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Studenten sorgen für Boom von Mini-Wohnungen

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Die rund 400 Wohnungen im DDR-Plattenbau, heute Quartier 216 genannt, sind begehrt. Sie kosten 427 Euro warm.

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Berliner Zeitung/Markus Wächter

Acht Leute stehen im Eingangsbereich eines Plattenbaus in Lichtenberg, eine junge Frau liest sich die Aushänge am schwarzen Brett durch. Ein Bewohner wird dort aufgefordert, seine vom Hausmeister eingesammelten Kartons zu entsorgen. Hier achtet man auf Ordnung, das ist gut zu wissen für die Wartenden. Immerhin ist es möglich, dass einer der mehr als 400 Briefkästen, vor denen sie ausharren, bald ihren Namen trägt.

Der Hausverwalter ist optisch nicht von den Interessenten zu unterscheiden. Er bittet in den Flur und weiter in eine Vorführwohnung im Erdgeschoss. Das improvisiert aufgestellte Mobiliar soll einen Eindruck liefern, was man auf 35 Quadratmetern machen kann, sagt er. Es gibt eine einfache Küchenzeile und ein abgetrenntes Bad, trotz Nordausrichtung ist die Einzimmerwohnung hell, der Blick unverbaut. Allerdings guckt man auf die sechsspurige Frankfurter Allee, deren Verkehrsrauschen durch die geschlossenen Fenster dringt.

Grundriss-Studentenapartment

Ganz schön eng: Auf 16 Quadratmetern will das landeseigene Unternehmen Bad, Wohnbereich und Küchenzeile unterbringen. Gebaut wird ab Mai.

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Berliner Zeitung/Berlinovo

Investoren haben das frühere DDR-Bürogebäude zu einem Apartmenthaus umgebaut und es 2012 als Quartier 216 (Q216) eröffnet. Die Wohnungen sind begehrt, nicht mal ein Dutzend werden hier in den kommenden Wochen frei. Alle Apartments sind gleich groß, sie kosten 427 Euro im Monat warm, die Mindestmietzeit beträgt zwei Jahre. Zur ruhigeren Seite raus, wo Regional- und Fernzüge vorbeifahren, ist nichts zu haben. Im Stundenrhythmus folgen an diesem Tag drei weitere Besichtigungen.

Maximilian Gertz hat das Formular zur Selbstauskunft eingesteckt und will sich um eine Wohnung bewerben. Der 19-Jährige wohnt in einer Zweier-WG, aber das klappe nicht so gut. „Immer, wenn der andere nicht da ist, merkt man, wie schön es alleine ist“, sagt er. Seit ein paar Wochen sei er bereits auf der Suche, die WG-Wohnung ist gekündigt. Gertz studiert an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW), die mit dem Fahrrad keine zehn Minuten entfernt liegt. Das Quartier 216 habe eine gute Anbindung, S- und U-Bahn vor der Tür, „das gefällt mir gut“, sagt er.

Wohnheim mit Concierge

Damit ist der Student nicht allein. Besonders junge Leute setzen bei der Wohnungssuche neue Prioritäten. Gehörte ein WG-Zimmer in Kreuzberg früher zum guten Ton, ziehen Studenten heute freiwillig in eine Platte an einer vielbefahrenen Hauptstraße. Und in kleine Wohnungen. Hat die 100-Quadratmeter-Altbau-WG ausgedient?

„Studenten scheuen große Wohnungen nicht, weil sie Angst vor dem Putzen haben“, sagt Daniel Hofmann, Berliner Standortleiter des Gewos-Instituts für Stadt-, Regional- und Wohnforschung. „Ihnen geht es weniger um klein als um bezahlbar.“ In den 1990er-Jahren habe es ein Überangebot an Wohnungen gegeben, „da konnte sich jeder aussuchen, was er haben wollte“, sagt Hofmann. Kleine Wohneinheiten seien zusammengelegt worden, weil es für sie keine Nachfrage gab.

Dieses für Berlin einst typische Niveau habe sich lange gehalten. „Vor drei, vier Jahren hat auf dem Wohnungsmarkt dann eine Entwicklung begonnen, deren Ende noch gar nicht abzusehen ist“, sagt Hofmann. Menschen mit niedrigen Einkommen seien in Schwierigkeiten. „Wenn der Markt angespannt ist, wird der Kunde unkritisch“, sagt er. Momentan seien kleine Wohnungen besonders bei Studenten und Schulabgängern gefragt, die ins Berufsleben starten. Doch Hofmann prognostiziert, dass der Bedarf auch für andere Bildungs- und Altersschichten wachsen wird. Gründe sind vor allem gebrochene Erwerbsbiografien und die hohe Zahl an geschiedenen Ehen.

Vor drei Jahren hatte der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) 5000 neue Studentenwohnungen angekündigt. Passiert ist seitdem wenig. Dabei belegt das Land Berlin bei der Versorgungsquote mit öffentlich gefördertem studentischen Wohnraum bundesweit den letzten Platz. Die Lücke füllen bislang vor allem private Anbieter, allerdings zu teils hohen Mietpreisen. Der Bedarf schafft einen Markt, der Rendite und eine Vermietungsgarantie verspricht. Für den Neubau von Studentenapartments warb der Anbieter Studio B Anleger mit „einem höchst interessanten Immobilien-Markt mit ungebrochen hohem Wachstumspotenzial“.

Ein Blick ins Portal www.WG-gesucht.de erklärt, warum: Für 14 Quadratmeter in Schöneberg fordert eine Wohngemeinschaft 480 Euro, 520 Euro werden für 23 Quadratmeter in Wedding fällig, 490 Euro für 22 Quadratmeter in Kreuzberg. Diese Wohnung ist 200 Quadratmeter groß, man teilt sie sich mit drei Mitbewohnern.

WG-Mieten in dieser Höhe relativieren die Preise der privaten Wohnheime. Mindestens 500 Euro im Monat kosten 21 Quadratmeter in der Unterkunft „The Fizz“, Motto: „Living cum laude“. Zwar sind die 212 Einheiten schmucklos und in tristem Grau gestaltet und Nägel einzuschlagen ist wegen der Leichtbauwände verboten. Dafür lockt das Apartmenthaus mit zentraler Lage in Kreuzberg und Concierge, in der Halle hängt ein großer Beamer für Film- und Fußballabende, ein paar Meter weiter steht ein Kickertisch, der Getränkeautomat bietet Club Mate und Weizenbier. Es gibt einen Seminarraum zum Lernen, im Keller stehen Waschmaschinen, Trockner und eine Tischtennisplatte.

Mit Fahrradparkplätzen

Damit als Alternative zur teuren WG in Zukunft nicht mehr nur das teure Apartment bleibt, hat die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Berlinovo im vergangenen Sommer den Bau von mehr als 2500 Studentenapartments angekündigt. „Wir möchten ein Angebot für Studenten mit schmalerem Geldbeutel machen“, sagt Berlinovo-Sprecher Ulrich Kaliner. Aktuell sei man in Verkaufsgesprächen für den Erwerb von drei Grundstücken. Die ersten Objekte sollen in modularer Bauweise an der Prenzlauer Promenade, in der Storkower Straße zwischen Friedrichshain, Lichtenberg und Prenzlauer Berg entstehen.

Für das Objekt gegenüber vom S-Bahnhof Storkower Straße ist der Baubeginn im Mai vorgesehen, im Sommer 2017 sollen die ersten Studenten einziehen. Für 16 Quadratmeter einschließlich separatem Bad kalkuliert Berlinovo mit einer Monatsmiete von 315 Euro einschließlich aller Nebenkosten.

Die Pläne entsprechen dem Trend. Keine der drei Lagen zählt zu den In-Kiezen, aber alle haben eine gute Anbindung. Berlinovo und HTW haben 8500 Studenten gefragt, wie sie wohnen wollen. „Eindeutig präferiert werden danach die eigenen vier Wände“, sagt Kaliner. Schlicht, möglichst innerstädtisch, mit gutem Anschluss an den Nahverkehr. Die Studenten würden günstige Mieten, schnelles Internet und die sichere Unterbringung ihrer Fahrräder erwarten. „Dafür sind sie bereit, sich bei der Wohnfläche zu beschränken.“

Vom Q216 in Lichtenberg macht sich eine Frau Anfang 20 auf in Richtung U-Bahn. Sie wohnt hier seit einem Jahr mit einem Freund. Zu zweit auf so engem Raum, in nur einem Zimmer? Kein Problem, meint sie: „Er studiert, ich gehe arbeiten und abends sind wir eh unterwegs.“