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Streit um Finanzierung: Kirche kündigt Obdachlosenambulanz

Die Obdachlosen aus der Unterkunft des evangelischen Gemeindehauses müssen nun wieder auf der Straße schlafen.

Die Obdachlosen aus der Unterkunft des evangelischen Gemeindehauses müssen nun wieder auf der Straße schlafen.

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dapd

Noch im November zu Beginn der Kältesaison riefen die Sozialverbände und insbesondere die Kirchen zu gemeinsamen Anstrengungen in der Obdachlosenarbeit auf. Es fehlt vor allem an Geld und geeigneten Räumlichkeiten für Notübernachtungen. Doch wenn es konkret wird, dann möchten zumindest die Protestanten längst nicht mit jedem gegen die Armut ankämpfen. Eine Zusammenarbeit mit den Humanisten jedenfalls lehnt die evangelische Kirche ab.

Konkret unterhält die MUT Gesellschaft für Gesundheit mbH, eine Tochterunternehmung der Ärztekammer, am Ostbahnhof eine Ambulanz. Unter anderen hatte hier einst die bekannte Obdachlosenärztin Jenny de la Torre gearbeitet. Jeden Öffnungstag werden hier bis zu 30 Kranke medizinisch versorgt, sie können sich duschen oder erhalten saubere Kleidung. Jetzt aber hat die MUT offensichtlich aus Finanznot kurzfristig einen neuen Träger gesucht und ihn gefunden. Der Humanistische Verband HVD soll hier wie auch für drei weitere MUT-Standorte die Geschäfte leiten.

„Das ist ein komplizierter Prozess. Die Träger sind auf öffentliche Zuwendung angewiesen, also müssen wir das auch mit den Senatsstellen, Bezirksämtern oder Jobcentern abstimmen. Wir haben von allen eine Zustimmung für den Trägerwechsel ab Januar 2013 gehabt“, erklärt Manfred Isemeyer, Geschäftsführer beim HVD. Dann aber hat ausgerechnet die Kirche einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Denn die Obdachlosenambulanz befindet sich in den Räumlichkeiten eines evangelischen Gemeindehauses. Wie aus heiterem Himmel kam die Kündigung. „Das Kirchliche Verwaltungsamt hat relativ kurzfristig abgelehnt, dem HVD einen Mietvertrag anzubieten“, sagt Isemeyer. Der MUT sind nun zum 31. Juli 2013 die Räume an der Stralauer Straße gekündigt worden.

Die Kirchenvertreter wiederum geben sich überrascht, dass die MUT ohne Rücksprache auf den HVD als neuen Geschäftsträger setzt. Denn mit Humanisten könnten die Protestanten auf gar keinen Fall zusammenarbeiten, weil der HVD kirchenfeindlich sei. „Die Mitglieder des Humanistischen Verbandes treten dafür ein, die Dominanz der christlichen Kirchen einzudämmen. Das ist ein anti-kirchliches Ziel und macht eine Zusammenarbeit schwierig“, sagt Volker Jastrzembski, Sprecher der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.

Auch wenn man auf Mieteinnahmen angewiesen sei, so könne die Kirche nicht einfach jedem ihre Räumlichkeiten zur Verfügung stellen. Auch die Einrichtung eines Bordells oder einer Waffenfabrik, eine Vermietung an Links- oder Rechtsradikale schließe die kirchliche Grundordnung aus. „Es handelt sich um den Spezialfall eines Gemeindehauses. Da ist ein Schaukasten dran, es wird zu Gottesdiensten eingeladen. An der Fassade prangt ein mehr als drei Meter großes Kreuz. Da sind die Maßstäbe für uns strenger als bei einer normalen Immobilie“, erläutert Ralf Nordhauß, Leiter des zuständigen Kirchlichen Verwaltungsamtes Berlin Mitte-Nord.

Die evangelische Kirche will zwar weiterhin die Arbeit der MUT unterstützen, aber nur, wenn sie etwa einen diakonischen oder zumindest einen aus Sicht der Kirche weltanschaulich korrekten Träger finden kann. HVD-Geschäftsführer Manfred Isemeyer kann das nicht nachvollziehen: „Wir leben mit den Kirchen nicht in Feindschaft. Wir haben erwartet, dass es in der Arbeit mit Obdachlosen um die Menschen konkret geht und dass unterschiedliche weltanschaulich-religiöse Auffassungen dabei in den Hintergrund zu treten haben.“