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Berliner Zeitung | Stromnetzausbau in Berlin: Mehr bauen - aber mit weniger Baustellen
20. January 2016
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Stromnetzausbau in Berlin: Mehr bauen - aber mit weniger Baustellen

Rot-Weiß Berlin. Solche Hindernisparcours sollen durch bessere Baustellenkoordination seltener werden.

Rot-Weiß Berlin. Solche Hindernisparcours sollen durch bessere Baustellenkoordination seltener werden.

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BLZ/Engelsmann

Dass das wachsende Berlin in seine Infrastruktur investieren und bauen, bauen, bauen muss, ist den meisten Berlinern klar. Trotzdem grummeln viele, wenn sich auf ihrem Weg zur Arbeit und nach Hause schon wieder eine stauerzeugende Straßenbaustelle auftut, in der Strom-, Wasser-, Fernwärme- oder Telefonleitungen in die Erde versenkt werden.

Thomas Schäfer, Chef der Stromnetz Berlin GmbH, machte am Mittwoch Hoffnung darauf, dass man die Berliner Ver- und Entsorgungsnetze künftig in Schuss halten kann, ohne ganze Straßenzüge unnötig lange mit rot-weißen Absperrgittern lahmzulegen. Denn die rund 1,6 Milliarden Euro, die die Stromnetz Berlin in den kommenden zehn Jahren in Pflege und Modernisierung des Berliner Stromverteilnetzes stecken will, sollen in enger Abstimmung mit den anderen Infrastrukturunternehmen Berlins verbaut werden, zu denen unter anderem die Netzgesellschaft der Gasag, die Wasserbetriebe, die BVG oder die Straßenbeleuchtungsfirma Alliander gehören.

Bessere Abstimmung

Dazu haben die beteiligten Firmen soeben eine verpflichtende Übereinkunft unterschrieben, wonach man alle geplanten Bauvorhaben auf Straßenland in einen elektronischen „Baustellenatlas“ eintragen will, der von der Firma Infrest (einer Gasag-Tochter) entwickelt und seit September 2015 getestet wurde. Jetzt beginnt der Normalbetrieb. Der Informationsaustausch soll möglichst verhindern, dass eine Straße mehrfach hintereinander aufgerissen wird, weil jeder Versorger individuell und ohne Rücksprache mit den anderen seine Leitung verlegt.

Für die Nutzung der Infrest-Plattform müssen die Vertragspartner eine Gebühr bezahlen, man hofft aber auf erhebliche Einsparungen durch Synergien in der Baustellenkoordination. In dem digitalen Atlas sind bereits rund 5 000 Baustellen eingetragen. Der Senat begrüßt die Infrest-Initiative, an die aber keine Dienststelle des Landes Berlin angeschlossen ist. Das Land Berlin betreibt bereits eine eigene Baustellenplattform, das Verkehrsinformationssystem Straße (VISS). Es soll perspektivisch mit Infrest verknüpft werden.

Für 2016 kündigte Stromnetz-Chef Schäfer eine Rekordinvestition von 167 Millionen Euro an, wovon gut die Hälfte für Erhalt und Modernisierung des Stromnetzes eingeplant sind. So müssen Kabel ausgetauscht werden, die teilweise ein halbes Jahrhundert alt sind, außerdem sollen bis 2024 alle Niederspannungsfreileitungen stadtbildschonend unter die Erde verlegt werden. Ein weiteres Viertel des Geldes wird gebraucht, um neue Leitungen und Trafos für die neu entstehenden Siedlungen und Wohnungen im wachsenden Berlin zu installieren.

Der Rest fließt in die Digitalisierung des Netzes, die Vattenfall schon lange betreibt. Dabei geht es unter anderem darum, über ein Smart Grid die wachsende Zahl dezentraler Stromeinspeisungen, vor allem durch Blockheizkraftwerke, sinnvoll in das Netz zu integrieren, das derzeit von 450 Stromanbietern genutzt wird. Außerdem soll die Fernsteuerung der Schalteinrichtungen weiter ausgebaut werden, so dass bei Störungen defekte Trafos oder Schalteinrichtungen per Mausklick in der Leitwarte vom Netz genommen werden können.

Umsonst gibt es das alles nicht. Schäfer rechnet mit „moderaten Steigerungen“ des Netzentgelts, das mit der Stromrechnung gezahlt wird. Unzufrieden äußerte er sich über den schleppenden Gang des Konzessionsverfahrens für das Stromnetz, das die Vattenfall-Tochter weiter betreiben will. Er erwarte, dass der Senat den nächsten Verfahrensschritt organisiere, so Schäfer.