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Sven Regener über Berlin: „In Prenzlauer Berg leben nicht nur Bionade-Freaks!“

Hing früher in Kreuzberger Kneipen rum: Sven Regener.

Hing früher in Kreuzberger Kneipen rum: Sven Regener.

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Getty Images

Sven Regener schreibt auch Bücher, am bekanntesten ist „Herr Lehmann“, ein Roman über das Kreuzberger Leben in den 80er-Jahren. Am 26. September 2014 erscheint das dreizehnte Studioalbum der Band. „Lieblingsfarben und Tiere“ heißt es. Zum Interview am späten Vormittag bittet Regeners Plattenfirma ins Café Einstein Stammhaus in der Kurfürstenstraße in Tiergarten. Der 53-Jährige sitzt mit Blick zum Eingang, man erkennt ihn gleich an seiner großen schwarzen Brille.

Herr Regener, haben Sie dieses Café ausgewählt?

Wir machen oft hier Interviews. Es ist das klassische Caféhaus, hier kann man sich gut treffen.

Nicht weit von hier, im KOB in der Potsdamer Straße, hatte die Band Element of Crime 1985 ihren ersten Auftritt.

Genau. Das KOB war am Anfang immer unser Laden, später haben wir im Quartier Latin gespielt und natürlich waren wir auch immer am Saufen im Café Swing. Das war ja die wichtigste Gegend zu West-Berliner Zeiten. Gegenüber vom Swing waren das Loft und das Metropol. Da waren damals die ganzen Konzerte, alle neuen Bands haben da gespielt. In Schöneberg lag unser Bermuda-Dreieck.

Sie sind also gar nicht gleich nach Kreuzberg gezogen, als Sie mit 21 von Bremen nach Berlin kamen?

Erst habe ich in der Nähe vom Kleistpark in Schöneberg gewohnt, später in Kreuzberg 61, dann in 36. Danach kurz nach Hamburg, dann nach Prenzlauer Berg. Wenn man so lange in einer großen Stadt lebt, dann ist das doch auch normal, dass man mal den Bezirk wechselt.

Sind die Erlebnisse an die Kreuzberger Zeit noch präsent? In Ihrem Buch „Herr Lehmann“ bekommt man ja ein sehr lebendiges und authentisches Bild.

Ich habe keine Erinnerungslücken. Das ist ein großes Glück für mich als Romanschreiber. Und beim Songschreiben hilft es auch, wenn man ein gutes Gedächtnis hat. Die Dinge fliegen einem aus der Erinnerung von überall her zu.

Von der Musik allein konnten Sie damals noch nicht leben. Welche Jobs haben Sie in dieser Zeit so alles gemacht?

Ich habe bei der Zweiten Hand, einem Kleinanzeigenblatt, gearbeitet und später im Wissenschaftszentrum Berlin am Steinplatz. Da habe ich Forschungsberichte getippt. Das waren lauter Sozialforscher, echt nette Leute. Das war ganz gut für mich, bei all der Alkoholgefährdung in dieser Zeit.

Haben Sie auch in Kneipen gejobbt?

Nee, zum Glück nicht. Ich wäre sonst mein bester Kunde geworden. Das war schon gut, dass ich ’ne Arbeit hatte, die weit weg war vom Rock’n Roll.

1987 spielte Element of Crime in der Ost-Berliner Zionskirche, als Skinheads das Konzert überfielen. Wie kam es zu diesem Auftritt?

Silvio Meier …

…ein Antifa und Hausbesetzer, der 1992 in Friedrichshain von Neonazis getötet wurde…

…hatte das organisiert. Sein Bruder wohnte in West-Berlin, so kam der Kontakt mit uns zustande. Mit so einem Überfall hatte doch keiner gerechnet. Es war danach natürlich auch klar, so ein Konzert konnten wir nicht wieder machen. Da waren über tausend Leute in der Kirche, es gab keine Security. Man kann sich nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn es eine Panik gegeben hätte. Da hätte es viele Tote gegeben. Ich bin ohnehin nur selten rübergefahren. Wir haben damals in einer Stadt gewohnt, deren andere Hälfte wir nicht kannten. Ich hatte im Ost-Teil auch keine Verwandten. Also war ich da nie.

Und jetzt wohnen Sie dort, im ehemaligen Ost-Teil, in Prenzlauer Berg. Warum wollten Sie aus Kreuzberg fort?

Ich wollte da nicht fort. Ich bin 1997 nach Hamburg gezogen für drei Jahre. Und als ich dann wieder nach Berlin wollte, habe ich eine Wohnung gesucht. Und das war zu diesem Zeitpunkt eben noch einfacher, in Prenzlauer Berg eine zu finden als in Kreuzberg. Da braucht man sich heute auch nichts vormachen: Die Wohnungslage in Kreuzberg ist auch nur desaströs.

Wie gefällt Ihnen heute das Leben im Bionade-Bezirk? Reden Sie über gute Weine, Yoga und Gentrifizierung?

Ich halte mich aus diesen Debatten raus. Das ist ja auch lächerlicher Journalistenquatsch. Da wohnen mehr als 150 000 Leute und das sind nicht alles Bionade-Freaks. Man muss doch auch mal aufhören, stumpf die stereotypen Vorurteile vorzubringen. Ich hab’ da kein Bock drauf!

Sie hätten auch ins Grüne ziehen können.

Warum? Letztendlich ist es doch so: Innerhalb des S-Bahn-Rings gibt es diese Häuser mit fünf Stockwerken. Wenn man weiter rauskommt, werden sie kleiner. Und ich bin ja extra in eine große Stadt gezogen, weil ich da wohnen wollte, wo die Häuser hoch sind und die Straßen breit. Und das ist innerhalb des S-Bahn-Rings. Dort zu wohnen, ist mir bisher ausnahmslos gelungen. Ich würde es als persönliche Niederlage empfinden, außerhalb des S-Bahn-Rings aufzuschlagen. Aber wer weiß, was das Leben noch so bringt.

Gehen Sie morgens ins Café zum Kaffeetrinken?

Ich trinke morgens Tee. Zu Hause.

Wo finden Sie in Berlin die nötige Ruhe zum Arbeiten?

In meinem Zimmer.

Haben Sie einen Lieblingsplatz?

Mein Zimmer.

Nehmen Sie Brunch-Einladungen an?

Kommt drauf an, von wem sie kommen.

Mögen Sie Wochenmärkte?

Ja, aber es gibt keinen in meiner Nähe. Und auf Wochenmärkte muss man zu Fuß gehen können, sonst ist das Quatsch.

Trödelmärkte?

Geht so.

Sonntagsspaziergänge?

Geht so.

Wechseln wir besser das Thema. In manchen Songs des neuen Albums taucht immer wieder die Nordsee auf. Sehnen Sie sich, als gebürtiger Bremer, immer noch nach dem Meer?

Na klar. Das Meer ist ja auch eine sehr starke Metapher. Die Nordsee bedeutet mir dabei mehr als die Ostsee. Die Nordsee ist doch das einzig richtige Meer, das wir haben. Die Nordsee ist das, wo es richtig kachelt. Der blanke Hans! Nordsee ist Mordsee!

Auf dem neuen Album klingt vieles musikalisch vertraut, da ist nichts Experimentelles. Man erkennt Ihre präzisen Alltagsbeobachtungen, scheinbare Banalitäten, es geht um die Blumen vom Spar und den sternklaren Himmel…

… Wenn Sie Experimente wollen, sollten Sie ins Chemielabor gehen. Und außerdem: Was ist denn an den Blumen von Spar schon wieder banal? Ich finde die viel interessanter. Tankstellenblumen und Blumen vom Spar sind doch viel spezieller als Blumen aus dem Blumenladen.

Sie mögen Supermarkt-Blumen?

Nein, darum geht es mir nicht. Es geht nicht um Wertung. Es geht nicht darum, schon gar nicht in der Kunst, aber auch sonst nicht im Leben, den ganzen Tag durch die Welt zu laufen und Bewertungen abzugeben: Da ist gut, das ist schlecht, das finde ich nicht so doll, was will der denn da, der sieht Scheiße aus, der sieht gut aus. So ist das Leben nicht! Das bringt auch nichts.

Was interessiert Sie denn nun an den Blumen vom Spar?

Die sind was ganz Spezielles. Die sind in Plastik eingewickelt, die sind ein bisschen haltbarer, müssen aber auch relativ schnell weg. Die Verkäuferinnen haben damit zu tun, obwohl sie mit Blumenverkauf eigentlich nichts zu tun haben. Man kann nicht prüfen, ob die Köpfe der Blumen hängen, weil sie in der Plastikhülle drinhängen.

Und dann tauchen neben Ihren Blumen vom Spar auch Wort-Ungetüme auf wie Schwachstromsignalübertragungsweg. Wie kommen Sie denn auf solche Begriffe?

Ganz einfach. Wenn man ein anderes Wort für Klingelleitung sucht und ein paar Silben mehr braucht.

Im Titelsong reduzieren Sie Ihre Bedürfnisse auf Lieblingsfarben und Tiere, Dosenravioli und einen Bildschirm mit Goldfisch. Und bloß kein Handy, keine Mails, Meetings und Skype-Kontakte. Klingt nach Rückzug aus dem Trubel der Großstadt.

Das ist doch ganz normal, wenn einer sagt: Ich mach mal die Tür zu. Ist das gleich ein Rückzug? Nein, ich geh’ nach Hause. Ich will meine Ruhe haben, verdammt noch mal. Das ist ein gutes Thema für ein Lied. Zu sagen: Leute, leckt mich alle am Arsch. Aber auf eine Weise, die Spaß macht, die lustig ist. Ich will den Leuten auch nichts beibringen. Wir sind doch keine Volkshochschule und keine Erziehungsanstalt! Wir sind eine Band. Die Leute brauchen doch nicht mich, um zu verstehen, dass man auch mal die Klingel abstellen kann.

In Ihren Kreuzberger Zeiten haben Sie viele Nächte in Bars und Kneipen und Clubs verbracht. Wohin zieht es Sie heute, wenn sie weggehen?

In Bars und Kneipen und Clubs. Wohin soll ich denn sonst hingehen?

Keine Ahnung. Das weiß ich nicht. Wohin gehen Sie denn?

Das würde ich doch niemandem verraten.

Der neue Kulturstaatssekretär Tim Renner nennt gern Ihren Namen, wenn es darum geht, Berliner Autoren auf die Bühnen der Stadt zu holen. Haben Sie das was geplant?

Das Konzept, Rock’n’Roller auf die Bühne zu holen, finde ich ein bisschen angestaubt. Das kommt doch gerade wieder aus der Mode. Außerdem ist „Der kleine Bruder“ …

… Ihr Nachfolge-Roman von „Herrn Lehmann“…

… doch neulich erst als Theaterversion am Maxim-Gorki-Theater gelaufen. Also über was reden wir denn hier? Wenn ich gern ein Theaterstück schreiben möchte, bzw. eins geschrieben habe, dann gehe ich damit zu Herrn Peymann oder zu Herrn Haußmann und frage: Haben Sie bzw. hast du da Bock drauf? So läuft das.

Element of Crime gibt es seit 29 Jahren. Wie schafft es eine Gruppe gestandener Männer, nach so langer Zeit, immer noch Lust auf Studio, Konzert und Tournee zu haben?

Wir machen Musik zusammen.

Reicht das?

Ja.

Hören Ihre Kinder Ihre Musik?

Das weiß ich nicht. Und wenn ich es wüsste, würde ich es nicht sagen, weil ich sie dann in die Öffentlichkeit zerren würde.

Planen Sie zum 30. Jubiläum der Band nächstes Jahr etwas Besonderes?

Wir haben beim 25. nichts gemacht, beim 20. nicht, beim 15. nicht und auch nicht beim 10. Das würde mich doch sehr wundern, wenn wir da zum 30. was machen. 30 ist auch eine uncharmante Zahl.

Das Gespräch führte Stefan Strauß.

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