15.12.2011

Stromausfall: Gefangen in der S-Bahn

Von Claudia Fuchs und Peter Neumann
Gegen 13 Uhr am S-Bahnhof Alexanderplatz: Die S5 muss evakuiert werden.
Gegen 13 Uhr am S-Bahnhof Alexanderplatz: Die S5 muss evakuiert werden.
Foto: Gerd Engelsmann

Es war der wohl folgenschwerste Stromausfall in der Geschichte des Verkehrsunternehmens: Wir erzählen, wie Fahrgäste und andere Betroffene das S-Bahn-Chaos am Donnerstag erlebten.

„Ist ja wie in der DDR“, murmelt die ältere Dame mit dem Pagenkopf, als die S 45 um 11.43 Uhr kurz hinterm S-Bahnhof Köllnische Heide mit einem kleinen Ruck auf freier Strecke hält. Der Mann ihr gegenüber, ein Dicker mit Schnauzbart, schüttelt den Kopf. „Nix DDR, da fuhr die Bahn wenigstens.“ Es bleiben nicht die einzigen Sätze, die der Mann und die ihm unbekannte Frau an diesem Tag miteinander wechseln: Ganze 105 Minuten lang sind die beiden im Wagen gefangen. Der Zug steht, die Türen sind zu, Infos gibt es keine. „Das ist Freiheitsberaubung“, sagt der Dicke irgendwann, die Frau nickt.

Pleiten, Pech und Pannen

Es gibt schönere Dinge, als Fahrgast oder Chef der S-Bahn zu sein. Das Unternehmen kämpft mit Problemen.

Zu wenig Züge: Eigentlich wollte die S-Bahn am Jahresende wieder 80 Zwei-Wagen-Züge der Baureihe 485 betreiben, von denen viele jahrelang auf Abstellgleisen gestanden hatten. Doch derzeit ist nicht einmal die Hälfte in Betrieb, hieß es.

Zu wenig Personal: 50 Fahrer fehlen. Außerdem gibt es viele Krankmeldungen – am Mittwoch war ein Zehntel des Fahrpersonals krank.

Angst vor dem Winter: Neue Bremssandanlagen funktionieren nicht immer so wie gewünscht. Betroffene Züge dürfen nur Tempo 60 fahren.

Mehrere hunderttausend Fahrgäste werden am Donnerstag zu Leidtragenden des wohl folgenschwersten Stromausfalls in der Geschichte der Berliner S-Bahn. Die Betriebszentrale Halensee ist seit 11.45 Uhr ohne Elektrizität. Laut DB geschah es bei Wartungsarbeiten, andere sprechen von einer verunglückten Notfallübung. Wie dem auch sei: Telefone bleiben still, Bildschirme dunkel, die Internetseite der S-Bahn ist unerreichbar.

Auf den meisten S-Bahn-Strecken springen die Signale auf Rot – auch auf der Stadtbahn, wo Fahrer M. gerade auf einen Bahnhof zufährt. „Mit einem Zug, der zu 100 Prozent gefüllt ist“, wie er später am Handy erzählt. Ein rotes Signal ist auf der stark befahrenen Ost-West-Strecke nicht ungewöhnlich. Aber anders als sonst wechselt die Farbe nicht wieder.

„Es ist immer noch Rot“, sagt er knapp eine Stunde später. „Langsam werden die Fahrgäste rebellisch.“ Er hat Angst, dass sie die Nothebel umlegen, Türen öffnen und aussteigen. Von einem Kollegen hört der Fahrer, dass im Nord-Süd-Tunnel inzwischen die ersten S-Bahnen evakuiert werden.

Stromausfall: Berliner S-Bahn-Verkehr zusammengebrochen

Bildergalerie ( 34 Bilder )

Die etwa 30 Reisenden im dritten Wagen der S 45 zwischen den Bahnhöfen Köllnische Heide und Neukölln wissen davon nichts. Sie schweigen, schauen aus dem Fenster, warten. Die Bahn steht, kann ja mal vorkommen. Dann, eine Viertelstunde nach dem plötzlichen Stopp, meldet sich der Fahrer. Er sächselt. „Liebe Fahrgäste, wegen einer Signalstörung können wir zurzeit nicht weiterfahren.“ Wenig später meldet er sich erneut, er spricht langsam und deutlich: „Wegen eines Totalausfalls – eines Stromausfalls – ist zurzeit kein Verkehr möglich. Bitte verlassen Sie nicht den Zug.“ In Wagen drei der S45 will zu diesem Zeitpunkt niemand aussteigen. Noch nicht.

Woanders schon. „Unsere Kollegen mussten mehrmals tätig werden, weil Fahrgäste auf freier Strecke ausstiegen und sich im Gleisbereich aufhielten“, berichtet Meik Gauer von der Bundespolizei. Immerhin ist der Strom abgestellt.
In Wagen drei der S 45 ist ein großer Mann aufgestanden, er spricht leise vor sich hin, läuft auf und ab, flehentlich blickt er die Insassen an. „Brauchen Sie Hilfe“, fragt eine Frau. „Ja, ich muss ins Heim, da gibt es Mittag, aber ich hab kein Telefon.“

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