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Steigende Wohnungskosten in Kreuzberg: Kotti-Anwohner protestieren gegen Mietpreise

Protest mit Bretterbude und Trillerpfeife. Das Camp am Kottbusser Tor ist Tag und Nacht besetzt.

Protest mit Bretterbude und Trillerpfeife. Das Camp am Kottbusser Tor ist Tag und Nacht besetzt.

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Imago

Berlin -

Eine Bretterbude mitten auf dem Gehweg, die Wände zugepflastert mit Plakaten und Flyern. Darauf stehen Losungen wie „Die Miete ist zu hoch“ oder „Wir bleiben Innenstadt“. Ein Blumenstrauß steht auf einem langen Tisch, an dem türkische Frauen beim Tee sitzen.

Seit rund einem Monat gibt es in der Kreuzberger Admiralstraße, wenige Meter vom Kottbusser Tor entfernt, das Protestcamp der Mietergemeinschaft Kotti & Co. Die Idee ging von etwa 25 Leuten aus, überwiegend türkischen Frauen. Davor hatten sie Unterschriften gesammelt, ihren Wohnungsbaugesellschaften GSW und Hermes Briefe geschrieben – und als das alles nichts half, hatte eine die Idee mit dem Camp.

Sie wehren sich gegen steigende Mieten in den sozialen Wohnungsbauten am Kottbusser Tor, von denen Mieter in rund 8 000 Wohnungen betroffen sind. Es sind Frauen, die mit ihren Familien zum Teil schon seit Jahrzehnten mitten in Kreuzberg leben und fürchten, dass sie sich ihre Wohnungen bald nicht mehr leisten können.

Schicht nach Liste

Serhan Demir ist eine von ihnen. Sie hat sich gerade in Marzahn mit ihrem Mann und ihrer Tochter eine preiswerte Wohnung angesehen. Aber sie kann sich einfach nicht vorstellen, dort zu leben. „Ich bin in Kreuzberg verwurzelt“, sagt sie.

Seit 1978 wohnt die Frau mit dem grauen Kurzhaarschnitt in Kreuzberg. „Das hier ist unser Klein-Istanbul“, sagt sie. Ihre Warmmiete ist in den letzten beiden Jahren von 619 auf 916 Euro gestiegen. Die Demirs leben von Hartz IV wie so viele in der Gegend, und das Jobcenter übernimmt ab 1. Juli nur noch einen Anteil von 663 Euro für die 80 Quadratmeter große Wohnung der inzwischen privaten Wohnungsbaugesellschaft GSW in der Admiralstraße. Die Demirs wissen nicht, wie sie den Differenzbetrag von 253 Euro aufbringen sollen. „Mein Mann“, sagt Serhan Demir, „hatte eine Herz-Operation. Ich muss mich um unsere behinderte Tochter kümmern.“

Jeden Tag ist das Protestcamp besetzt, alle vier Stunden wechseln sich die Anwohner ab. Auch nachts ist jemand vor Ort. Auf einer Liste steht, wer welche Schicht übernimmt. Inzwischen machen auch die Männer der Frauen mit, die Kinder, andere Nachbarn.

Vieles hat sich verändert am Kottbusser Tor. Früher waren die türkischen Bewohner weitgehend unter sich, die Deutschen wollten nicht in den Sozialbauten rund um das Architekturmonstrum Kreuzberg Merkezi aus den 70er Jahren leben, das damals als NKZ, das Neue Kreuzberger Zentrum, bekannt war. Die türkischen Bewohner schufen sich am Kotti ihre zweite Heimat, eröffneten Gemüseläden und Imbisse. In den 80er Jahren zog die Hausbesetzerszene zu, in den Neunzigern kamen die Künstler.

Inzwischen wollen immer mehr Menschen in die Gegend ziehen, die Nachfrage nach Wohnungen lässt die Mieten steigen. Zahlreiche Bars haben dort aufgemacht. Abend für Abend strömen Touristen mit Bierflaschen in der Hand durch die Straßen rings um das Kottbusser Tor. In der Dresdener Straße kann man jetzt sogar Austern essen. „Der Stadtteil hat sich komplett verändert“, sagt Richard Stein. „In der Oranienstraße gibt es keinen einzigen Gemüseladen mehr.“

Stein kennt sich aus, er gehört zu den Betreibern der Bar Möbel Olfe im Komplex des Kreuzberg Merkezi – und auch zu den Machern des Café Südblock in der Admiralstraße gleich gegenüber dem Protestcamp. Die Betreiber des Café Südblock versorgen das Camp mit Wasser und Strom, sie haben den Demonstranten einen Samowar für Tee hingestellt und schicken auch mal Kellner mit Flammkuchen vorbei. Das Café Südblock steht irgendwie für das alte und das neue Kreuzberg. Tagsüber gibt es kostenlose Beratungen für Hartz IV-Empfänger, abends trifft sich die deutsche und die türkische lesbisch-schwule Szene zur Tunten-Gala oder zum Karaoke.

Im Kiez verwurzelt

Die 55-jährige Monika Otto sitzt fast jeden Tag im Café Südblock. Sie protestiert nicht mit, aber sie sagt, sie finde es gut, dass sich Widerstand gegen die Mieterhöhungen regt. Monika Otto lebt seit 20 Jahren am Kotti, in einer 48 Quadratmeter großen Ein-Zimmer-Wohnung in der Skalitzer Straße.

Die ausrangierte Badewanne auf ihrem Balkon, in der jetzt Geranien blühen, sei das Einzige, was die Wohnungsbaugesellschaft GSW seit ihrem Einzug erneuert habe, sagt sie. Noch bezahlt das Jobcenter ihre Miete, die inzwischen 461 Euro beträgt und eigentlich schon viel zu hoch ist für einen Hartz IV-Empfänger. „Wenn die Miete weiter steigt, weiß ich nicht, wie lange das noch gut geht“, sagt sie. Bei ihr greift aus gesundheitlichen Gründen eine Härtefallregelung. Sie zeigt ihre Unterarme, die sind mit Einstichnarben übersät. Monika Otto war drogenabhängig, saß wegen Drogen und Beschaffungskriminalität im Gefängnis, machte dort einen kalten Entzug und anschließend neun Monate stationäre Therapie. „Seit dem 22. Juni 1991 bin ich clean“, sagt die frühere Friseurin. Dabei habe ihr ein stabiles Umfeld sehr geholfen.

Wie Serhan Demir ist Monika Otto in ihrem Kiez verwurzelt. „Zweimal die Woche gehe ich für eine ältere Dame zum Einkaufen. Und wenn ich etwas Geld übrig habe, bringe ich den Junkies an der Reichenberger Straße ein Bier mit.“

Mit der Aufwertung des Kiezes kommen immer weitere Zuzügler. „Familien ziehen aus, WGs ziehen ein, weil sie sich die Mieten eher leisten können“, sagt Alexander Kaltenborn. Der 43-jährige Inhaber eines Grafikdesignbüros gehört zu den Organisatoren von Kotti & Co. Er wohnt seit 23 Jahren in Kreuzberg, seit vier Jahren in der Admiralstraße. Er sagt: „Ich bin einer der Besserverdienenden hier.“ Wobei das relativ ist. Sein Einkommen schwankt zwischen 1500 und 2000 Euro im Monat. Dass er mittlerweile 960 Euro Warmmiete für seine knapp 100 Quadratmeter große Wohnung bezahlen muss, falle auch ihm nicht leicht. „Inzwischen werden die Mieten nicht nur für die Armen unbezahlbar, auch die untere Mittelschicht ist betroffen.“

Lärm-Demo am Sonnabend

Die Mieten im sozialen Wohnungsbau werden nach Abbau der Förderung jedes Jahr um 13 Cent pro Quadratmeter erhöht. Hinzu kämen Instandhaltungspauschalen und Betriebskosten, sagt Kaltenborn. Vor allem die Wohnungsbaugesellschaft GSW würde diese Kosten bei Vertragsabschluss zu niedrig ansetzen. „Im ersten Jahr übernimmt bei Hartz IV-Empfängern das Jobcenter anstandslos eine niedrige Nachzahlung. Dann kommt die Erhöhung.“ Die GSW will sich auf Anfrage dazu nicht äußern.

Die Mietergemeinschaft Kotti & Co fordert vom Senat, für das Kottbusser Tor und alle anderen „problematischen Großsiedlungen“ in Berlin die Kappungsgrenze für Mieten von vier Euro netto kalt pro Quadratmeter einzuführen. Der soziale Wohnungsbau solle rekommunalisiert werden. Die Wohnungsbaugesellschaften – seit Jahrzehnten mit Millionenbeträgen subventioniert – müssten endlich wieder bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung stellen, sagt Kaltenborn. „Es ist absurd, dass die Jobcenter die Mieten im sozialen Wohnungsbau nicht mehr bezahlen können.“

Für Sonnabend ruft die Mietergemeinschaft Kotti & Co erneut zu einer „Lärm-Demo“ mit Kochtöpfen und Trillerpfeifen gegen steigende Mieten auf. Es wird die fünfte Demo seit Bestehen des Camps sein, immer mehr Menschen machen mit. Vor einer Woche kamen 700 Unterstützer. Wie lange es das Protestcamp in der Admiralstraße noch geben wird, ist offen. „Wir machen weiter, bis unsere Mieten gesunken sind“, sagt eine Türkin.