platten seines Freundes Iggy Pop. Den heroinsüchtigen Exzentriker hatte es damals ebenfalls nach Berlin verschlagen. Der Amerikaner schrieb hier „The Passenger“, seinen größten Hit. Es ist, man glaubt es kaum, eine Hymne auf die Berliner S-Bahn.

Heute, 35 Jahre danach, flammt der Hype um die beiden berühmten Berlin-Gäste wieder so richtig auf. Denn Bowie hat nach fast zehnjähriger Pause ein neues Album veröffentlicht. „The Next Day“ erscheint offiziell an diesem Freitag (8. März), schon eine Woche zuvor waren 14 aktuelle Songs des mittlerweile 66-Jährigen als Stream im Internet zu hören.

Mit dem Fahrrad über die Potsdamer Straße

Es ist ein Alterswerk, das auch auf die glorreiche Zeit in Berlin zurückblickt. In der Ballade „Where Are We Now?“ besingt Bowie hymnisch diese Jahre, etwa die wilden Nächte im damaligen Schöneberger Tanzclub „Dschungel„ („Sitting in the Dschungel on Nurnberger Straße / A man lost in time near KaDeWe“). Auch die Teilung der Stadt und den Mauerfall 1989 verarbeitet er in dem melancholischen Lied.

In der Hauptstraße 155 hatte Bowie seine Wohnung - zusammen mit Kumpel Iggy Pop. Man kann das Domizil zumindest von außen besichtigen, es liegt im Vorderhaus, erster Stock. Gerade wieder zückt ein Mann seine Digitalkamera und macht ein Foto vom Haus. Ja, dort oben teilten sich David und Iggy sieben Zimmer. Ein Duo Infernale, der eine auf Heroin, der andere dem Kokain zugeneigt. Mit einem 600er Mercedes fuhren die Kumpels an den Wannsee, nach Ost-Berlin oder auch mal in den Schwarzwald. Oft radelten die beiden Popstars aber auch nur lässig die Potsdamer Straße entlang.

Der Tourist mit dem Fotoapparat kommt aus Belgien. In einem Mundwinkel hängt eine Zigarette, die Zähne sind gelb vom Nikotin. Dazu Dreitagebart, abgetragener Mantel. Der Mann sieht fast selbst aus wie ein Rockstar. Frage an den Passanten: Sind Sie Bowie-Fan? „Wer ist das nicht?“, fragt er zurück und lacht rau. Als gäbe es das gar nicht: Bowies Musik nicht toll zu finden.

Sightseeing beim Lokal „Neues Ufer“

Dann schlendert er weiter, vorbei am Lokal „Neues Ufer“ mit Regenbogen an der Außenfassade. Zu Bowies Zeiten hieß die Kneipe „Anderes Ufer“ und war das erste deklariert schwule Café in Berlin überhaupt. Bowie und Iggy Pop waren Stammgäste. Sie setzten sich sogar ans Fenster und zeigten demonstrativ Solidarität mit Schwulen, Lesben, Transsexuellen. Bowie freundete sich dort mit der transsexuellen Romy Haag an.

„Damals war das ein klares politisches Statement“, sagt Thilo Schmied. Der Berliner war seinerzeit zwar noch ein kleines Kind und wuchs zudem im Ostteil der Stadt auf. Trotzdem kennt sich kaum jemand so gut mit Bowies und Iggy Pops Schaffenszeit in Berlin aus wie Schmied. Der 39-Jährige mit dem Ziegenbart ist eine Art Fremdenführer für Musikfans, seit acht Jahren bietet er Spezialtouren durch die Hauptstadt an. Die Hausbesetzer- und Punkszene im Osten ist natürlich ein Thema. Oder die Loveparade und Berlins berüchtigte Techno-Clubs.

Abstecher zu den Hansa Studios

Fans von David Bowie und Iggy Pop führt Schmied dagegen in die legendären Hansa Studios am Potsdamer Platz. Hier, die Mauer und den Todesstreifen in Sichtweite, nahmen die beiden Künstler ihre Berliner Alben auf. Auch Depeche Mode, U2, Nick Cave, Nina Hagen, Die Einstürzenden Neubauten und andere berühmte Künstler produzierten später in den Hansa Studios. Eine Bildergalerie im Foyer zeugt von den prominenten Gästen.

Wenn es um David Bowie und seine Schaffenszeit in Berlin geht, ist meist von der sogenannten Berlin-Trilogie die Rede: also den drei Alben „Low“, „Heroes“ und „Lodger“, die er in Deutschland produziert haben soll. Tatsächlich waren es aber nur zwei: „“Lodger„ entstand in der Schweiz und in den USA“, erklärt Thilo Schmied.

Der Stadtführer hat noch eine Menge anderer „Anekdoten“ im Gepäck. Zum Beispiel soll Iggy Pop einmal ganze sechs Stunden in einer Berliner Telefonzelle eingesperrt gewesen sein. Auf seinen Touren erzählt Schmied gern und viel, darunter einiges vom Fach: Er ist gelernter Toningenieur, arbeitete jahrelang für Plattenfirmen und als Talentscout für die Musikindustrie.

„Er wirkte sehr schmal“

Als Bowie 1976 von Amerika nach Berlin kommt, liegen große Erfolge mit „Ziggy Stardust“, „Diamond Dogs“ oder „Station To Station“ hinter ihm. Irgendwie waren sie ihm auch zu Kopf gestiegen - in den USA litt der Musiker wohl unter Größenwahn und war schwer kokainabhängig. Zeitweise soll er sich von nichts anderem ernährt haben als von Milch, Marlboro-Zigaretten und Koks. Im Rausch wendet der Künstler sich dem Okkultismus zu und irritiert mit Faschismus-Theorien und öffentlichen Sympathiebekundungen für Adolf Hitler. Als Bowie endlich in Berlin eintrifft, ist er ein Wrack, wiegt kaum noch 50 Kilo.

„Er wirkte sehr schmal“, sagt Eduard „Edu“ Meyer. Der 69-Jährige war Tonmeister in den Hansa Studios und hat Bowies Berliner Alben mitproduziert. Später fungierte er als persönlicher Berater. Es gibt Bilder, die Bowie und Meyer zusammen bei der Arbeit in den Studios zeigen, darauf ist der gebürtige Ostwestfale sehr stolz. Aber auch für den Weltstar Bowie muss die Berliner Zeit etwa ganz Besonderes gewesen sein. „Für ihn war die Stadt einzigartig“, bestätigt Meyer.

Das fing schon damit an, dass es hier keine Sperrstunde gab, was Bowie und Iggy weder aus England noch aus Amerika kannten. „In Berlin haben sie dann manche Nacht durchgemacht“, erinnert sich Edu Meyer. Gerüchte von heftigen Exzessen im Aufnahmeraum kann er aber nicht bestätigen. „In dieser Richtung habe ich nichts erlebt.“ Doch es habe wohl Drogenkuriere gegeben, vor allem für die Partys. Und ob im „Dschungel“ oder im „SO36“ - es gab viele Partys. „Es war ein Trip“, sagte Iggys Ex-Freundin Esther Friedman kürzlich im „Zeit“-Magazin über die damaligen Jahre.

Berlin als Kontrastprogramm zu Los Angeles

Dennoch werden die Jahre in der Mauerstadt insgesamt eine Zeit der Erholung. Gerade Bowie scheint das graue Berlin im Vergleich zum grellen Los Angeles zu erden. Weniger Drogen, weniger Wahnsinn - „der Rockstar verwandelt sich in einen Künstler“ („Spiegel“). 1978 verlässt David Bowie Berlin, aber er bleibt der Stadt verbunden.

Im Juni 1987 kehrt er in die Hansa Studios zurück, allerdings nur um Edu Meyer und den anderen Freunden von früher Hallo zu sagen. Dann gibt er sein legendäres Konzert vor dem Reichstagsgebäude - direkt am Todesstreifen. Einige Lautsprecher sind nach Osten ausgerichtet, deshalb versammeln sich auch dort viele Fans. Bowie sagte einmal, dass er noch heute eine Gänsehaut bekomme, wenn er an diesen Tag denke. Zwei Jahre später wird der Eiserne Vorhang fallen.

Edu Meyer ist bis heute mit Bowie befreundet. Nach dessen Herzinfarkt 2004 war länger Funkstille, aber seit einiger Zeit schreiben sich die beiden wieder E-Mails. „Er antwortet kurz und knapp und unterschreibt mit D.B.“, sagt Meyer, der mittlerweile wieder in seiner Heimat in Ostwestfalen lebt.

Die Pop-Nostalgie reicht sogar bis dorthin, denn in Ostwestfalen musizieren auch die „Starmen“ - nach eigenen Angaben die „einzige David-Bowie-Coverband Deutschlands“. Nun wird die Gruppe einige neue Songs von „The Next Day“ in ihr Repertoire aufnehmen können. Auch Edu Meyer ist schon ganz gespannt auf das neue Album seines berühmten Freundes David Bowie. „Ich hoffe, er schickt mir eins.“ (dpa)