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Stummfilm-Organistin am Babylon: Deutschlands einzige feste Kino-Organistin

Anna Vavilkina an der Orgel, montiert in eine Szene aus dem berühmtesten aller deutschen Stummfilme, Fritz Langs „Metropolis“

Anna Vavilkina an der Orgel, montiert in eine Szene aus dem berühmtesten aller deutschen Stummfilme, Fritz Langs „Metropolis“

Foto:

Christian Schulz/Murnau-Stiftung

Berlin -

Anna Vavilkina sitzt im leeren Foyer des Kinos Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz und hält sich fest. An sich selbst, an der Sitzfläche ihres Stuhles. Die 35-Jährige mit dem kurz geschnittenen braunen Haar verhakt ihre Finger zu einem komplizierten Geflecht. Sie ist schüchtern, und so wird es fast zwanzig Minuten dauern, bis Anna Vavilkina sich loslässt, bis sie das erste Mal entspannt sitzt, aufrecht, die Hände auf den Armlehnen. Es ist der Moment, in dem sie beginnt, über die Orgel zu reden. Die Orgel, das Instrument, der Mittelpunkt ihres Lebens, wie sie sagt.

Dann beginnt sie zu leuchten wie angeknipst, sie lächelt und legt ihre Schüchternheit ab. Sie redet mit Wärme, mit wirklich inniger Zuneigung über ein Instrument, das im Verständnis der meisten Leute wohl irgendwo zwischen den Begriffen Kirche und Kitsch, Hammond und Heiland daheim ist. Vavilkina spricht über die Orgel, wie manche Menschen über ihren Partner reden oder über ihre Kinder. Mit Sinnlichkeit, Zärtlichkeit und jener facettenreichen Kenntnis, die deutlich macht, dass die Beziehung zu ihrem Instrument eine sehr dauerhafte, über die Jahre an harter Arbeit, Fehlern und Triumphen gewachsene ist. Ein Instrument, an dem sie sich den Rücken krumm gespielt hat, ein Instrument, das sie beherrschen will und kann.

Wuchtig wie in der Kirche

Wie kommt diese recht junge, recht unauffällige und sehr ernsthafte Frau dazu, in einem Kino Orgel zu spielen? Mehrmals die Woche zur Spielfilmzeit oder am Wochenende um Mitternacht Stummfilme zu begleiten, die auch mal so tantig sind, dass dem Zuschauer klar wird, warum eine Marlene Dietrich die Stummfilmepisode ihrer Weltkarriere immer gekonnt verschwieg. Wer den Star in einem Werk wie „Gefahren der Brautzeit“ gesehen hat, den Vavilkina selbstverständlich auch schon begleitet hat, der weiß, warum.

Der Organistin ist der Film egal. Ihr ist es in erster Linie wichtig, Orgel spielen zu können, einen Raum zu haben, den sie fast jederzeit aufsuchen kann. Im Kino Babylon hat sie ihn gefunden, diesen Raum, sie besitzt einen eigenen Schlüssel. Ein paar Minuten Fußweg von ihrer Einzimmerwohnung entfernt, nur nicht zu weit weg von der Orgel, falls man sich brauche, wie sie sagt. Sehr praktisch sei das. Auch weil sie nach den Mitternachtsvorstellungen am Sonnabend schnell im Bett sei.

Am Sonntag schläft sie aus, frühstückt ab und an im St. Oberholz, dessen verglimmenden Hipstercharme sie immerhin mit der Facette bereichert, die einzige Kino-Organistin Deutschlands in Festanstellung zu sein. Alle anderen Tage gehören der Orgel. Vavilkina übt täglich, im Babylon oder daheim auf einem elektronischen Instrument. Selten nur eine, öfter drei, regelmäßig vier, fünf Stunden am Tag, wie sie sagt. Hinzu kommt die Zeit, in der sie im Kino Stummfilme begleitet, manchmal spielt sie auch vor dem regulären Programm, während der Fußballweltmeisterschaft hat sie die Spiele der deutschen Mannschaft auf der Orgel mit zusätzlicher Dramatik unterlegt.

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