05.11.2011

Szene: Die Nöte der Partybranche

Von Anne Lena Mösken
Beliebt und gefährdet: Der Schokoladen kämpft um seine Existenz.
Beliebt und gefährdet: Der Schokoladen kämpft um seine Existenz.
Foto: Berliner Zeitung/Benjamin Pritzkuleit
Berlin –  

Die Berliner Politik brüstet sich gern mit dem vitalen Nachtleben in den Clubs der Stadt. Als Wirtschaftsfaktor ist es längst äußerst wichtig. Doch den Betreibern wird das Leben schwer gemacht.

Ben de Biel hat keine Lust mehr. Zwölf Jahre lang hat er einen der bekanntesten Clubs der Stadt geführt, an einem dieser Orte, wie es sie nach der Wende so viele im Ostteil der Stadt gab und für die Berlin heute so berühmt ist bei jungen Kreativen auf der ganzen Welt. Die Maria war ein Club in einer alten Fabrikhalle an der Spree. Dann kaufte ein Hamburger Investor das Gelände und schickte de Biel 2010 die Kündigung. Ein Jahr lang durfte er noch bleiben, auch jetzt sieht es nicht so aus, als würde hier bald gebaut. Wahrscheinlich könnte der Club noch ein bisschen weiterlaufen, aber Ben de Biel hat genug.

Lutz Leichsenring, Sprecher der Club Commission (l).
Lutz Leichsenring, Sprecher der Club Commission (l).
Foto: Benjamin /Pritzkuleit

Stundenlang könnte er mittlerweile darüber reden, was die Berliner Clubkultur gerade braucht. Genau das war die zentrale Frage, die am Freitag diskutiert wurde, im Rahmen von all2gethernow, einem seit mehreren Jahren in Berlin stattfindenden Treffen der Musikbranche und der mit ihr zusammenhängenden Kultur- und Kreativzweige. Dazu gehören in Berlin vor allem die Clubs.

Ben de Biel war also eingeladen, außerdem Anja Gerlich, die derzeit den Schokoladen in Mitte von einer Gerichtsverhandlung zur nächsten vor den Räumungsklagen zu retten versucht. Der Vermieter will sanieren. Dazu Steffen Hack, Betreiber des Watergates am Kreuzberger Ende der Oberbaumbrücke. Sie trafen sich in einer alten Seifenfabrik, wenige hundert Meter von dem Ort, an dem de Biels Club noch steht.

Interview: "Der Standort muss geschützt werden"
Lutz Leichsenring, Sprecher der Club Commission

Es war eine der ersten Entscheidungen in den Koalitionsgesprächen von SPD und CDU in Berlin: Die angestrebte große Koalition gründet ein sogenanntes Musikboard, eine in der Senatskanzlei anzusiedelnde Institution, die die Berliner Pop- und Clubkultur entwickeln und fördern soll. Das Musikboard geht zurück auf eine Initiative von rund 400 Club-Betreibern, Label-Inhabern und Konzertveranstaltern. Keimzelle dieser Initiative ist die Club Commission, ein im Jahr 2000 gegründeter Zusammenschluss von Unternehmern und Aktivisten der Branche. Der 32-jährige Lutz Leichsenring ist seit 2009 Vorstandsmitglied der Club Commission und deren Sprecher.

De Biel hat sich nach etwas Neuem umgeschaut. Es gibt da eine alte Halle am Ostbahnhof, die Bombardier gehört und die seit Jahren leer steht. Doch wer immer zuständig wäre für eine temporäre Nutzung des Gebäudes, sei nicht zu erreichen gewesen, sagt er. Eine vermittelnde Stelle beim Bezirk oder bei der Stadt gibt es nicht. "Sicher sind die Freiräume in der Stadt weniger geworden", sagt de Biel, "aber es gibt sie, nur werden sie denen, die sie gerne bespielen würden, oft nicht zur Verfügung gestellt."

Fehlende Planungssicherheit

Und einfach irgendwo einen neuen Club eröffnen, nein, dafür hat Ben de Biel genug andere Dinge, die er tun kann. Er ist gerade Pressesprecher der Piratenpartei und eigentlich ist er sowieso am liebsten Fotograf, das hat er mal gelernt. Er würde gerne auch in Zukunft einen Club betreiben, aber nicht um jeden Preis. De Biel ist nach all den Jahren in der Berliner Nacht auch Unternehmer geworden. "Wer mit den Topläden der Welt mithalten will, der braucht Planungssicherheit", sagt er. Weil Clubs Dutzende Angestellte beschäftigen, weil sie gefragte Künstler Monate im voraus buchen, weil sie Verträge haben, mit der Gema zum Beispiel, die über die Aufführungsrechte wacht.

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