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Studie der TU: Antisemitismus in Berlin: Jeder hat seine eigenen Zahlen

Gegen Antisemitismus wehren sich in Berlin Bürger und Organisationen – hier im Juli anlässlich einer Veranstaltung zum israelfeindlichen Al-Kuds-Tag.

Gegen Antisemitismus wehren sich in Berlin Bürger und Organisationen – hier im Juli anlässlich einer Veranstaltung zum israelfeindlichen Al-Kuds-Tag.

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dpa/Hannibal Hanschke

Etwa 40 durch Bund und Land geförderte Initiativen zum Thema Antisemitismus gibt es in Berlin. Polizei und Verfassungsschutz beobachten die Lage. Es gibt ein Antisemitismus-Monitoring und die Schulverwaltung führt ein Vorfallsverzeichnis. Ständig berichten Sozialarbeiter, Museumspädagogen und jüdische Organisationen von antisemitischen Vorfällen. Aber weder die Statistiken noch die Einschätzungen sind vergleichbar. Man weiß eigentlich gar nicht, wie antisemitisch Berlin nun wirklich ist.

Das Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität hat sich der Sache jetzt angenommen und eine Studie vorgelegt. Unter dem Titel „Antisemitismus als Problem und Symbol“ wurde die Lage in der Hauptstadt exemplarisch für ähnliche Phänomene in ganz Deutschland untersucht. Auf 140 Seiten listen die Forscher auf, wer sich in Berlin unter welchem Gesichtspunkt mit dem Thema befasst und zu welchen Ergebnissen das führt. „Wir fanden die Lage extrem unübersichtlich und haben deshalb untersucht, wie in Berlin Antisemitismus von staatlichen und zivilgesellschaftlichen Stellen untersucht wird. Wir haben also die Beobachter beobachtet“, sagt Michael Kohlstruck, einer der beiden Autoren der Studie.

Verwirrende Zahlen

Die Ausgangslage lässt sich ungefähr so zusammenfassen: Laut Polizeistatistik sind antisemitische Vorfälle in den vergangenen zehn Jahren in Berlin zurückgegangen. In den gleichen Zeitraum fallen aber gewalttätige Übergriffe wie jener auf den Rabbiner Daniel Alter im Jahr 2012, der eine große Verunsicherung in der jüdischen Gemeinschaft nach sich zog. Staatlich geförderte Initiativen und jüdische Organisationen reagierten alarmiert auf weitere Schmähungen und Attacken und sahen bereits eine neue Judenfeindlichkeit in der Stadt aufziehen. Was stimmt nun?

Die Forscher geben darauf keine Antwort. Sie machen aber klar, dass hier mit unterschiedlichen Brillen auf das Phänomen geschaut wird. Ein Beispiel: Während die Polizei im Jahr 2013 genau 192 Übergriffe gezählt hat, sind es bei der Beratungsstelle ReachOut nur acht. Die Erklärung dahinter ist einfach. Die Polizei zählt Delikte, die nach einem festgelegten Raster als Hasskriminalität eingeordnet werden. Dazu zählen auch Propagandadelikte. ReachOut beschäftigt sich ausschließlich mit regelrechten Angriffen, Propagandadelikte fallen nicht darunter.

Berlin wurde nicht zufällig Untersuchungsgegenstand, sondern wegen der großen Heterogenität der Sozialstruktur. Die hohe Zahl der Akteure zum Thema auf Landesebene, die Ost-West-Vereinigung innerhalb der Stadt, die Vergangenheit als Reichshauptstadt während der NS-Zeit, der große Anteil von Juden und muslimischen Migranten an der Bevölkerung – diese Aspekte beeinflussen nach Auffassung der Forscher Anzahl und Charakter antisemitischer Vorfälle und wurden in die Untersuchung einbezogen.

Antisemitische Einstellungen unter Muslimen nicht höher

Im Rahmen der Erhebung wurden mit 43 Akteuren Interviews geführt, ihre Veröffentlichungen sowie wissenschaftliche Studien flossen in die Untersuchung ein.

Ein Unterkapitel widmet sich antisemitischen Phänomenen unter jungen Muslimen, weil die Einschätzung vorherrscht, dass Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen weit verbreitet ist. Untersucht wurden also ihre Einstellungen und Argumentationen. Die Forscher sehen hier „ein mittelbares Gefährdungspotenzial“. Verbreitete Gleichsetzungen von Israel und Juden seien problematisch. Allerdings seien antisemitische, antiisraelische und antizionistische Einstellungen unter muslimischen Leuten nicht höher als in anderen Bevölkerungsteilen, sofern man soziale Merkmale wie Bildungsniveau und Einkommen in den Vergleich mit einbezieht.

Michael Kohlstruck und der zweite Autor Peter Ullrich haben eine Reihe von Thesen und Handlungsempfehlungen formuliert. So wünschen sie sich ein einheitlichen, übergreifenden und wissenschaftlichen Standards verpflichtetes Monitoring in Bezug auf Antisemitismus. Negativ wirke sich aus, dass ein großer Teil der Initiativen durch Wegfall von Fördermitteln nicht kontinuierlich arbeiten könne. Über antisemitische Phänomene müsse präziser gesprochen werden, um entscheiden zu können, ob es sich tatsächlich um antisemitische Gewalt handelt.