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Stille Straße: Die Alten sind wieder kampfbereit

Klare Ansage: Im Juni 2012 besetzten Senioren ihren Freizeittreff in der Stillen Straße. 112 Tage hielten sie durch.

Klare Ansage: Im Juni 2012 besetzten Senioren ihren Freizeittreff in der Stillen Straße. 112 Tage hielten sie durch.

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BLZ/Markus Wächter

Das Ergebnis liegt vor: 848.000 Euro für eine Faust-Inszenierung mit der Musik von Herbert Grönemeyer, 30.000 Euro für die Sanierung einer mittelalterlichen Fassade im Museumsdorf Düppel, 400.000 Euro für den Sport-Gesundheitspark im Olympiadorf. Über 24?Millionen Euro hat der Stiftungsrat der Lotto-Stiftung Berlin bei seiner dritten Ausschüttung in diesem Jahr für insgesamt 38 Projekte bewilligt – für das Gemeinwohl, betont die Lotto-Stiftung.

Doch die Senioren in der Stillen Straße 10 in Pankow sind zum zweiten Mal leer ausgegangen bei dieser Ausschüttung. 800.000 Euro hatten sie beantragt, damit die alte Villa aus den 30er Jahren endlich barrierefrei erreichbar ist, den strengen Regeln des Brandschutzes entspricht und ein zweiter Rettungsweg eingebaut werden kann. Ohne diese Umbauten hat der Seniorenfreizeittreff keine Perspektive. „Wir sind alle sehr enttäuscht. Die Entscheidung der Lotto-Stiftung ist uns allen unverständlich“, sagt Eveline Lämmer vom Vorstand des Fördervereins Stille Straße 10.

Weltberühmte Senioren

Nun ist diese Einrichtung nicht irgendein Rentnertreff in dieser Stadt. Die Senioren dort haben es, so kann man sagen, zu Weltruhm gebracht. Vor zwei Jahren besetzten sie 112 Tage lang ihren Freizeittreff. Sie schliefen auf Matratzen am Boden und protestierten so gegen die Schließung ihrer Einrichtung, die der Bezirk Pankow zuvor beschlossen hatte. Denn für die errechnete 2,3 Millionen Euro teure Sanierung des Hauses hatte der Bezirk kein Geld.

Etliche Menschen und politische Gruppen weltweit solidarisierten sich mit den Wutrentnern aus der Stillen Straße. Ihre Besetzung war erfolgreich. Die Berliner Volkssolidarität erklärte sich bereit, die Begegnungsstätte zu erhalten, der Bezirk ist bereit, das Haus und das Grundstück per Erbbaurechtsvertrag an die Volkssolidarität zu übergeben. Die Kosten für die nötigen Umbauarbeiten, auch die Heizung und die Toiletten müssen erneuert werden, liegen bei etwa 2 Millionen Euro.

"Billige Retourkutsche"

Doch ohne Fluchtwege und zweiten Rettungsweg darf die Volkssolidarität die Villa nicht als öffentliche Einrichtung weiterbetreiben. Und so hatten sich der Bezirk Pankow und die Senatssozialverwaltung ausdrücklich für eine Förderung durch die Lotto-Stiftung eingesetzt. Doch am vergangenen Donnerstag entschied der Stiftungsrat, der Antrag zur Sanierung der Stillen Straße sei nicht prioritär. Zum Gremium gehören der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), der Fraktionschef der SPD-Fraktion Raed Saleh und Arbeitssenatorin Dilek Kolat (SPD). Die Entscheidung zur Stillen Straße sei mehrheitlich gefallen, heißt es.

Stefan Liebich, Pankower Bundestagsabgeordneter der Linken im Bundestag, sieht in der Entscheidung des sechsköpfigen, SPD-dominierten Gremiums eine „billige Retourkutsche“. „Das ist ein mieser Tritt gegen bürgerschaftliches Engagement“, sagt er. Denn es waren vor allem Linkspolitiker wie Bundestagsfraktions-Chef Gregor Gysi und Liebich, die sich öffentlich mit den Besetzern solidarisierten. Pankower Politiker anderer Parteien sahen in den Senioren die alte DDR-Nomenklatura und Linkswähler. Und auch durch die Vorsitzende der Volkssolidarität wurde der Vorwurf verstärkt, die Stille Straße sei ein „Projekt der Linken“. Heidi Knake-Werner war von 2002 bis 2009 Senatorin der Linkspartei in Berlin.

Die Senioren denken nach der Entscheidung der Lotto-Stiftung nicht ans Aufgeben, sie fühlen sich jetzt wieder so kämpferisch wie einst. „Wir werden das Haus nicht verlassen. Wir haben auf Kampf umgeschaltet“, sagt Eveline Lämmer, die auch zum Bezirksvorstand der Linken in Pankow gehört.